Tennis
Trotz exorbitanten Ticketpreisen: Weshalb die Kolleginnen und Kollegen von Belinda Bencic plötzlich am Hungertuch nagen

Weil beim Masters-Turnier der Frauen und Männer in Miami nur wenige Zuschauer zugelassen sind, wurde das Preisgeld drastisch reduziert. Die Mehrzahl der Teilnehmer wird einen Verlust einfahren.

Simon Häring
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Wegen der Coronapandemie darf nur 20 Prozent der maximalen Zuschauerkapazität beim Tennis-Turnier in Miami ausgelastet werden.

Wegen der Coronapandemie darf nur 20 Prozent der maximalen Zuschauerkapazität beim Tennis-Turnier in Miami ausgelastet werden.

Lynne Sladky / AP

Anders als in Mannschaftssportarten wie dem Fussball fokussiert sich die Öffentlichkeit im Tennis auf wenige Einzelne, sie absorbieren nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch die Geldflüsse. Das Prinzip: Viel für die Besten, wenig für den Rest. Das gilt auch bei der Verteilung des Preisgelds.

Wer nicht permanent im Rampenlicht steht, muss den Gürtel nun noch enger schnallen. Denn wegen der Pandemie finden Turniere derzeit ohne oder nur vor wenigen Zuschauern statt. In Miami, wo in dieser Woche das erste Masters-Turnier der Frauen und Männer über die Bühne geht, darf ein Fünftel der Zuschauerkapazität genutzt werden. Fehlende Einnahmen kompensieren die Veranstalter mit exorbitanten Ticketpreisen (in Miami kostet das günstigste Ticket 5150 Dollar). Bluten müssen aber auch die Athletinnen und Athleten. Das Preisgeld beträgt noch 6,68 Millionen Dollar (je 3,34 Mio. bei Frauen und Männern). Vor zwei Jahren, als das Turnier letztmals stattfinden konnte, waren es noch 16,7 Millionen Dollar.

Klingt nach viel, ist am Ende aber wenig. Sehr wenig.

2019 triumphierte Roger Federer in Miami. Im Vorjahr konnte das Turnier nicht ausgetragen werden.

2019 triumphierte Roger Federer in Miami. Im Vorjahr konnte das Turnier nicht ausgetragen werden.

Jason Szenes / EPA

Denn die Steuern fressen einen Viertel der Einnahmen, dazu kommen Ausgaben für Trainer, Physiotherapeuten, Reisen, Unterkunft. Kostenpunkt pro Saison: 150'000 Franken. Während sich die Sieger in Miami über einen Scheck von 300'110 Dollar vor Steuern (2019 erhielt Roger Federer noch 1,34 Mio. Dollar) freuen können, erhalten die Verlierer der zweiten Runde «nur» 16'000 Dollar. Der Amerikaner Reilly Opelka, die Nummer 41 der Welt, sagt: «Wenn ich meine Kosten decken kann, ist das eine grossartige Woche!» Das wird den Wenigsten vergönnt sein. Bei der Mehrheit wird die Reise nach Miami ein tiefes Loch in die Kasse reissen. Wäre es also besser, Zuhause zu bleiben? Unmöglich, sagt der Kanadier Denis Shapovalov:

«Wir haben Verpflichtungen gegenüber Sponsoren und Verträge, die uns dazu zwingen, Turniere zu spielen. Wenn es nicht so wäre, würden nicht mehr viele spielen. Die Saläre sind einfach zu tief.»

Dazu kommt die mentale Belastung. Bei den meisten Turnieren bewegen sich die Sportlerinnen und Sportler in einer Blase, dürfen sich nur im Hotel oder auf der Anlage aufhalten. Auswärts essen? Ein Ausflug an den Strand? Verboten! Was das mit einem machen kann, schilderte jüngst der Franzose Benoit Paire (ATP 33): «Tennis ist für mich zu einem belanglosen Beruf geworden. Ich komme zu einem Turnier, verdiene etwas Geld und fahre dann zum nächsten Turnier. Ich mache meinen Job.» Möglichst schnell aus der Blase zu kommen, sei das einzige Ziel, das er verfolge. «In verlassenen Stadien ohne Atmosphäre anzutreten, ist nicht der Grund, warum ich Tennis spiele.» In diesem Jahr gewann Paire bisher nur ein einziges Spiel.

Viktorija Golubic erreichte zuletzt in Lyon und Monterrey den Final.

Viktorija Golubic erreichte zuletzt in Lyon und Monterrey den Final.

Sandrine Thesillat/Freshfocus / Panoramic

Erfolgreicher unterwegs ist derzeit die Schweizerin Viktorija Golubic (WTA 81). Die 28-Jährige gewann in diesem Jahr 25 Partien und erreichte zuletzt in Lyon und Monterrey den Final. Trotzdem beläuft sich ihr Preisgeld aus den ersten drei Monaten des Jahres auf «nur» 65'000 Dollar. Und das alles noch vor Abzug der Steuern, bevor sie Trainer und Trainingspartner einen Lohn ausbezahlt hat. Anders als Jil Teichmann (WTA 41) schaffte Golubic in Miami den Sprung ins Hauptfeld nicht. Henri Laaksonen (28, ATP 134) verlor in der ersten Runde der Qualifikation. Trostpreis: 3'100 Dollar. Marc-Andrea Hüsler (24, ATP 153) spielt am Dienstag um die

Komfortabler gestaltet sich die Situation von Belinda Bencic. Dank lukrativer Sponsorenverträge ist die 24-Jährige weniger abhängig von Preisgeldern. Zudem hat sie sich in diesem Jahr schon eine Viertelmillion Dollar Preisgeld erspielt. Allerdings ist auch dieser Betrag mit Vorsicht zu geniessen. Neben den Steuerabzügen verursachen mit Vater und Trainer Ivan und Freund und Fitnesstrainer Martin Hromkovic zwei weitere Personen in ihrem Umfeld Fixkosten und erhalten wohl auch einen Lohn.

Für die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen hingegen gilt: Möglichst weit kommen, Kosten sparen und auf bessere Zeiten hoffen.

Dank Sponsorenverträgen ist Belinda Bencic weniger stark von Einnahmen aus Preisgeldern abhängig als viele Kolleginnen.

Dank Sponsorenverträgen ist Belinda Bencic weniger stark von Einnahmen aus Preisgeldern abhängig als viele Kolleginnen.

Rob Prange / Zuma/AFP7