Tennis
Rebellion, Erpressung, Stalking und der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs: Peng Shuai ist der Stachel in Chinas Fleisch

Peng Shuai stellte sich in der Vergangenheit schon mehrfach gegen den chinesischen Tennisverband. Immer gewann sie. Doch nachdem sie einen früheren Politiker des sexuellen Missbrauchs bezichtigt hat, bekommt sie die ganze Wucht des chinesischen Regimes zu spüren.

Simon Häring
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Anfang November machte Peng Shuai auf ihrem verifizierten Profil auf Weibo öffentlich, Opfer sexuellen Missbrauchs geworden zu sein.

Anfang November machte Peng Shuai auf ihrem verifizierten Profil auf Weibo öffentlich, Opfer sexuellen Missbrauchs geworden zu sein.

Ng Han Guan / AP

Peng Shuai führte als erste Chinesin die Tennisweltrangliste an, im Doppel. Sie gewann in Roland Garros und Wimbledon. Und sie kämpfte schon als junge Erwachsene für ein Recht auf Selbstbestimmung. Der chinesische Verband hatte versucht, ihre Karriere und ihr Leben zu kontrollieren: Mit wem sie trainiert, wer sie betreut, welche Turniere sie spielen soll, wie viel Preisgeld sie selber behalten darf. Doch Peng begehrte auf, zusammen mit drei anderen chinesischen Spielerinnen - und verliess den Verband. Unter ihnen war auch Li Na, die zwei Jahre pausierte. Erst, als der Verband ihr Freiheiten einräumte, kehrte sie zurück – und gewann als erste Chinesin Grand-Slam-Turniere im Einzel – 2011 in Paris, 2014 in Melbourne.

Li Na vermittelte mit ihrer extrovertierten, humorvollen Art das Bild eines modernen China. Nach ihrem Rücktritt vor sieben Jahren wurde sie Mutter und zog sich weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurück.

Chinas Musterschülerin Li Na 2014 nach ihrem Sieg bei den Australian Open mit dem Sieger des Männerturniers: Stan Wawrinka.

Chinas Musterschülerin Li Na 2014 nach ihrem Sieg bei den Australian Open mit dem Sieger des Männerturniers: Stan Wawrinka.

Keystone

Bei Peng Shuai verhielt es sich anders. Sie blieb der Stachel im Fleisch des Regimes – unauffällig, aber fordernd. 2005 drohte sie, ihre Karriere zu beenden, sollte sie weiterhin die Hälfte des Preisgelds abgeben müssen. Wieder lenkte der Verband ein – zu wichtig sind sportliche Erfolge, um die Überlegenheit Chinas gegenüber dem Westen zu demonstrieren.

Mit 14 Herzoperation, dann «unsere chinesische Prinzessin»

Peng Shuai hat gelernt, an Widerständen nicht zu zerbrechen, sie sogar als Antriebsfeder zu verstehen. Mit dem Tennis begonnen hatte sie erst im Alter von acht Jahren. Vier Jahre später musste sie sich einer Operation unterziehen, um einen Geburtsfehler am Herzen zu beheben.

«Alle dachten, ich würde das Tennis verlassen», sagte sie später in einer Werbekampagne von Adidas. «Doch ich gab nicht auf. Ich habe mich für die Operation entschieden, weil ich das Tennis so sehr liebe.» Nach einem Jahr Pause zog Peng Shuai nach Tianjin, wo sie in die gnadenlosen Mühlen der chinesischen Sportförderung geriet. Der Auftrag: China zu Ruhm und Ehre verhelfen. Mit Erfolgen bei Sportanlässen wie Olympischen Spielen.

Drei Mal nahm Peng Shuai an solchen teil: 2008 in Peking, 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro. Eine Medaille gewann sie dabei zwar nicht, doch 2013 gewann sie im Doppel in Wimbledon, im Jahr darauf auch in Roland Garros. Dazwischen stiess sie als erste Chinesin an die Spitze der Weltrangliste vor. Peng Shuai, die ungeliebte Rebellin, war plötzlich die beste Botschafterin. Aus ihr wurde «unsere chinesische Prinzessin».

2013 gewann Peng Shuai mit Su-Wei Hsieh aus Taiwan (l.) in Wimbledon.

2013 gewann Peng Shuai mit Su-Wei Hsieh aus Taiwan (l.) in Wimbledon.

Keystone

Sperre wegen Erpressung der Doppelpartnerin

Doch der Grat blieb schmal. 2017 schrieb Peng Shuai ein unrühmliches Kapitel, als sie ihre damalige Doppelpartnerin, die Belgierin Alyson Van Uytvanck, aufgefordert haben soll, sich in Wimbledon als verletzt zu melden und damit den Weg frei zu machen, damit Peng mit Sania Mirza, damals eine der besten Doppelspielerinnen der Welt, antreten kann. Peng habe Van Uytvanck «Tag und Nacht gestalkt», wie diese schrieb. Sogar Geld habe sie geboten. Peng wurde für diesen Erpressungsversuch für ein halbes Jahr gesperrt und mit einer Busse über 10'000 Dollar belegt.

