Radsport

Swiss Cycling: In die Sackgasse eingebogen

«Damit verschwindet für die jungen Radfahrerinnen eine Plattform. Für sie sind jetzt bei Strassenrennen keine Perspektiven mehr vorhanden.» Christian Rocha Strassen-Nationaltrainer Frauen

«Damit verschwindet für die jungen Radfahrerinnen eine Plattform. Für sie sind jetzt bei Strassenrennen keine Perspektiven mehr vorhanden.» Christian Rocha Strassen-Nationaltrainer Frauen

Swiss Cycling muss sparen. Rund 20 Prozent des Sponsorenbudget fallen aus. Betroffen ist vor allem das Strassen-Nationalteam der Frauen, das unter der Leitung von Christian Rocha steht.

Als Doris Schweizer nach der Rad-WM in Richmond (USA) ins Flugzeug für die Rückreise in die Schweiz stieg, dürfte das 26-jährige Mitglied des VC Pfaffnau-Roggliswil ein mulmiges Gefühl begleitet haben. Verantwortlich dafür waren aber weder Flugangst noch der Kettendefekt beim WM-Zeitfahren, sondern eine von Markus Pfisterer, Geschäftsführer Swiss Cycling, und Thomas Peter, Chef Leistungssport, überbrachte Mitteilung.

Weil Swiss Cycling für das kommende Jahr Sponsoring-Ausfälle beklagt, die rund 20 Prozent des Sponsoringbudgets ausmachen, ist man zum Sparen gezwungen. Betroffen davon ist in erster Linie das Strassen-Nationalteam der Frauen, bei welchen auf Elite-Stufe das Programm gekürzt wird. «Eine Sparrunde durchzuführen ist immer schwierig, besonders vor Olympischen Spielen», sagt Thomas Peter und betont, Anstrengungen zur Minderung unternommen zu haben. «Im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld ist das jedoch keine einfache Aufgabe.»

Weil bei der Resultatanalyse die Strassen-Fahrerinnen im Vergleich mit den Bahn-, Mountainbike- oder BMX-Athletinnen in den vergangenen Jahren am schlechtesten abgeschlossen hätten, «lag es auf der Hand, wo wir Unterstützungen streichen müssen», so Peter. Künftig werde das Frauen-Nationalteam in kleinerem Rahmen weitergeführt, wie auch die Zusammenarbeit der Rad-Juniorinnen und Mountainbike-Spezialistinnen im Nachwuchsbereich.

Für Frauen-Nationaltrainer Christian Rocha ist dieser Schritt trotz der sportlich schwachen Saison 2015 nicht nachvollziehbar. «Damit verschwindet für die jungen Radfahrerinnen eine Plattform. Für sie sind jetzt bei Strassenrennen keine Perspektiven mehr vorhanden», sagt Rocha, der sich vergeblich gegen den Entscheid gewehrt hat. Juniorinnen, mit denen in den letzten zwei Jahren erfolgreich gearbeitet wurde, stehen nun im Aktivalter mit leeren Händen da. «Dabei wäre jetzt der Zeitpunkt für Investitionen im Nachwuchsbereich gekommen.»

Budgetkürzung zerstört Strukturen

Am meisten ärgert den früheren Elite-Amateur-Fahrer, dass mit der Budgetkürzung jene Strukturen zerstört werden, die er seit seinem Amtsantritt im September 2011 aufgebaut oder zu verbessern versucht hat. «Der Strassenradsport lebt nicht nur von Einzelkämpfern, es braucht auch Veranstalter, Klubs und Teams», erzählt Christian Rocha. «Auch der nationale Verband trägt eine besondere Verantwortung – umso mehr, wenn man sich für die Gleichberechtigung einsetzen will», sagt er, «nun werden aber die Erfolge der Frauen eins zu eins mit denen der Männer verglichen, obwohl die Strukturen völlig unterschiedlich sind.»

Weil Swiss Cycling mit der grösseren Leistungsdichte argumentiert, kommen die Männer bei den Budgetkürzungen relativ ungeschoren davon. Zwar gehe dies angesichts der Entwicklung von Silvan Dillier oder Stefan Küng mittlerweile in Ordnung. «In den letzten zehn Jahren ist hinter Fabian Cancellara aber kein junger Fahrer bei der Elite an Grossanlässen in Erscheinung getreten», sagt Rocha, «der Geldhahn wurde bei den Männern deswegen auch nicht zugedreht.»

Für die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio hat der Entscheid von Swiss Olympic nur bedingt Auswirkungen. Fahrerinnen wie Doris Schweizer können mit ihrem Team bis Ende Mai an internationalen Rennen Punkte sammeln und so der Schweiz in der Nationenwertung den angestrebten Platz in den Top 20 verschaffen. «Dann hätten wir zwei Startplätze für Rio zugut», sagt Christian Rocha. Ob Swiss Cy-cling für seine Strassenfahrerinnen danach den Weg aus der Sackgasse findet, ist offen. «Zwar gehen Wissen und Kontinuität verloren, und ein Wiederaufbau des Projekts wird teuer sein», sagt Thomas Peter, «aber wir hätten auch ein Defizit eingehen können, das ist jedoch nicht unsere Art zu arbeiten.»

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