Tennis
Auf Angriffskurs: Zwei Jahre nach dem letzten Grand-Slam-Titel will Rafael Nadal wieder jubeln

Rafael Nadal will mit seinem Mentor aus Kindertagen zu alter Stärke zurückfinden. Der Spanier belegt auf der Weltrangliste nur Platz 9 und hat seit zwei Jahren keinen Grand-Slam mehr gewinnen können.

Petra Philippsen, Melbourne
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Rafael Nadal konnte sich in der ersten Runde des Australian Open gegen Florian Mayer durchsetzen.

Rafael Nadal konnte sich in der ersten Runde des Australian Open gegen Florian Mayer durchsetzen.

(AP Photo/Andy Brownbill)

John McEnroe ist ein Grossmaul. Das war schon so, als er noch spielte und sich regelmässig in legendären Schimpftiraden mit Schiedsrichtern verhedderte. Und das ist auch heute noch so, mit inzwischen 57 Jahren. Deshalb ist der amerikanische Altmeister auch der bestbezahlte Fernseh-Experte im Tennissport.

Und so hatte McEnroe vor einem Jahr kein Blatt vor dem Mund genommen, als Rafael Nadal bereits in der ersten Runde der Australian Open ausgeschieden war. «Verdammt, hol dir einen neuen Coach», motzte McEnroe, «es ist Zeit für frisches Blut im Nadal-Camp.»

Natürlich meinte McEnroe damit in erster Linie sich selbst. Schliesslich hatte man ihn als Einzigen im jüngsten Trend, ehemalige Champions als Trainer zu verpflichten, schmählich übergangen. Roger Federer hatte Stefan Edberg, Andy Murray Ivan Lendl und Novak Djokovic Boris Becker. Nur Nadal verweigerte sich konsequent. Der mittlerweile 30-jährige Spanier blieb seinem Onkel Toni Nadal treu, obwohl es in den vergangenen zwei Jahren immer schlechter für ihn auf der Tour lief.

Nadal will es nochmals wissen

Nadal tut sich mit Änderungen generell schwer, und er braucht ein Umfeld, dem er vertraut. Sein Onkel coacht ihn von klein auf, auch mit den übrigen Teammitgliedern arbeitet Nadal seit Jahren. Seine engsten Freunde zu Hause auf Mallorca kennt er noch aus dem Kindergarten. McEnroe wäre nie für ihn infrage gekommen.

Doch nachdem Nadal mit Rang neun so schlecht wie seit zehn Jahren platziert ist und seit seinem neunten French-Open-Triumph 2014 bei keinem Grand Slam mehr über das Viertelfinal hinaus kam, sah sich Nadal wohl genötigt, den Rufen nach Veränderung nachzugeben.

Denn nach erneuten, monatelangen Verletzungssorgen will Nadal jetzt noch einmal angreifen. Er verpflichtete mit Carlos Moya den ehemaligen French-Open-Sieger und Weltranglistenersten als zusätzlichen Trainer. Und zumindest diese erste Runde der Australian Open überstand Nadal am Dienstag schon mal – zum Leidwesen von Florian Mayer, der ihm mit 3:6, 4:6, 4:6 unterlag.

«Rafa ist nicht mehr so gut wie vor fünf Jahren», sagte der 33-jährige Deutsche, «aber er ist immer noch ein Top-Ten-Spieler und er kämpft verbissen um jeden Ball.» Doch ist er noch gut genug für die grossen Titel? Nadal hofft darauf, scheint ihn doch vor allem der Traum von einer zehnten Trophäe in Roland Garros noch einmal anzutreiben. Dort musste er im letzten Frühjahr mit einer Handgelenksverletzung zurückziehen.

«Danach war die Saison im Grunde vorbei für mich», sagte Nadal, «in den letzten sieben Monaten habe ich nur noch ein paar Turniere gespielt.» Und das meist unter Schmerzen. Er müsste sich das mit 14 Grand-Slam-Pokalen nicht mehr antun, doch er will es. «Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass ich noch um die grossen Titel mitkämpfen könnte», betonte Nadal, «dann wäre ich sicher längst zu Hause beim Angeln und Golfspielen.»

Und er scheint nun mit Moyas Verpflichtung einen neuen Reiz zu setzen, doch genauer betrachtet ist es eine Wohlfühlentscheidung. Moya ist seit Nadals Kindertagen sein Mentor und enger Freund, und er wohnt auf Mallorca bloss eine halbe Stunde von Nadals Zuhause entfernt.

Im Grunde gehört Moya ohnehin schon zu Nadals Leben, nun ist er auch noch offiziell in sein Team integriert. «Carlos kennt mich, er kennt mein Spiel und wir schätzen uns sehr», sagt Nadal, «natürlich ist es keine drastische Änderung, aber manchmal hilft es, wenn man mal eine andere Stimme hört.»

Die gefürchtete Vorhand

Und auf Moyas Ratschläge hat er schon immer gehört. Zuletzt trainierte der Spanier den Weltranglistendritten Milos Raonic und Moya verfügt durchaus über Know-how, um auch Nadals Spiel taktisch und technisch noch zu verbessern.

Kennen sich schon seit Ewigkeiten: Rafael Nadal mit seinem Mentor Carlos Moya.

Kennen sich schon seit Ewigkeiten: Rafael Nadal mit seinem Mentor Carlos Moya.

Keystone

Dessen einst so gefürchtete Vorhand hat längst seinen extrem gefährlichen Spin eingebüsst. Sie könne die Gegner nicht mehr zerstören, hatte Nadal mit Bedauern festgestellt. Aber besonders diese Waffe muss der Mallorquiner wieder schärfen, wenn er es mit den aktuellen Schwergewichten Murray und Djokovic aufnehmen will. Das obige Video zweigt jedoch, dass er die Vorhand nicht ganz verlernt hat.

Für Nadal heisst es in dieser Saison: jetzt oder nie. Und das weiss er. Von den French Open wird das Wohl und Wehe seiner Mission massgeblich abhängen. Holt er dort den Titel, macht Nadal vielleicht noch länger weiter. Scheitert er vorzeitig, verlegt er sich wohl doch dauerhaft aufs Angeln und Golfspielen.

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