Peng Shuai ist eine der höchstdekorierten Sportlerinnen Chinas. Sie hat sich mehrfach gegen den Tennisverband gestellt – und immer gewonnen.

Doch nachdem sie den früheren Vizepremierminister Chinas, Zhang Gaoli, öffentlich bezichtigt hat, sie sexuell missbraucht zu haben, bekommt die 35-Jährige die ganze Wucht der Unterdrückung der Frauen, der Zensur, und der gnadenlosen Repression des autokratischen Staates zu spüren.

IOC-Chef Thomas Bach traf Zhang Gaoli im Juni 2016 in Peking. Gaoli wirkte im Organisationskomitee der Winterspiele 2022 mit.

IOC-Chef Thomas Bach traf Zhang Gaoli im Juni 2016 in Peking. Gaoli wirkte im Organisationskomitee der Winterspiele 2022 mit.

Ein Medienspektakel für den Westen

Seit fast zwei Jahren hat Peng Shuai kein Turnier mehr bestritten, auch zuvor war sie öffentlich selten in Erscheinung getreten. Das hat sich in der letzten Woche radikal verändert. Denn angesichts der bevorstehenden olympischen Winterspiele in Peking (ab 4. Februar) ist der Fall für das chinesische Regime deshalb von Brisanz, weil er sich an einer Schnittstelle zwischen geschlossener Gesellschaft und Weltöffentlichkeit abspielt.

Erst erreichte ein angeblich von Peng Shuai verfasstes E-Mail den WTA-Chef Steve Simon, in dem die Chinesin sagt, ihr gehe es gut und in dem sie bittet, ihre Privatsphäre zu respektieren. Dann war sie lächelnd auf Fotos in einem mit Plüschtieren dekorierten Zimmer zu sehen. Am Samstag vor einer Woche tauchte ein Video auf, das Peng in einem Restaurant in Peking zeigt. Ein Mann sagt: «Morgen ist der 20. November», wird aber sofort von einer Frau korrigiert, dass dann der 21. November sei. Peng nickt und schweigt. Es hatte etwas von einem Entführervideo, in dem eine Tageszeitung hochgehalten wird, zum Beweis, dass die Geisel noch lebt.

Eine am Samstag über Twitter verbreitete Videoaufnahme zeigt Peng Shuai (Zweite von rechts) beim Essen in Peking.

Eine am Samstag über Twitter verbreitete Videoaufnahme zeigt Peng Shuai (Zweite von rechts) beim Essen in Peking.

(Hu Xijin/Twitter/via Reuters)

Flankiert wird diese Propaganda in den sozialen Medien von Hu Xijin, dem Chefredaktor der englischsprachigen «Global Times», einer staatlichen Boulevardzeitung, die unter der Schirmherrschaft der Renmin Ribao steht, dem Parteiorgan der Kommunistischen Partei. Und das immer in den sozialen Netzwerken: auf Twitter, auf Facebook, auf Instagram, die seit 2009 von der «Great Firewall of China» gesperrt sind. Es ist ein Spektakel, das «den Westen» dämonisieren soll. Das Absurde: von alledem wissen nur die wenigsten Chinesen. Im Land wird nicht über den Fall berichtet.

Schützenhilfe erhielt China vom Internationalen Olympischen Komitee IOC, mit dem man das Interesse teilt, die Verwerfungen im Vorfeld der olympischen Winterspiele zu ebnen. Bis heute hat das IOC und dessen Präsident Thomas Bach Pengs Vorwürfe nicht kommentiert und keine Aufklärung gefordert. Stattdessen verabredete man sich zum Nachtessen.

IOC-Präsident Thomas Bach im Videogespräch mit Peng Shuai.

IOC-Präsident Thomas Bach im Videogespräch mit Peng Shuai.

Ois/Ioc/ International Olympic C / EPA

Die Bilder, die es von Peng Shuai zu sehen gibt, stehen in einem scharfen Kontrast zur Nachricht, die sie Anfang November mutmasslich selber auf Weibo, dem chinesischen Pendant zu Facebook, verfasst hatte, in der sie schrieb: «Auch wenn ich um meine Selbstzerstörung werbe wie ein Motte, die in die Flamme fliegt: Ich werde die Wahrheit über dich berichten.» Zhang Gaoli habe sie 2018 in einem Zimmer bei sich zu Hause zum Sex gezwungen. Seither fühle sie sich wie eine wandelnde Leiche.

Während 34 Minuten war der Beitrag zu lesen, dann entfernte ihn Chinas Zensurbehörde. Peng Shuai hat ihre Karriere darauf aufgebaut, sich von Fesseln zu befreien. Doch beim Vorwurf der sexuellen Misshandlung durch einen hochrangigen Politiker, kennt das Regime keine Gnade. In dessen Wahrnehmung war Peng Shuai schon zuvor zu oft ein Stachel im Fleisch.

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