Australian Open

«Ich war zu wenig gut, um gewinnen zu können.»

Stan Wawrinka und Novak Djokovic haben ein Flair fürs Dramatische: Zum vierten Mal hintereinander binnen zwei Jahren duellierten sie sich an einem Grand-Slam-Turnier über fünf Sätze. In Melbourne setzte sich diesmal wieder Djokovic durch.

Wawrinkas Frust hielt sich überraschenderweise in Grenzen. Denn nach drei Stunden, nach dem Satzausgleich zum 2:2, standen die Zeichen für ihn scheinbar auf Sieg. Stan Wawrinka schien seinem Gegner, dem Weltranglistenersten, physisch klar überlegen. Novak Djokovic wusste phasenweise nicht mehr, was er versuchen und wie er sich wehren sollte. Djokovic spielte öfter Serve-and-Volley als letzten Sommer bei seinem Wimbledonsieg, weil er in den Grundlinienduellen immer wieder von Wawrinka überfordert wurde. Das erste Game im fünften Satz schien diese verheissungsvolle Ausgangslage zu bestätigen. Wawrinka bot sich gleich eine Breakmöglichkeit. Aber er verzog eine scheinbar einfachen Backhand-Gewinnschlag.

«Nicht das besteSpiel»: Stan Wawrinka ist an der Medienkonferenz etwas sprachlos

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In den ersten vier Sätzen hatte Wawrinka fünf von sechs Breakbällen verwertet. Im Entscheidungssatz gelang ihm trotz noch einer zweiten Chance kein weiterer Aufschlagdurchbruch mehr. Nach dem leichtfertig vergebenen ersten Breakball implodierte der Titelverteidiger. Sein Niveau, in den Sätzen 2 bis 4 zwar nicht immer konstant, aber dennoch Weltklasse, sank von einem Moment zum anderen ins Bodenlose. Im Entscheidungssatz gewann Wawrinka mit dem zweiten Aufschlag keinen einzigen Ballwechsel mehr. Von der Grundlinie unterliefen ihm zehn einfache Fehler bei bloss noch zwei Gewinnschlägen. Mit zwei Doppelfehlern innerhalb einer Minute ermöglichte er seinem Gegner die Breakchance zum 2:0. Vorher waren ihm in 186 Minuten Spielzeit ebenfalls nur zwei Doppelfehler unterlaufen. Innerhalb weniger Minuten war die Grosschance, Djokovic am Australian Open erneut zu eliminieren und am Sonntag wiederum nach dem Titel zu greifen, vergeben und vertan: 6:7 (1:7), 6:3, 4:6, 6:4, 0:6 in genau dreieinhalb Stunden.

"Nicht traurig, nicht wütend, nicht zufrieden"

Am Ende hatte Wawrinka Schwierigkeiten, seine Gefühle zu beschreiben. "Ich bin nicht traurig. Ich bin nicht wütend. Ich bin nicht zufrieden", sagte er. Stan hatte gar nicht das Gefühl, eine grosse Chance vergeben zu haben: "Ganz im Gegenteil. Es war eine komische Partie. Schon vor dem Spiel fühlte ich mich todmüde. Ich war überrascht, dass ich im vierten Satz ins Spiel zurückgefunden hatte. Ich denke, Djokovic und ich hatten beide nicht den besten Tag. Und ich war zu wenig gut, um gewinnen zu können."

Wawrinka wird sich auch nicht lange grämen. Er geht davon aus, dass schon beim Erwachen am Samstag die Enttäuschung über das Ausscheiden verschwunden ist, denn "mein Tennis und meine Form sind da". In der Weltrangliste fällt Wawrinka nächsten Montag auf Platz 9 zurück, seine schlechteste Klassierung seit anderthalb Jahren. Wawrinka: "Dazu gibt es nicht viel zu sagen. Auf dem Papier sehen meine Resultate nicht schlecht aus: Turniersieg in Chennai, nun Halbfinal am Australian Open. Wenn ich weiter gut spiele, wird sich mein Ranking auch wieder verbessern."

