Eishockey
Supermans Schicksal: Elvis Merzlikins träumt von der NHL und überzeugt mit Lugano in den Playoffs

Aus der Agglomeration Rigas ins Schaufenster der National League A: Elvis Merzlikins beeindruckender Werdegang zwischen Tragik und Romantik.

Calvin Stettler
Merken
Drucken
Teilen
Goalie wurde Elvis Merzlikins eher per Zufall, als er vor dem Tor Pucks einsammelte.

Goalie wurde Elvis Merzlikins eher per Zufall, als er vor dem Tor Pucks einsammelte.

Pius Koller/freshfocus

Geld. Im Überfluss ist es nicht vorhanden. Auch darum ist es ein omnipräsentes Thema in der Familie Merzlikins. Der 14-jährige Elvis sitzt an diesem Wintertag im Januar 2010 betrübt in seinem Zimmer. Eine neue Goalieausrüstung stand vorhin zur Debatte, die Second-Hand-Ware genüge nicht mehr meinte er. «Wir haben kein Geld dafür», entgegnete die Mutter.

Normalerweise würde jeder Knabe im Alter von Elvis einen zweiten Bearbeitungsversuch unternehmen, diesmal beim Vater. Aber Elvis kann das nicht. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt. Als Elvis dreijährig war, verstarb er.

Lugano einmal retour

Die alleinerziehende Mutter ist zuweilen überfordert. Mit ihr und seinem basketballverrückten Bruder lebt Elvis in der Peripherie Rigas. Entmutigt starrt der Jugendliche seine Poster an, die er alle eigenhändig an die Zimmerwand heftete. Sie zeigen seine Idole: grosse Eishockeyspieler, alle spielen sie in der NHL. Dahin will auch Elvis. Das weiss er seit gut zehn Jahren. Damals, als er mit seiner Mutter nach Lugano in die Ferien reiste, entdeckte er sie: seine Leidenschaft fürs Eishockey.

Der sichere Rückhalt vom HC Lugano: Elvis Merzlikins.

Der sichere Rückhalt vom HC Lugano: Elvis Merzlikins.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Elvis’ Mutter traf am Luganersee unverhofft ihre neue Liebe und emigrierte mit ihrem Nachwuchs bald nach Lugano. Mit den Kindern des neuen Mannes verstand sich Elvis gut, noch besser mit deren Mutter Aurora. Bald trat Elvis dem lokalen Hockeyklub bei, zuerst versuchte er sich als Feldspieler. Seine Berufung fand er später erst per Zufall: Als der Junge aus Lettland einmal vor dem Tor Pucks aufsammeln wollte und plötzlich weitere Hartgummischeiben geflogen kamen, stoppte er sie reflexartig. Luganos Goalietrainer war von Elvis’ Reflexen beeindruckt und legte ihm nahe, es einmal zwischen den Pfosten zu versuchen. Es gefiel. Und er gefiel – den Nachwuchstrainern.

Ebenso unerwartet wie der Umzug in die Schweiz, folgte die Heimkehr nach Riga. Die Beziehung der Mutter ging nach zwei Jahren in die Brüche. Lugano verlor sein Goalietalent. Seinem NHL-Traum ist Elvis ferner denn je.

Der Traum schlummert in der Schweiz

Das alles schmerzt Elvis an diesem kalten Tag im Januar 2010 noch. Seit über fünf Jahren ist er zurück in Riga. Eishockey spielt er immer noch. Sein Trainer aber mag ihn nicht. Elvis spielt selten. Auch wenn er einmal die Chance bekommt und überzeugt, öffnet er im nächsten Spiel wieder das Tor zur Spielerbank. Die Frustration mündet in den Gedanken, aufzuhören. Immer wieder ermutigt ihn die Mutter, durchzuhalten. Lange geht das so.

Jubeln nach dem Halbfinal-Einzug gegen Zug im Duett: Luganos Topskorer Linus Klasen (links) und Goalie Elvis Merzlikins.

Jubeln nach dem Halbfinal-Einzug gegen Zug im Duett: Luganos Topskorer Linus Klasen (links) und Goalie Elvis Merzlikins.

