Wenn Novak Djokovic vor Mikrofonen sitzt, im Scheinwerferlicht der Kameras, dann setzt er meist zu einem Monolog an. Seine Antworten untermalt er mit Gesten, das Gegenüber fixiert er mit scharfem und aufmerksamem Blick.

Was er sagt, hat Hand und Fuss. Und seine Thesen untermauert er gerne mit Weisheiten von philosophischem Wert. Das ist der Novak Djokovic (29), der alles gewinnt. Doch dieser Mann ist der Serbe nicht mehr. Seit seinem Erfolg bei den French Open in Paris im letzten Juni hat er nur noch zwei Turniere gewonnen.

Djokovic befindet sich in einer Schaffenskrise, die am Freitag einen neuen Tiefpunkt erreicht. Sie hat ihn wortkarg gemacht, wie immer, wenn er verliert. Doch so schlimm wie im mexikanischen Acapulco war es noch nie.

Nach der Niederlage gegen Nick Kyrgios beantwortete er gerade einmal zwei Fragen - mit zwölf Wörtern. Frage: «Wie fühlen Sie sich?» Antwort: «Nicht gut.» Frage: «Novak, sie machten einen genervten Eindruck.» Antwort: «Er hat einen grossartigen Aufschlag. Er hat verdient gewonnen. Gratulation.» Das wars.

Ratschläge alter Weggefährten

Während Djokovic immer weniger spricht, verlassen jene die Deckung, die glauben, ihm helfen zu können. Einer von ihnen ist Bogdan Obradovic, einst Junioren-Trainer und Captain des serbischen Davis-Cup-Teams.

«Es gibt viele Gründe für das, was mit Novak passiert ist. Wenn du die richtigen Leute um dich herum hast, haben diese Antworten auf alle Fragen.» Obradovic glaubt, jene Person zu sein und versteigt sich in einen gewagten Vergleich: «Für einen Mathematiker ist nichts unmöglich und ich bin ein Mathematiker. Ich helfe gerne.»

Schaffenskrise: An den Australian Open 2017 schied Djokovic gegen die damalige Weltnummer 117 Denis Istomin aus.

Schaffenskrise: An den Australian Open 2017 schied Djokovic gegen die damalige Weltnummer 117 Denis Istomin aus.

Als er 13 Jahre alt war, verliess Djokovic das vom Krieg gezeichnete Belgrad in Richtung München, um in der Akademie seines Landsmanns Niki Pilic den Grundstein für seine Karriere zu legen.

Pilic lernte einen vom Erfolg besessenen Jungen kennen, der nur eines im Kopf hatte: der Beste der Welt zu werden. «Seine Hartnäckigkeit und sein Wille haben ihn angetrieben», erinnert sich Pilic. «Beides hat er verloren.» Sein Ratschlag ist an Banalität kaum zu übertreffen: «Novak muss wieder zu jener Person werden, die er einmal war.»

Becker stützt Djokovic

An der Frage, wie das gehen soll, beisst sich Djokovic aber die Zähne aus. Denn er ist nicht mehr derselbe. «Tennis ist nicht mehr meine oberste Priorität. Ich bin nicht mehr derselbe wie vor einem Jahr. Ich habe einen Sohn, eine Frau und eine Familie. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich versuche, der beste Ehemann, der beste Vater und der beste Tennisspieler zu sein. Das ist schwierig, aber nicht unmöglich», sagt Djokovic. «Denn ich spiele immer noch mit der gleichen Leidenschaft und Liebe wie beim ersten Mal.»

Licht und Schatten liegen nahe beieinander: Familie und Sport unter einen Hut zu bringen, bereitet Djokovic Mühe.

Licht und Schatten liegen nahe beieinander: Familie und Sport unter einen Hut zu bringen, bereitet Djokovic Mühe.

Liebe und Frieden sind auch die Eckpfeiler von Pepe Imaz’ Philosophie. Der ehemalige Tennis-Spieler hat in den letzten Monaten massiv an Einfluss gewonnen. Das soll auch einer der Gründe gewesen sein, wieso es Ende 2016 zur Trennung von Boris Becker gekommen ist.

Ausgerechnet er traut Djokovic aber zu, innert kürze wieder die Nummer 1 zu werden. Dabei war er es, der zuvor noch davon gesprochen hatte, sein ehemaliger Schützling habe sein inneres Feuer verloren. Es wiederzufinden, ist Djokovics grösste Herausforderung.