Angelique Kerber kam gar nicht zum durchatmen. Nach dem Posieren im Blitzlichtgewitter der Fotografentraube in der Rod-Laver-Arena wurde die Kielerin sofort im Dauerlauf aus dem Hinterausgang geführt, hinüber ins Fernsehstudio des australischen Channel 7 am anderen Ende des Melbourne Park. Alles live, von Millionen Zuschauern beobachtet.

An der Pressekonferenz wurde Champagner serviert.

An der Pressekonferenz wurde Champagner serviert.

Und begleitet vom Gejohle und tosendem Applaus Hunderter Fans, die ihren Weg bis zum Studio säumten. «Ist das wirklich gerade passiert?», fragte Kerber mit breitem Grinsen die Moderatorin und Ex-Spielerin Rennae Stubbs. Und die Australierin beruhigte sie: «Ja, du bist wirklich Grand-Slam-Champion!» Kerber winkte glücklich den jubelnden Fans hinter sich zu und wollte gar nicht mehr aufhören zu strahlen.

Serena Williams überzeugte als äusserst faire Verliererin.

Serena Williams überzeugte als äusserst faire Verliererin.

«Das hört sich für mich immer noch so surreal an», sagte sie: «Grand-Slam-Champion.» Aber es stimmte, Kerber hatte mit einer sensationellen Leistung die grosse Serena Williams im Endspiel der Australian Open mit 6:4, 3:6 und 6:4 in 2:09 Stunden bezwungen – und so als erste deutsche Spielerin seit Steffi Graf 1999 bei den French Open eines der vier Major-Turniere gewonnen.

Sekunden nach dem Matchball. Die Sensation ist perfekt.

Sekunden nach dem Matchball. Die Sensation ist perfekt.

«Ich rufe gleich als Erstes meine Grosseltern an», erzählte Kerber, «die beiden schauen in Polen zu und freuen sich so sehr für mich. Ohne sie wäre ich heute gar nicht hier.» Und es war ein langer Weg für die 28-Jährige gewesen von der Tennishalle ihres Grossvaters in Puszczykowo bis aufs Siegertreppchen in der Rod-Laver-Arena. «Aber ich habe jahrelang so hart gearbeitet und der ganze Schweiss hat sich jetzt endlich gelohnt», freute sich Kerber, «ich bin so glücklich.» Und sie hielt den Daphne Akhurst Memorial Cup völlig verdient in Händen. Es war das Spiel ihres Lebens.

Aber wer hätte gedacht, dass ihr dieser furiose Coup gegen die beste Spielerin der Welt gelingen würde? Williams hatte seit den US Open 2011 keinen Grand-Slam-Final mehr verloren und seither acht Major-Trophäen abgeräumt. Durch das Turnier war die 34-jährige Amerikanerin im Eiltempo marschiert, hatte bloss 26 Spiele und keinen Satz abgegeben.

Serena Williams freut sich mit der erstmaligen Grand-Slam-Siegerin.

Serena Williams freut sich mit der erstmaligen Grand-Slam-Siegerin.

Kaum jemand zweifelte daran, dass sich Williams ihren siebten Titel in Melbourne schnappen würde. Doch dann stellte sich ihr Kerber so beharrlich und furchtlos gegenüber, wie es wohl auch die Amerikanerin nicht vermutet hätte. «Ich wusste nur, dass ich da rausgehen muss und draufgehen muss, sonst habe ich keine Chance gegen Serena», sagte Kerber. «Ich bin rausgegangen, um zu gewinnen.»

Fast mochte man sich die Augen reiben, dass Kerbers Aufschlagquote höher war als jene von Williams. Kerber ging mit dem Satz in Führung, die Sensation lag bereits in der schwülen Melbourner Abendluft. Aber Williams kämpfte sich heran, glich aus, doch immer noch war Kerber die Mutigere und Entschlossenere der beiden. Sie lieferten sich spektakuläre Ballwechsel, Kerber agierte mit viel Wucht, aber genauso cleveren Variationen – wie den Stopps.

Die besten Bilder des Finals:

Doch Williams blieb gefährlich und bis zum Schluss dran. «Ich habe aber fest an mich geglaubt», sagte Kerber. «Ich wusste, dass ich dem Druck jetzt standhalten kann.»
Sie tat es und erkämpfte sich einen Matchball. «Ich dachte nur: Bitte lass den Return einfach über das Netz gehen und lass es kein Ass sein.» Das Flehen half, Williams schob ihre Rückhand ins Aus und Kerber liess sich vor Freude rücklings auf die Grundlinie fallen. Was für ein Kraftakt, was für ein Triumph.

«Das war fast unmenschlich, ein unfassbares Match von Angie», sagte ihr Trainer Torben Beltz. Am ersten Turniertag hatte Kerber Geburtstag, am zweiten einen Matchball gegen sich, am letzten wurde sie Champion und die neue Nummer zwei der Welt. «Das war wirklich ein verrücktes Turnier», sagte Kerber, «aber ich freue mich auf alles, was jetzt kommt. Ich glaube, ich habe das wirklich verdient.»