Super League
Erneuter Rassismusvorfall in der Super League: Und wieder passiert es in St. Gallen

Sions Torhüter Fayulu soll von St. Galler Fans beleidigt worden sein. Die Disziplinarkommission der Liga untersucht den Vorfall.

Christian Brägger
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St. Gallens Nicolas Lüchinger (links) und Serey Dié versuchen, Torhüter Timothy Fayulu zu beruhigen.

St. Gallens Nicolas Lüchinger (links) und Serey Dié versuchen, Torhüter Timothy Fayulu zu beruhigen.

Bild: Claudio Thoma/Freshfocus

Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn der Sport in den Hintergrund rückt. Stattdessen nach einem Fussballspiel der Fokus auf gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen und damit weit emotionaleren Themen liegt. Es suggeriert, dass etwas passiert sein muss. Etwas von grosser, womöglich wuchtiger Bedeutung.

Das 1:1 im Kybunpark zwischen dem FC St. Gallen und dem FC Sion ist genau ein solches Ereignis. Es wird von der Anschuldigung der Gäste überschattet, dass ihr Goalie Fayulu von Vereinzelten der Fankurve, dem nach eineinhalb Jahren pandemie- und auflagenbedingter Pause zurückgekehrten Espenblock, rassistisch beleidigt worden sei. Dies bestätigten der völlig aufgebrachte Serey Dié und Stojilkovic, später auch Präsident Constantin. Im Nachgang der Partie kam es deshalb auf dem Rasen zu wüsten Szenen zwischen Akteuren und Funktionären. Und selbst wenn man sich wunderte, wer sich da so auf dem Rasen tummeln darf, hinterliessen beide Parteien keine gute Figur und kamen ihrer Vorbildfunktion niemals nach, wie der St. Galler Trainer Peter Zeidler später sagte.

St. Galler Fans im «Espenblock».

St. Galler Fans im «Espenblock».

Claudio Thoma/Freshfocus

Trotzdem: Eine Vorverurteilung darf nicht passieren, weil bis dato die Fernsehbilder oder neutrale Fotografen, die sich hinter Fayulus Tor befanden, nichts Entsprechendes zeigten oder wahrnahmen.

St. Gallen als Wiederholungstäter?

Natürlich kommt es nun zu einer Untersuchung, wie Philippe Guggisberg bestätigt, der Mediensprecher der Swiss Football League: «Am Montag eröffnet die Disziplinarkommission der Liga ein Verfahren. Sie verschafft sich ein Bild und untersucht mittels Videoaufnahmen oder Befragung, ob es tatsächlich zum Rassismusvorfall gekommen ist. Das könnte seine Zeit dauern.» Das Strafmass würde zwischen Verweis und Lizenzentzug liegen, welcher selbstredend utopisch ist. Ebenfalls ist es möglich, dass das Verfahren mangels stichhaltiger Beweise eingestellt wird.

FCZ-Stürmer Aiyegun Tosin (rechts) wurde 2020 in St. Gallen rassistisch beleidigt.

FCZ-Stürmer Aiyegun Tosin (rechts) wurde 2020 in St. Gallen rassistisch beleidigt.

Sven Thomann/Freshfocus

Vorerst gilt die Unschuldsvermutung, auch wenn gerade der FC St. Gallen bereits zum dritten Mal innert knapp zwei Jahren in eine Rassismus-Anschuldigung verstrickt ist. 2019 soll der damalige St. Galler Kchouk bei einem Test gegen Bochum einen dunkelhäutigen Gegenspieler beleidigt haben – bewiesen wurde der Vorwurf nie. 2020 beschimpfte im Kybunpark vor damals 1000 Zuschauern tatsächlich ein FCSG-Fan den FCZ-Stürmer Tosin auf üble Weise, der Fehlbare wurde trotz intensiver Bemühungen von Vereinsseite nicht gefunden, natürlich gab es eine Busse, sie kostete den Klub 5000 Franken. Deshalb würden die Ostschweizer aktuell wohl als Wiederholungstäter gelten.

Hüppi betont, dass die Fankurve niemals rassistisch sei

St. Gallens Präsident Matthias Hüppi.

St. Gallens Präsident Matthias Hüppi.

Claudio Thoma/Freshfocus

Für gewisse Medien ist der «Fayulu-Fall» ein gefundenes Fressen, der FC St. Gallen hat die Hoheit über das Thema längst verloren. Präsident Matthias Hüppi sagte gestern am frühen Nachmittag: «Die Berichterstattung ist bis anhin sehr einseitig. Wie auch immer – unsere Haltung ist bekannt: Jede Art von Diskriminierung und unsportlichen Aktionen gegenüber Schiedsrichtern und Spielern tolerieren wir in keiner Weise. Diese Werte leben wir, allein unsere Mannschaft ist das beste Beispiel.» Hüppi betonte abermals, dass die St. Galler Fankurve niemals rassistisch sei. «Aber traurig ist es schon, dass wir diese Diskussion überhaupt führen müssen.»

Fayulu: «Ich bin K.o.»

Ist vom Vorfall gezeichnet: Sions Torhüter Timothy Fayulu (Mitte) neben Präsident Christian Constantin.

Ist vom Vorfall gezeichnet: Sions Torhüter Timothy Fayulu (Mitte) neben Präsident Christian Constantin.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Auf der anderen Seite forderten Constantin und Co. harte Sanktionen gegen den FC St. Gallen, während Vizepräsident Gelson Fernandes einen Tweet für den Kampf gegen Rassismus absetzte. Und Torhüter Fayulu, der in der Kabine geweint hat, sagte gegenüber dem «Blick»: «Ich bin K.o. Ich fühle mich, wie wenn man auf mich geschossen hätte.»

Die Linien sind gezeichnet. Dort der FC Sion, der auf der Klaviatur der Emotionen spielt und vielleicht dieses Ventil ja braucht, um ein Wir-Gefühl entstehen zu lassen. Hier der FC St. Gallen, der zuerst einmal die Untersuchungen unterstützt und mittels Medienmitteilung seine Haltung untermauert.

Das Bemerkenswerte ist jedoch, dass sich der Ostschweizer Klub dabei bereits beim betroffenen Timothy Fayulu entschuldigte. Ein Schuldeingeständnis?

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