Wimbledon
Roger Federer profitiert von Aufgabe, entgeht einem Debakel und sagt: «Das ist ein schreckliches Ende»

Roger Federer übersteht die erste Runde in Wimbledon nach einem 1:2-Satzrückstand gegen den Franzosen Adrian Mannarino (33, ATP 41). Er profitiert von der Aufgabe seines verletzten Gegenspielers.

Simon Häring
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Roger Federer steht in Wimbledon in der zweiten Runde.

Roger Federer steht in Wimbledon in der zweiten Runde.

Facundo Arrizabalaga / EPA

Roger Federer steht in Wimbledon in der zweiten Runde. Er profitiert von der Aufgabe des Franzosen Adrian Mannarino (ATP 41), der im vierten Satz stürzt und sich dabei am Knie verletzt. Federer liegt zu diesem Zeitpunkt mit 6:4, 6:7 (3:7), 3:6, 5:2 hinten. «Es ist schrecklich. Das zeigt, dass ein Schlag ein Spiel und eine Karriere verändern kann. Er war der bessere Spieler und hätte den Sieg verdient gehabt. Aber wen kümmert das am Ende?», sagte Federer noch auf dem Platz. Wohl im Wissen darum, dass nun jeder seiner Auftritte in Wimbledon der letzte sein könnte.

Er habe gewusst, dass es keine einfache Aufgabe werden würde, sagte er. «Nach allem, was ich in den letzten zwei Jahren durchgemacht habe, wusste ich nicht, wo ich stehen würde. Deshalb war ich auch sehr nervös auf dem Platz. Das zeigt mir, dass es mir viel bedeutet. Ich kann auch akzeptieren, dass ich Fehler mache, die ich sonst nicht mache. Ich möchte mich nicht schlecht reden, aber ich weiss, dass ich es besser kann. Das Ende war schrecklich. Es erinnert mich natürlich an meine Geschichte.»

Adrian Mannarino verletzt sich bei einem Sturz am Knie.

Adrian Mannarino verletzt sich bei einem Sturz am Knie.

Facundo Arrizabalaga / EPA

716 Tage sind vergangen, seit Roger Federer letztmals in Wimbledon auf dem Centre Court gestanden war. Der Sonntag, 14. Juli 2019 war der Tag, an dem er im Final gegen Novak Djokovic 14 Ballwechsel mehr gewonnen hatte, und ihn zwei Mal nur ein Punkt vom 9. Triumph getrennt hatten. Und der Tag, an dem er den Platz dennoch als Verlierer verlassen musste.

Ein anderes Leben, eine andere Welt

Seither ist viel passiert – in Roger Federers Leben, und auf der Welt. Zwei Operationen am Knie, nur vier Turniere in anderthalb Jahren, und Zweifel, ob er die Rückkehr an die Weltspitze noch einmal schaffen würde. Dazu bestimmt auch im Tennis-Zirkus weiterhin die Pandemie die Spielregeln. Normalerweise mietet Federer für seine Familie und seine Entourage zwei Häuser, und geniesst ein Stück Normalität. Nun blieb die Familie zuhause, Federer wohnt im Hotel und trat die Reise in einer Männergruppe an: mit Physiotherapeut Daniel Troxler und seinen Trainern Severin Lüthi und Ivan Ljubicic. «Es ist in ganz anderes Leben. Die Welt hat sich verändert», sagt Federer. Doch sei es ein Privileg, überhaupt spielen zu können.

In dieser neuen Welt ist vieles kompliziert geworden: die Organisation, die Reisen, die Testprotokolle, die Isolation im Hotel, sogar die Planung, wann und wo man die Mahlzeiten einnehmen kann. Es sind Fragen, mit denen sich die ganze Tennis-Karawane beschäftigen muss. Für Federer sind es Gedanken, die stören. Sie fallen in eine Zeit, in der er schon genug mit sich selbst beschäftigt ist. In Paris konnte er das noch kaschieren, in Halle aber offenbarte sich, wie steinig dieser Weg im Alter von 40 Jahren sein wird. Federer liess fast alles vermissen, was ihn in seiner Karriere ausgemacht hatte: das Spielerische, das Tänzerische, die Leichtigkeit, die Präzision.

Roger Federer bleibt bei seinem Sieg vieles schuldig.

Roger Federer bleibt bei seinem Sieg vieles schuldig.

Kirsty Wigglesworth / AP

Ein Dämpfer für den Traum vom Wimbledon-Titel

Roger Federer hat fast alles auf eine Karte gesetzt: Wimbledon. Und nun beinahe schon fast alles verloren. Auch gegen Mannarino zeigt er zwar immer wieder Geniestreiche. Nur: es bleiben eben oft nur Müsterchen ohne Wert. Schon im ersten Game wehrt Federer drei Breakchancen ab, gewinnt den ersten Satz dank des einzigen Breaks zum 6:4. Ein schlechtes Bild gibt der Schweizer im zweiten Satz ab, in dem er 9 (!) Ballwechsel weniger gewinnt als sein Gegner. Dass die Entscheidung erst im Tiebreak fällt, ist lediglich dem Umstand geschuldet, dass Federer sich mit acht Assen lange über Wasser hält. Danach ist Linkshänder Mannarino, der an diesem Tag seinen 33. Geburtstag feiert, der bessere Mann.

Es ist erst das fünte Mal überhaupt, dass Federer bei einem Grand-Slam-Turnier in den fünften Satz gezwungen wurde: 2000 und 2017 bei den US Open und 1999 und 2010 in Wimbledon. Nur einmal verlor er: 1999 bei seiner Premiere in Wimbledon gegen den Tschechen Jiri Novak. Letztmals war er 2003 bei den French Open in der Startrunde eines Grand-Slam-Turniers gescheitert. Danach gewann Federer in Wimbledon seinen ersten von nun 20 Grand-Slam-Titeln, stiess ein halbes Jahr später erstmals an die Spitze der Weltrangliste vor und wurde zu einer globalen Sportikone.

Von solchen Höhenflügen ist Federer derzeit weit entfern.

Sein Gegner in der zweiten Runde ist der 35-jährige Franzose Richard Gasquet (ATP 56). Roger Federer führt den Direktvergleich mit 18:2 an. Auch das letzte Duell – 2019 in Madrid auf Sand – gewann Federer.