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Roger Federer mit Hiobsbotschaft: «Ich wäre unglaublich überrascht, wenn ich in Wimbledon schon wieder spielen würde»

Die Karriere von Roger Federer neigt sich dem Ende zu. Zwar will der 40-Jährige noch einmal in den Tenniszirkus zurückkehren, doch erst im März oder April wird er wieder auf dem Platz trainieren können.

Simon Häring
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Roger Federer und sein Trainer Severin Lüthi.

Roger Federer und sein Trainer Severin Lüthi.

Keystone

Nach der dritten Knieoperation innert zwei Jahren verpasst Roger Federer erneut die Australian Open. Wann er in den Tenniszirkus zurückkehrt, lässt er weiterhin offen. Gegenüber «Le Matin» sagt er: «Ich wäre unglaublich überrascht, wenn ich in Wimbledon schon wieder spielen würde.»

Der erste Check sei sehr ermutigend gewesen, doch Federer steht ein sehr langer und beschwerlicher Weg bevor, in den «ich mein ganzes Herzblut stecke». Erst im Januar könne er joggen. Erst im März oder April werde er wieder auf dem Tennisplatz stehen. Nach der Viertelfinal-Niederlage in Wimbledon hatte Federer sich den Innenmeniskus im rechten Knie nähen und den Knorpel behandeln lassen. Damals sagte er: «Ich werde mehrere Wochen an Krücken gehen und während Monaten nicht spielen können.»

Beitrag: Silvy Kohler

Zuletzt hatte der Tennistrainer Darren Cahill mit der Aussage aufhorchen lassen, er sei «ziemlich sicher», dass Federer in Melbourne spielen werde. Doch das stand nie zur Debatte. Federer sagt: «Es ist egal, ob ich 2022 oder 2023 zurückkehre, mit 40 oder 41 Jahren. Die Frage ist vielmehr: Werde ich es schaffen, mich für mein Comeback nochmals Tag für Tag zu quälen? Mein Herz sagt heute Ja.» Er habe in seiner Karriere schon ähnlich grosse Herausforderungen erlebt. «Und obschon ich weiss, dass das Ende nah ist, möchte ich versuchen, nochmals ein paar grosse Spiele zu bestreiten.»

Traut Roger Federer sich also zu, noch einmal um grosse Titel zu spielen? Er sagt: «Niemand weiss das. Weder die Ärzte noch ich. Aber es ist mein ultimativer Traum, noch einmal zurückzukehren. Und tatsächlich glaube ich immer noch daran. Ich glaube an diese Art von Wunder. Ich habe sie schon erlebt.» Aber seine Welt werde nicht zusammenbrechen, wenn er nie mehr einen Grand-Slam-Final bestreiten sollte. «Ich möchte noch einmal sehen, was ich als Tennisprofi leisten kann.» Das treibt ihn an.

Federer Ende September mit Krücken am Laver Cup in Boston.

Federer Ende September mit Krücken am Laver Cup in Boston.

Cj Gunther / EPA

Nur 19 Spiele in den letzten zwei Jahren

Dass er noch einmal alles daran setzt, zurückzukehren, sei seine Art, sich bei den Anhängern zu bedanken. «Sie haben besseres verdient als das Bild, das meine letzte Rasensaison hinterlassen hat. Es wäre für mich einfach, zu sagen: «Ich habe viel gegeben und viel erhalten. Hören wir auf.»

Seiner Verletzungsgeschichte ist geschuldet, dass Federer in den letzten zwei Jahren nur 6 Turniere und dabei 19 Partien bestritten hat. Erstmals liess er sich im Februar nach dem Halbfinal-Aus bei den Australian Open 2020 am rechten Knie operieren, im Sommer folgte ein weiterer Eingriff. Erst im März 2021 kehrte er nach 405 Tagen Pause in Doha zurück. Er spielte danach in Genf und bei den French Open auf Sand, und in Halle und Wimbledon auf Rasen, ehe ihn die Verletzungshexe wieder einholte.

Den bislang letzten Satz, den Federer spielte, verlor er in den Viertelfinals von Wimbledon mit 0:6. Diese Scharte will er auswetzen.

