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Schwarze Schwäne erobern New York: Teenager-Sensationen Emma Raducanu und Leylah Fernandez im US-Open-Final

Mit der Britin Emma Raducanu und der Kanadierin Leylah Fernandez stehen erstmals seit 1999 und Serena Williams und Martina Hingis zwei Teenager im Final der US Open.

Simon Häring
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Novak Djokovic, Rafael Nadal, Roger Federer und Andy Murray machten die grossen Titel in den letzten beiden Jahrzehnten unter sich aus. Ginge es nicht immer um einen Rekord oder einen Eintrag in die Geschichtsbücher, das Männertennis hätte sich wohl längst zu Tode gespielt. Denn im Sport gibt es fast nichts langweiligeres und nervtötenderes als Vorhersehbarkeit.

Völlig anders verhält es sich im Frauentennis. Dort weiss man vor einem Grand-Slam-Turnier jeweils nur, dass man nichts weiss, so viele kommen für den Sieg in Frage. Es gab einmal eine Zeit, in der Serena Williams die dominante Figur war. Aber seit ihrer Schwangerschaft im Januar 2017 wartet die bald 40-Jährige auf ihren 24. Major-Titel. Seither gab es bei 17 Grand-Slam-Turnieren 12 verschiedene Siegerinnen. Nur Naomi Osaka (4 Titel), Ashleigh Barty und Simona Halep (je 2) triumphierten mehrfach.

Leylah Fernandez schaltet mit Arina Sabalenka die letzte im Feld verbliebene Favoritin auf den US-Open-Sieg aus.

US Open

Wie einst Serena Williams und Martina Hingis

Auch bei den US Open wird es eine Premiere geben: Mit der britischen Qualifikantin Emma Raducanu (18, WTA 150), die sich in den Viertelfinals gegen Olympiasiegerin Belinda Bencic durchgesetzt hatte und noch keinen Satz verloren hat, und der Kanadierin Leylah Fernandez (19, WTA 73) stehen sich in New York erstmals seit 1999 zwei Teenager im Final gegenüber: Damals gewann Serena Williams gegen Martina Hingis.

Serena Williams 1999 bei ihrem ersten US-Open-Sieg.

Serena Williams 1999 bei ihrem ersten US-Open-Sieg.

Keystone

Zuletzt fehlte es dem Frauentennis nicht nur an prickelnden Rivalitäten, sondern auch an prägenden Figuren. Mit Williams, Angelique Kerber, Karolina Pliskova, Garbine Muguruza, Simona Halep, Caroline Wozniacki, Naomi Osaka und Ashleigh Barty führten seit Frühling 2017 nicht weniger als acht Spielerinnen die Weltrangliste an, bei den Männern waren es mit Djokovic, Nadal und Federer im gleichen Zeitraum nur deren drei.

Man muss es so sehen: Diesen Spielerinnen fehlt es an nichts, aber sie sind eben keine Figuren wie Federer, Nadal, Djokovic und es Serena Williams waren oder noch immer sind. Sie sind so etwas wie schwarze Schwäne, wie sie einst der römische Dichter Juvenal skizziert hat: Extrem selten, völlig unwahrscheinlich, völlig überraschend und völlig zufällig.

Wurzeln in Europa, Asien und Südamerika

Spielerinnen, die diese Lücke dereinst schliessen sollen, wurden in der Zwischenzeit nur zwei ausgemacht: Die immer noch erst 17-jährige Coco Gauff und die 22-jährige Naomi Osaka, bei der aber fraglich scheint, ob und wie lange ihre Karriere noch dauern wird, seit sie öffentlich gemacht hat, dass sie mit Depressionen zu kämpfen hat. Nun ist die Reihe an Emma Raducanu und Leylah Fernandez, die in diesen Wochen New York erobern.

Ob und wann die Karriere von Naomi Osaka weitergeht, ist offen.

Ob und wann die Karriere von Naomi Osaka weitergeht, ist offen.

Frank Franklin Ii / AP

Raducanu und Fernandez weisen verblüffende biografische Parallelen auf: Beide kamen 2002 in Kanada zur Welt, beide haben eine asiatische Mutter. Raducanus Mutter ist aus China, der Vater aus Rumänien, sie emigrierten nach London, als Raducanu zwei Jahre alt war. Fernandez’ Mutter stammt von den Philippinen, der Vater aus Ecuador. Anders als Raducanu, die für Grossbritannien spielt, tritt Linkshänderin Fernandez für Kanada an. Beide kennen sich von klein auf. 2018 trafen sie im Junioren-Turnier von Wimbledon aufeinander, Raducanu setzte sich durch.

Im Sommer drückte Raducanu noch die Schulbank

Im Sommer war Raducanu noch die Nummer 338 der Welt und erreichte bei ihrem Grand-Slam-Debüt in Wimbledon die Achtelfinals. Bei den US Open blieb sie ohne Satzverlust und steht als erste Qualifikantin im Final eines Grand-Slam-Turniers. Bis im Sommer hatte sie während 18 Monaten keine Turniere bestritten, weil sie sich während der Pandemie auf ihren Schulabschluss konzentrieren wollte, statt an Turniere ins Ausland zu reisen. Das hat sich ausgezahlt: den Abschluss schaffte sie mit Bestnoten.

Mit einem Zweisatzsieg gegen die Griechin Maria Sakkari stiess Emma Raducanu in den Final der US Open vor.

US Open

Fernandez stiess mit Siegen gegen Naomi Osaka, Angelique Kerber, Elina Switolina und Arina Sabalenka in den Final vor und sagte danach: «All das Blut, all die Tränen, die Opfer und die harte Arbeit haben sich gelohnt.» Unabhängig davon, ob sie die US Open am Ende gewinnen wird, dürfte Raducanu in den nächsten Monaten auch von Sponsoren vergoldet werden: Bisher steht sie «nur» bei Wilson und Nike unter Vertrag.

Emma Raducanu und Leylah Fernandez sind vielleicht genau das, was dem Frauentennis seit einigen Jahren gefehlt hat: Schwarze Schwäne.

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