KEYSTONE/TI-PRESS/GABRIELE PUTZU

Doch dann mischt sich ein alles verändernder Umschlag unter die vielen Rechnungen in der Post. Absender: Lugano. Die Südschweizer wollen den mittlerweile 15-jährigen Elvis zurückholen, auch weil er mit seiner Schweizer Lizenz, die er als Junior einst im Tessin erwarb, das Ausländerkontingent Luganos nicht belastet. Die Mutter zögert nicht lange, sie weiss, dass sich Elvis’ Traum in Lettland nicht erfüllen kann.

So bricht der Teenager aus Rigas Agglomeration wieder in die Schweiz auf. Weil der Kontakt zu Aurora andauerte, nimmt die Tessinerin die Rolle von Elvis’ Gastmutter ein. Es harmoniert sofort, zwölf Monate geht alles gut. Doch dann bekommt sie gesundheitliche Probleme. Aurora muss regelmässig ins Krankenhaus und bald wird klar, dass sie Elvis nicht länger unterhalten kann. Es ist ein Schock für den mittlerweile 16-Jährigen, der wieder einmal auf sich alleine gestellt ist. Die Klubleitung beschliesst, dass das Goalietalent eine eigene Wohnung beziehen soll. Elvis ist mit der Situation überfordert, die ersten Monate grenzen an ein Messie-Dasein. Einer, der wieder Ordnung in Elvis’ Leben bringt, ist Dusan Sidor.

Luganos Goalietrainer als Ersatzvater

Der Goalietrainer Luganos erachtet Elvis als den Begabtesten in der Organisation. Dusan Sidor und Elvis bauen neben einer professionellen Trainingskultur auch eine Freundschaft auf. Sidor wird für Elvis zum Ersatzvater, er hält den nicht immer seriösen Elvis in der Spur. Doch der lettische Junge, der Schicksalsschläge anzuziehen scheint, sieht sich bald mit der nächsten Hiobsbotschaft konfrontiert: Sidors Vertrag wird nicht verlängert. Es ist ein Schlag ins Gesicht. Ängste überfallen Elvis, ob Lugano ihm auch ohne seinen Mentor vertraut oder ihn gar wieder zurück nach Lettland zurückschickt.

Dusan Sidor bringt wieder Ordnung in Elvis’ Leben und wird für ihn wie ein Ersatzvater.

Dusan Sidor bringt wieder Ordnung in Elvis’ Leben und wird für ihn wie ein Ersatzvater.

Keystone

Leo Luongo, der neue Goalietrainer und Bruder von NHL-Goalie Roberto, setzt die Förderung von Elvis fort, will aber den Stil des Talents verändern, was bei Elvis erst auf Skepsis stösst. Die Wochen und Monate verstreichen, das Duo sympathisiert länger je mehr und bald feiert Elvis sein NLA-Debüt. Nach 23 Einsätzen wird er im Frühjahr 2014 zum Nachwuchsspieler des Jahres geehrt, im Juni wird ihm gar die Ziehung im NHL-Draft prognostiziert.

Elvis verfolgt den Draft vor dem Fernseher, in der dritten Runde ist es dann so weit: Die Columbus Blue Jackets draften ihn. Der grosse NHL-Traum ist für den Jungen aus Riga plötzlich fassbar. Er ist glücklich.

Superman Merzlikins

Elvis’ Vornamen suggeriert Unterhaltung. Diese bietet er auch in den Monaten nach dem Draft. Der Goalie etabliert sich in der Schweizer National League A und steht im stetigen Kontakt mit den Columbus-Scouts. Nach Siegen mit Lugano posiert Elvis als Superman. Die Pose wird sein Markenzeichen, das er erst vor kurzem aufgibt. Nach dem Derby-Sieg gegen Ambri Anfang Jahr verzichtet er auf die Showeinlage, weil er sich erwachsener geben will.

In den Playoffs brilliert der Goalie weiter, Elvis hat die beste Fangquote. Der Aufstieg hält an. Mit Lugano hat er sich souverän für die Halbfinals qualifiziert. Er träumt vom Titel. Nur etwas betrübt ihn: der Tod seiner Gastmutter Aurora. Eine weitere tragische Episode. Das Leben aber wird weiter gehen. Keiner weiss das so gut wie Elvis. Er hat in seinem Leben schon viel erlebt.