Den bislang letzten Satz, den Federer spielte, verlor er in den Viertelfinals von Wimbledon mit 0:6. Diese Scharte will er auswetzen.

Keystone

Sportlich betrachtet befindet sich Federer seit Jahren in einem Teufelskreis aus Verletzung, Fragen, Rückkehr, wieder Verletzung, wieder die Fragen der Öffentlichkeit. Dass er nicht den Notausgang aus dieser Endlosschleife gewählt hat, den Rücktritt, lässt sich nur mit seiner ungebrochenen Liebe zum Spiel erklären. «Wenn du etwas im Leben am besten kannst, willst du das niemals aufgeben», lautet sein Leitsatz. «Und für mich ist das Tennis.»

Nun ist es seit längerer Zeit ein Abschied auf Raten. In den letzten zwei Jahren spielte Federer nur noch 19 Partien. Er löst sich vor den Augen der Öffentlichkeit von jener Welt, die ihn geformt und sein Leben geprägt hat.

In Roland Garros erreichte Federer die Achtelfinals, ehe er sich zurückzog, um sich auf Wimbledon vorzubereiten.

In Roland Garros erreichte Federer die Achtelfinals, ehe er sich zurückzog, um sich auf Wimbledon vorzubereiten.

Thibault Camus / AP

Federer scheint das weniger zu beschäftigen als seine Anhänger. Denn die Absenzen haben ihm das Tor zu einer Welt geöffnet, zu der er während eines Vierteljahrhunderts keinen Zugang mehr hatte. Einen Alltag mit Beständigkeit, in dem er bestimmen kann, wann, wo und zu welchem Anlass er im Rampenlicht steht. Er verbringt viel Zeit mit seiner Familie, kümmert sich um seine Stiftung, organisiert sein Unternehmen. Tennis spielt dabei nicht zwingend die erste Geige. Was wegfällt, sind Routinen: die immer gleichen Reisen, die gleichen Städte, die gleichen Fragen.

Federer wurde 2009 Vater von Zwillingsmädchen. Damals sorgte er sich, ob die Familie und das Tennis miteinander vereinbar ist. Fünf Jahre später wurden seine Frau Mirka und er erneut Zwillingseltern. Für viele Sportler bedeutet die Geburt der Kinder einen Karriereknick. Sind sie ohne den Nachwuchs unterwegs, leiden sie unter der Trennung. Oder ihnen fehlt der Biss, der die Allerbesten von den Besten abhebt, weil sich die Prioritäten verschoben haben. Bei Federer war das nie der Fall. Er ist aber auch der bestverdienende Sportler der Welt und reiste jeweils mit seiner Frau, den Kindern, Eltern, Trainern, dem Physiotherapeuten, Nannys und Lehrern.

Federers Frau Mirka und die vier Kinder 2018 bei den Australian Open.

Federers Frau Mirka und die vier Kinder 2018 bei den Australian Open.

Keystone

Die Eingriffe am Knie habe er in erster Linie ihretwegen machen lassen. Er sagt: «Damit ich in den kommenden Jahrzehnten mit meinen Kindern Skifahren oder mit meinen Freunden Fussball oder Tennis spielen kann.» Der Eingriff sei zwingend gewesen. «Und ich wollte diese Rehabilitation mit der Mentalität und dem Körper eines Spitzensportlers angehen.»

Für Federer geht es auch darum, Zeitpunkt und Umstände des Rücktritts selber zu bestimmen. Schon vor fünf Jahren sagte er, das Ende müsse nicht kitschig sein. Kürzlich sagte er: «Ich tue mich schwer damit, aufzuhören. Ich wünsche mir, dass ich den Moment selbst wählen kann. Ich bin sicher, ich werde merken, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist.» Der Rücktritt sei eine sehr persönliche Entscheidung: «Wir alle wünschen uns, dass ich mich auf meine Weise auf einem Tenniscourt verabschieden kann.»

Daran, dass er ein letztes Mal zurückkehren will, hat er bisher nie Zweifel aufkommen lassen. Vielleicht spielt er noch einmal in Wimbledon. Oder in Basel. Doch inzwischen würde es nicht überraschen, wenn Federer nie mehr ein Turnier bestreiten würde. Er hat die Zeit oft genug angehalten.

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