Belinda Bencic, hätten Sie damit gerechnet, nach Ihrer viermonatigen Pause nach der Operation am Handgelenk so erfolgreich zurückkehren zu können?

Belinda Bencic: Es lief sicher besser als erwartet, besonders der Sieg in St. Petersburg war unglaublich, weil es gleich beim ersten Turnier nach dem Comeback geschah! Anfangs fühlte sich alles etwas fremd an, weil man das Gefühl verliert, wie man sich in gewissen Situationen verhalten muss. Aber ich ging es ohne Druck, ohne Erwartungen und darum ganz entspannt an.

Wie fühlten Sie sich während Ihrer Pause?

Nach der Operation spielte ich sechs Wochen gar nicht Tennis. Dann spielte ich wieder Vorhand und mit der Rückhand mit Slice (einhändig; Anm. d. Red.).

Dann sind Sie jetzt richtig gut mit dem Slice ...

(Lacht) Ich habe keinen einzigen Slice gespielt im Match. Aber es war schon eine lange Zeit. Als ich die ersten Trainingspunkte und dann das erste Turnier spielen konnte, fühlte ich mich mega, wie der Tiger, der aus dem Käfig kommt.

War es ein Vorteil, bei kleineren Turnieren wieder einzusteigen und so nicht gleich in der ersten Runde auf Topspielerinnen zu treffen?

Ja. Ich konnte das ja auch beeinflussen. Ich hätte noch einen Monat warten und das geschützte Ranking in Anspruch nehmen können. Ich entschied mich aber dagegen, weil ich vom Handgelenk her bereit war und keinen Sinn darin sah, länger zu warten. Ich wollte gegen schwächere Gegnerinnen viele Matches spielen und mich hochkämpfen.

Sie waren einmal die Nummer 7 der Welt. Wie weit sind Sie davon entfernt?

Das kann ich nicht beantworten, weil ich nicht weiss, was meine hundert Prozent sind. Ich war bei diesen Turnieren einfach besser als meine Gegnerinnen. Aber ich bin heute auch anders als Spielerin und Person.

Wie meinen Sie das?

Als ich in den Top Ten war, war es klar, dass ich selber und die Leute mehr von mir erwarteten. Jetzt waren die Erwartungen automatisch tiefer. Ich war schon froh, dass ich eine Rückhand spielen konnte und mir nichts wehtat. Das hat mir geholfen, nicht so hässig zu werden, wenn ich einmal einen Fehler gemacht habe.

Das Handgelenk bereitet Ihnen also keine Sorgen mehr?

Nein. Es hat seit der Operation kein einziges Mal wehgetan. Es war eigentlich eine einfache Sache, aber als Tennisspieler ist eine Operation immer die letzte Möglichkeit. Danach konnte ich wegen des Gipses sechs bis acht Wochen gar nichts machen, was mühsam war. Ich war einfach zu Hause, habe Puzzles gemacht und war total am Durchdrehen. Zum Abschalten ging ich alleine nach Monte Carlo in die Ferien. Und zum Glück haben wir ja jetzt einen Hund, Snowy, den ich meiner Mutter geschenkt habe.

Haben Sie aus der Pause gelernt?

Ja, dass ich künftig cleverer planen muss und nicht zu viel spiele, damit ich gesund bleibe. Als es zu Beginn so gut lief bei mir, war ich halt sehr motiviert, wollte immer mehr spielen. Dann kamen die Verletzungen, ich kam da irgendwie nicht mehr raus. Ab jetzt werde ich auch mal ein Turnier auslassen, wenn ich zuvor ein gutes gespielt habe.

Sie haben sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Wieso?

Ich fand, es gab in meiner Verletzungszeit nicht viel zu sagen und ich brauchte Ruhe. Ich wollte in Ruhe für mich arbeiten. Deswegen habe ich auch die kleineren Turniere gespielt. Ich wollte auch mein Comeback nicht an die grosse Glocke hängen. Ist man obenauf, sind alle voll des Lobes. Läuft es weniger gut, wussten es alle schon im Voraus. Ich blende das aus.

Sie trainieren inzwischen oft in der Slowakei …

Das will ich noch richtigstellen. Es stimmt nicht, dass ich der Schweiz den Rücken gekehrt habe. Ich habe im Sommer in der Slowakei meine Vorbereitung gemacht, weil ich da viele Trainingsmöglichkeiten habe. Aber ich war auch viel hier.

Wo trainieren Sie, wenn Sie in der Schweiz sind?

Mal in Wollerau, mal im Gründenmoos in St. Gallen oder auch in Biel mit Viktorija Golubic und Timea Bacsinszky. Ich brauche die Abwechslung. Es ist langweilig, immer am gleichen Ort zu trainieren.

Mit Melanie Molitor arbeiten Sie nicht mehr zusammen?

Ja, das ist abgeschlossen.

Was ist Ihr neuer Trainer, Ian Hughes, für ein Typ?

Ich wusste, dass er frei ist, und dachte nach der Verletzung, es wäre gut, einen Test von zwei Wochen zu machen. Ich war begeistert. Er ist sehr ruhig, ein taktischer Typ. Er lebt fürs Tennis, und ich habe das Gefühl, dass er mir weiterhelfen kann. Bis jetzt läuft es super. Und er kommt da hin, wo ich trainiere.

Als Top-100-Spielerin stehen Sie im Australian-Open-Hauptfeld.

Das ist ein Bonus. Ich wäre auch mit der Qualifikation zufrieden gewesen. Das Ranking interessiert mich im Moment überhaupt nicht. Aber klar, wieder herunterfallen möchte ich auch nicht. Ich habe ja kaum Punkte zu verteidigen, das möchte ich schon gerne ausnützen.

Wie sehen Ihre Pläne für die nächsten Wochen aus?

«Jetzt nehme ich sicher mal eine Woche frei, dann beginne ich mit Kondition und etwas Tennis. Am 6. Dezember fliege ich nach Dubai, mache dort die Vorbereitung und spiele im Rahmen des Trainings ein 100 000-Dollar-Turnier. Von dort fliege ich dann nach Australien.

Also keine Weihnachten in der Schweiz mit der Familie?

Wir werden in Dubai sein. Mami und Papi machen dann hoffentlich bei mir Ferien. Leider kann der Hund nicht mit, er ist mittlerweile zu gross fürs Fliegen.

Sie machen es also wie Roger Federer ...

(Lacht) Ja, wir trainieren dann jeden Tag zusammen. Nein, ich freue mich wahnsinnig auf den Hopman Cup mit ihm – unglaublich, was er wieder geleistet hat! Es ist schade, keine Weihnachten zu haben – aber Roger ist es wert! Und Neujahr in Perth ist auch nicht schlecht.