US Open
Del Potro dreht die Zeit zurück

Vor sieben Jahre verblüffte ein 20-Jähriger am US Open die Zuschauer. Die Jahre danach waren für Juan Martin de Potro aber von Verletzungen geprägt. Jetzt scheint der Leidensweg des Argentiniers endlich vorbei zu sein.

Petra Philippsen, New York
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Die Fans sind scharf auf die Autogramme von Juan Martin del Potro. key

Die Fans sind scharf auf die Autogramme von Juan Martin del Potro. key

KEYSTONE

In den Katakomben des Arthur Ashe Stadium hängen die Porträts der ehemaligen Champions der US Open an den Wänden, und so wird der Weg zu den Umkleiden und hinaus auf den Centre-Court immer zu einer kleinen Zeitreise durch die Turniergeschichte. Juan Martin del Potro ist auch dabei, und der Argentinier postete nun ein Foto von sich selbst. «Guckt mal, wer wieder da ist», schrieb er zu der Schwarz-Weiss-Aufnahme, die umso mehr unterstrich, wie lange sein grosser Moment schon her ist.

2009 hatte del Potro als 20-Jähriger alle in Flushing Meadows verblüfft. Dieser Zwei-Meter-Riese mit den irrwitzig schnellen und extrem flachen Vorhandpeitschen, der erst Rafael Nadal im Halbfinal demontierte und danach Roger Federer den sechsten US-Open-Sieg in Folge vermieste. Del Potro erspielte sich auf so furiose Weise den Titel, dass er sofort zum grössten Herausforderer der «Fab Four» avancierte. Doch es kam anders. Statt auf dem Tennisplatz kämpfte del Potro jahrelang in Kliniken und Rehazentren, seine Karriere schien eigentlich vorbei zu sein. Aber jetzt ist der «Turm von Tandil» mit fast 28 Jahren zurück beim US Open und verblüfft die Tenniswelt aufs Neue.

«Ich bin selbst ganz überrascht, das hatte ich wirklich nicht erwartet», sagte del Potro nach seinem Einzug in den Achtelfinal, «mit meinem Level habe ich wohl auch die anderen Jungs überrascht. Das ist toll, ich kann in Zukunft wieder gefährlich sein.» Nach seinem fast beispiellosen Leidensweg mit vier Handgelenksoperationen ist das kaum zu glauben. 2010 begannen die Probleme, erst in seiner rechten Schlaghand. Del Potro verpasste fast die komplette Saison, rutschte auf Rang 485 ab. Doch er kämpfte sich zurück bis auf Platz fünf, der endgültige Durchbruch wollte aber nicht gelingen. Anfang 2014 begann dann die echte Misere, dieses Mal mit dem linken Handgelenk, das bei der Rückhand belastet wird. Im März 2014, im Januar 2015 und im Juni 2015 folgten die Eingriffe. Für Del Potro wurde es eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen, zwischen mühsamem Aufbau und harten Rückschlägen. Immer wieder von vorn. «Das war eine grausame Situation», erinnert er sich heute: «Ohne Familie und Freunde wäre ich an ihr zerbrochen. Sie haben mich immer motiviert, es weiter zu versuchen und den Glauben nicht zu verlieren.»

Medaille in Rio

Del Potro enttäuschte sie nicht. In dieser Saison gelangen ihm die ersten Schritte zurück auf die Tour, doch spätestens seit Olympia in Rio weiss die Tenniswelt wieder, wie sehr ihnen dieser aussergewöhnliche Charakter gefehlt hatte. Es hätte schnell vorbei sein können, mit dem Auftaktlos gegen Novak Djokovic. «Als ich die Auslosung sah, habe ich eigentlich mehr ans Barbecue zu Hause als an eine Medaille gedacht», gab del Potro süffisant zu. Aber der Argentinier spielte fantastisch. Und so erbarmungslos sein aggressives Offensivspiel ist, so konterkariert es seine sanfte Art abseits des Platzes. Die Herzen der Fans hatte del Potro im Nu erobert. Er rackerte, in sechs Partien, 22 Stunden lang. Und die Menschen spürten auf seinem Weg in den Final, wie leidenschaftlich er diese Medaille wollte, obwohl er völlig erschöpft war. Und sie trugen ihn. Es hat nicht viel gefehlt zur Goldmedaille in diesem denkwürdigen Endspiel gegen Andy Murray. Verloren hat del Potro nicht.

«Ich war mehrmals nah dran, aufzuhören», sagte er, «es gab so viele dunkle Momente für mich. Aber jetzt sieht alles wieder heller aus.» Auch beim US Open, wo heute der Österreicher Dominic Thiem wartet. Als Nummer 142 ist del Potro der Aussenseiter, aber wohl nur auf dem Papier. Wenn ihn die müden Beine noch tragen, ist er eine Gefahr – und für die Fans in Flushing Meadows der absolute Liebling. «Ich glaube, die Leute bewundern, was ich durchgemacht habe, um wieder hierherzukommen», sagt del Potro. Es ist nicht mehr so wie damals, als er 20 Jahre alt war. Aber dennoch scheint es so, als habe del Potro die Zeit ein Stück zurückgedreht.