Wawrinka vergab Chancen

Davon ist in der Tat auszugehen. Wawrinka mag bloss noch die Nummer 9 der Welt sein, in der Jahreswertung belegt er mit seinen Januar-Ergebnissen aber bereits wieder Platz 3. Im letzten Jahr holte Wawrinka an zwei Turnieren (Turniersiege am Australian Open und in Monte Carlo) die Hälfte seiner Weltranglistenpunkte. Aber er verpuffte viel Kraft (vier Wochen) im Davis Cup. In den nächsten beiden Jahren will Wawrinka seine Karriere in den Vordergrund stellen. Weniger Davis Cup spielen. Die Trainingsphasen besser planen. Wawrinka: "Es sollte möglich sein, konstanter zu spielen als im letzten Jahr. Und mit besseren Resultaten wird auch die Weltranglistenklassierung wieder besser." Dass er im Vergleich zu den übrigen Spitzenspielern bei den Leuten ist, hat der bald 30-jährige Wawrinka in Melbourne bewiesen, auch im Halbfinal gegen Djokovic, obwohl sich das "Wunder von 2014" nicht wiederholte.

Chancen für ein neues Wunder wären da gewesen. Im ersten Satz führte Wawrinka mit einem Break mit 4:3, verlor anschliessend aber sein Aufschlagspiel zu Null und bei 6:6 das Tiebreak mit 1:7. Im dritten Satz bot sich Wawrinka eine Möglichkeit, in Führung zu gehen, später holte er einen 0:3-Rückstand auf. Und im fünften Satz "vergab Stan das 1:0 mit einem sehr einfachen Fehler", räumte sogar Djokovic ein. Aber eben: Es wäre wieder ein Wunder gewesen. Sogar im letzten Jahr, als sich Wawrinka mit 9:7 im fünften Satz durchsetzte, hatte Djokovic mehr Ballwechsel als Wawrinka (209:200) gewonnen.

"Ich kann mir gar nicht erklären, warum unsere Spiele an Grand-Slam-Turnieren (Australian Open 2013, US Open 2013, Australian Open 2014) immer über fünf Sätze gehen. Denn an den kleineren Turnieren finde ich das Rezept gegen Djokovic nie. Ich finde keine Lösungen gegen ihn." Tatsächlich hat Djokovic seit 2007 16 von 17 Partien gegen den Waadtländer gewonnen. 13 Mal gewann Wawrinka gegen Djokovic keinen Satz. Und gegen eine amtierende Nummer 1 hat "Stan the Man" in seiner Karriere erst einmal gewonnen, vor einem Jahr im Final gegen Nadal (bei 17 Niederlagen).

Nur eine Woche Pause

Im Gegensatz zu Roger Federer plant Stan Wawrinka keine lange Pause. Übernächste Woche will er in Marseille und danach in Rotterdam antreten. Die Müdigkeit der letzten Tage in Australien werde schnell wieder verschwinden. Ausserdem will er nächste Woche den Entscheid, ob er am Davis Cup in Lüttich gegen Belgien mitspielt bekanntgeben.

Den Final vom Sonntag wird Wawrinka wohl auch am TV wegen der Rückreise nach Europa verpassen. Wen favorisiert er? "Wenn ich Geld setzen müsste, würde ich auf Novak tippen. Er ist die Nummer 1. Er hat bis zum Halbfinal nur ein Aufschlagspiel abgegeben. Die fünf Breaks, die mir gelangen, sind kein Massstab. Auch Djokovic erwischte nicht den besten Tag. Zuweilen hatte ich das Gefühl, dass er kräftemässig nicht richtig da wäre. Aber ich bin überzeugt, dass er dieses Problem bis am Sonntag in den Griff bekommen wird."

Vorspiel mit Hingis

Novak Djokovic und Andy Murray (ATP 6) stehen sich im Melbourne Park zum dritten Mal im Final gegenüber. Dreimal den gleichen Final gab es in der über 100-jährigen Geschichte des Australian Open vorher noch nie. Murray hat seine ersten drei Finals in Melbourne alle verloren: 2010 gegen Djokovic, 2011 und 2013 gegen Djokovic. Im Vorspiel am Sonntag spielt eine Schweizerin mit: Martina Hingis qualifizierte sich mit dem Inder Leander Paes mit einem 7:5, 6:4 über die Taiwanesin Hsieh und den Uruquayer Cuevas für den Final im Mixed. Neben fünf Grand-Slam-Turnieren im Einzel, neun im Doppel greift Hingis mit 34 nach dem zweiten Triumph im Mixed. Vor neun Jahren hatte Hingis ihren bislang einzigen Mixed-Final in Melbourne mit Partner Mahesh Bhupathi gewonnen.

Matchball: Djokovic besiegt Wawrinka am Australian Open 2015

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Der Liveticker zum Match:

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