Am Sonntag landete Denis Shapovalov am Flughafen Zürich. Empfangen wurde er dort von Roger Federer. Die Wände im Kinderzimmer des Kanadiers sind noch immer mit Postern seines Idols tapeziert. «Und die nehme ich dort auch nicht mehr runter», sagt der Blondschopf.

Grosser Federer-Fan: Denis Shapovalov.

    

Natürlich war Federer nicht wirklich am Flughafen. Aber Denis Shapovalov freute sich so sehr über den animierten Federer in Lebensgrösse, der in der Ankunftshalle dazu auffordert, mit ihm ein Selfie zu machen, dass er das mit den über 250 000 Anhängern teilte, die ihm auf Instagram folgen.

Mischung aus Borg und Federer

Dabei ist Shapovalov (19), die Mütze immer rebellisch nach hinten gekehrt, längst selber das Gesicht der Zukunft. Roger Brennwald bezeichnete ihn als «Mischung aus Björn Borg und Roger Federer». Der Linkshänder, der mit einer spektakulären, einhändigen Rückhand gesegnet ist, stieg kometenhaft auf: In Montreal erreichte er 2017 nach Siegen gegen Nadal und Del Potro die Halbfinals und stiess in der Weltrangliste von Position 250 bis auf Platz 23 vor. Ganz so rasant ging es aber nicht weiter.

Gemessen an seinem Talent sind drei Halbfinal-Teilnahmen in dieser Saison eine magere Ausbeute. Es zählt zu den bemerkenswerten Eigenschaften seines Lagers, dass es darob nicht in Panik zu verfallen scheint. Noch immer begleitet ihn seine Mutter Tessa als Trainerin. Assistiert wird sie von Martin Laurendeau, dem Captain des kanadischen Davis-Cup-Teams.

Unliebsame erste Schlagzeilen

Das Sportlergen hat Shapovalov in die Wiege gelegt bekommen: Die Mutter war Tennisspielerin, Vater Wiktor spielte Volleyball. 1999 wanderten die Russen nach Tel Aviv aus, wo Shapovalov zur Welt kam. Ein Jahr später zogen sie nach Kanada. 2016 gewann Shapovalov das Junioren-Turnier von Wimbledon.

Unliebsam waren hingegen die ersten Schlagzeilen bei den Profis: 2017 drosch er im Davis-Cup frustriert einen Ball weg und traf Schiedsrichter Arnaud Gabas unglücklich. Dieser erlitt einen Augenhöhlenbruch und musste später operiert werden. Shapovalov wurde disqualifiziert und mit 7000 Dollar gebüsst. Ins Auge sticht er seither nur noch mit seinem spektakulären Spiel.

Und dann gibt es da noch den zweiten Engel: Stefanos Tsitsipas.

  

Er könnte auch Skateboarder sein, oder YouTube-Star: Stefanos Tsitsipas, langes, blondes Haar, Grieche, erst 20 Jahre alt. Ein Mädchenschwarm wie aus dem Bilderbuch. Ist Tsitsipas im Ausland, lässt er seine Anhängerschaft in selbst gestalteten Videos an seinen Erlebnissen teilhaben.

Seine Sicht auf die Welt ist unverfälscht, neugierig, offen. Jüngst sagte er zur «New York Times»: «Die Züge, der Lärm der Leute. Autos, Hupen, Taxis. Das knarrende Geräusch der Hot-Dog-Wagen. In dieser Stadt passiert so viel. Es gibt wohl keinen Ort auf der Welt, wo so viel um dich herum passiert wie New York.»

«Be a Rebel»

Was ihn vom Gros seiner Generation unterscheidet, ist der Tiefgang. Denn Tsitsipas hat eine Botschaft: «Be a Rebel», heisst es in einem Beitrag. Sei ein Rebell. Es folgen Bilder aus Paris – Eiffelturm, Seine, Notre Dame – Fotos von Apple-Ikone Steve Jobs, von Widerstandskämpfer Nelson Mandela, von Guerilla-Anführer Che Guevara. Dazwischen Tsitsipas: Er deutet mit dem Zeigefinger auf seine Zuschauer und sagt: «Das Leben braucht eine Person wie dich, um die Welt zu ändern.»

Stefanos Tsitsipas ist die Nummer 16 der Welt. Am Sonntag gewann er in Stockholm sein erstes ATP-Turnier. Er spielt intuitiv, kreativ, wuchtig. Doch es ist sein Charisma, das ihn für den in die Jahre gekommenen Tenniszirkus zum Geschenk des Himmels macht. Stefanos Tsitsipas ist 20 Jahre alt, doch er spricht wie ein Philosoph.

«Ein Atemzug vom Tod entfernt»

Es gibt eine Geschichte, die erklärt, warum Tsitsipas so ist, wie er ist: nachdenklich, charismatisch, reflektiert. 2015 spielte er auf Kreta ein Turnier. Ein Freund und er wollten sich im Meer abkühlen. Sie unterschätzten die Fluten. Das Wasser war tief, die Wellen hoch. «Beinahe wären wir ertrunken. Ich war nur einen Atemzug vom Tod entfernt», erzählte er jüngst. Es war sein Vater und Trainer Apostolos Tsitsipas, der die beiden Ertrinkenden aus dem Wasser zog.

«Es war ein Weckruf», sagte Tsitsipas. Er habe ihm gezeigt, was wirklich wichtig sei im Leben. «Seither habe ich vor nichts im Leben Angst.» Er ist einer, der dazu geboren wurde, die Tenniswelt zu verändern.