Tennis
Roger Federer und der Tabubruch: Das sind seine Optionen nach missratener Generalprobe für Wimbledon

Nach der Achtelfinal-Niederlage in Halle muss Roger Federer seine Pläne überdenken. Auch ein Tabubruch könnte eine Option sein, um im Hinblick auf Wimbledon doch noch zur Bestform zu finden.

Simon Häring
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Roger Federer muss nach der Niederlage in Halle seine Planung im Vorfeld von Wimbledon überdenken.

Roger Federer muss nach der Niederlage in Halle seine Planung im Vorfeld von Wimbledon überdenken.

Sascha Steinbach / EPA

Die Zeit wird knapp, und die Zweifel grösser, ob Roger Federer es schafft, bis zum ersten Ballwechsel in Wimbledon (ab 26. Juni) zu seiner Bestform zu finden. Oder ob er es, kurz vor seinem 40. Geburtstag, überhaupt noch einmal schafft, das Rad der Zeit aufzuhalten. In Halle scheiterte er bereits in den Achtelfinals - und damit so früh wie noch nie bei 18 Teilnahmen beim Turnier, das er zehn Mal gewonnen hat. Es ist eine Niederlage, die für ihn ein Rückschlag gewesen sein muss, mit dem er nicht gerechnet hatte.

Er brauchte zweieinhalb Stunden, um sich zu sammeln, und beantwortete danach für einmal nur Fragen auf Englisch. Fragen zu seinem körperlichen Zustand umschiffte er elegant. Viel mehr kritisierte er seine Einstellung zum Spielende. «Ich wurde sehr negativ, was sonst überhaupt nicht meine Art ist. Ich bin nicht stolz darauf», sagte Federer. Vor seinem Comeback hatte er gesagt, er brauche 10 Spiele, um zu sehen, wo er stehe. Er kommt nun nur auf 8 (2 in Doha, 1 in Genf, 3 in Paris und 2 in Halle). Zu wenig?

Nur 8 Partien bestritt Federer in den letzten anderthalb Jahren.

Nur 8 Partien bestritt Federer in den letzten anderthalb Jahren.

Sascha Steinbach / EPA

Federer hoffte insgeheim auf Turniersieg

Bei aller Demut und Bescheidenheit vor der Aufgabe und den Gegnern dürfte er in Halle mit einem anderen Ausgang gerechnet haben. Vor dem Turnier sagte er: «Halle war ein Schlüsselturnier in meiner Karriere, weil es mir den Weg aufgezeigt hat, um in Wimbledon erfolgreich zu sein.» Selbst einen Turniersieg, es wäre sein 104. insgesamt, schloss er im Vorfeld nicht ganz aus, sagte, das würde ihm «wahnsinnigen Schub für die weitere Saison» verleihen. Stattdessen sieht sich Federer mit Fragen konfrontiert.

Wo steht er wirklich? Reichen zwei Partien auf Rasen als Vorbereitung auf Wimbledon? War es falsch, bei den French Open auszusteigen?

Die Familie kann Federer in diesem Jahr nicht nach Wimbledon begleiten. Das dürfte seine Entscheidungen beeinflussen.

Die Familie kann Federer in diesem Jahr nicht nach Wimbledon begleiten. Das dürfte seine Entscheidungen beeinflussen.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Zumindest nach aussen sieht sich Federer auf dem richtigen Weg. Nach der Niederlage gegen den knapp halb so alten Félix Auger-Aliassime sagte er, er habe «gute und schlechte Momente im Match» erlebt. «Das gehört bei einem Comeback dazu.» Eine andere Sprache sprechen die Zahlen: Federer gewann als Rückschläger nur 14 von 69 Ballwechseln, was einer Quote von 20 Prozent entspricht. Lange hielt er sich mit dem Aufschlag über Wasser. Als er dort langsam abbaute, war es um ihn geschehen.

Hartplatz in der Schweiz, oder Rasen in Eastbourne?

Nach der Niederlage sagte Roger Federer: «Ich will jetzt keine dummen Entscheidungen treffen.» Er reise nun mit der Familie und seinen Trainern zurück in die Schweiz: «Dort werden wir besprechen, was meine nächsten Schritte sein werden.» Vor Halle hatte er noch einen anderen Fahrplan, sagte, er habe keinen Druck, weil er in Paris zu drei Spielen gekommen sei. Und bei einem frühen Ausscheiden werde er wohl länger in Halle bleiben, und die Zeit für Trainings nutzen. Doch dazu kommt es wohl nicht.

Die Optionen sind überschaubar, aber es gibt sie. In der Schweiz gibt es nur einen öffentlich zugänglichen Rasenplatz - jenen des TC Champagne in Biel. Doch ob dieser Federers Ansprüchen genügt, ist fraglich. Zudem fehlt ihm dort das, was er nun sucht: Ruhe für die Vorbereitung. Auch der private Rasenplatz am linken Seeufer des Zürichsees ist nicht mit jenen in Wimbledon zu vergleichen. Bleibt Federer bis kurz vor seiner Abreise in der Schweiz, dürfte er wohl eher auf einem Hartplatz trainieren.

Rasenplätze sind in der Schweiz rar gesät. Zudem fehlt Federer dort in der Vorbereitung das, was er sucht: Anonymität und Ruhe.

Rasenplätze sind in der Schweiz rar gesät. Zudem fehlt Federer dort in der Vorbereitung das, was er sucht: Anonymität und Ruhe.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Turnierteilnahme wäre ein Tabubruch

Eine weitere, wenn auch nicht sehr wahrscheinliche Möglichkeit: Federer nimmt in der Woche vor Wimbledon beim Rasenturnier in Eastbourne teil. Drei Wildcards sind noch nicht vergeben. Allerdings wäre er dort an erster Stelle gesetzt, erhielte in der ersten Runde ein Freilos und damit nicht das, was ihm fehlt: Spielpraxis. Zudem wäre Federer dann noch länger von der Familie getrennt, die ihn wegen der Reisebeschränkungen nicht nach Wimbledon begleiten kann. Wohl kein Thema ist das Turnier in Mallorca.

Nur bei 7 von inzwischen 80 Grand-Slam-Turnieren spielte Federer in der Vorwoche ein Turnier: Von 2000 bis 2003 vor den Australian Open jeweils in Sydney, dazu 2002 vor den US Open in Long Island, und 2000 in St. Pölten vor den French Open. In der Woche vor Wimbledon tratt Federer zwei Mal in s'Hertogenbosch an: 2001, als er danach in Wimbledon mit einem Sieg gegen sein Idol Pete Sampras den Durchbruch schaffte und die Viertelfinals erreichte. Und 2002. Damals verlor Federer in Wimbledon in der Startrunde gegen den Qualifikanten Mario Ancic (ATP 154).

Seither waren Turniere vor Wimbledon ein absolutes Tabu.

2002 spielte Roger Federer letztmals in der Woche vor Wimbledon ein Turnier. Und scheiterte danach in London in der Startrunde.

2002 spielte Roger Federer letztmals in der Woche vor Wimbledon ein Turnier. Und scheiterte danach in London in der Startrunde.

Keystone

Federer muss in den nächsten Tagen mit seinen Trainern Ivan Ljubicic und Severin Lüthi, Fitnesscoach Pierre Paganini und Physiotherapeut Daniel Troxler sowie seiner Familie Entscheidungen treffen. Federer wäre aber nicht Federer, wenn er nicht auch in der Niederlage noch Positives sehen würde. In Halle sagte er: «Ich weiss, über was ich nachdenken muss.»

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