Fussball
Stürmerstar, Präsident der Fifa-Ethikkommission - und jetzt der Chef von Vladimir Petkovic

Einst Starstürmer beim Grasshopper Club der 70er und 80er-Jahre ist Claudio Sulser nun der Vorgesetzte von Nati-Trainer Vladimir Petkovic – ein Porträt.

François Schmid-Bechtel
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Der Nati-Trainer und sein neuer Boss: Der Nati-Delegierte Claudio Sulser (l.) und Vladimir Petkovic.

Der Nati-Trainer und sein neuer Boss: Der Nati-Delegierte Claudio Sulser (l.) und Vladimir Petkovic.

Keystone

Ruhm gewährt eine glänzende Vergangenheit. Dessen ist sich Claudio Sulser sehr wohl bewusst. An einem Chlausabend des Klubs, wo sein Sohn spielt, wurde der Besuch eines früheren Nationalspielers angekündigt. Und da stand er. Claudio Sulser. Markantes Kinn, hohe Stirn, breite Schultern, etwas rundlich um die Hüften. Sulser? Nationalspieler? Erst Wikipedia lieferte den Jungen den Beweis.

Sulser erzählt diese Episode, als würde er über etwas Belangloses wie den täglichen Gang zum Briefkasten sprechen. Dabei war er wirklich mal ein ganz Grosser des Schweizer Fussballs. Viermal Meister mit GC. Zweimal Torschützenkönig in der Nationalliga A. 50 Länderspiele, 13 Tore. Nationalheld nach einem Tor und Assist gegen England (1981).

Mehrmals König von Zürich, beispielsweise, als er mit drei Toren massgeblichen Anteil hatte, dass GC im Meistercup-Viertelfinal Real Madrid eliminierte. Sulser war einer der besten Stürmer seiner Zeit. In der Schweiz auf jeden Fall, vielleicht sogar in Europa.

Tempi passati. Auch wenn die Bilder vom Halbfinal-Aus gegen Bastia (nach dem Coup gegen Real) noch präsent sind. Aber im Heldenstatus verharren? Nein, das nimmt Sulser nicht für sich in Anspruch. Schliesslich trat er für viele Jahre aus dem Rampenlicht. Er war zwar noch kurz als Manager in Lugano tätig. Aber das liegt schon mehr als 25 Jahre zurück. Und das eine Jahr als Verwaltungsrat bei GC war mehr ein Freundschaftsdienst für seinen früheren Mitspieler Roger Berbig. Eine grosse Sache haben weder er noch die Medien daraus gemacht.

Für Aufsehen sorgte der Tessiner Anwalt, als er 2010 zum Präsidenten der Fifa-Ethikkommission ernannt wurde. «Vom Torjäger zum Korruptionsbekämpfer», titelte der Tages-Anzeiger. Nur: Die Ethikkommission wurde bis dahin als Klub der Unwissenden und Gleichgültigen verschrien.

«Es hiess, es gebe keine Fälle für die Ethikkommission und nur zwei Sitzungen pro Jahr. Da flachste ich, man müsse halt Fälle erfinden.» Der Mann, der sich ständig nach neuen Herausforderungen sehnt, mit einem Partner eine Anwaltskanzlei in Lugano führt, einen Tennisklub präsidierte, im Gemeinderat von Lugano und in der Dopingkommission von Swiss Olympic sass – als Alibi-Mann bei der Fifa?

Nur zwei Jahre bei der Fifa

Es dauerte nur sechs Monate, und Sulser lagen die ersten Fälle auf dem Tisch. Sechs Mitglieder wurden bestraft. Notabene die ersten Sanktionen der Ethikkommission, die mehr als vier Jahre zuvor gegründet worden war. Macht das stolz, jener Mann zu sein, der die Aufräumaktion bei der Fifa initiiert hat? «Nein, sicher nicht», sagt Sulser. «Wir haben einfach das gemacht, was wir für richtig gehalten haben.» Trotzdem: Sulser erntet Applaus. Der Kreis jener, die ihn als kommenden Fifa-Mann proklamieren, wächst. Doch Sulser sieht sich nicht als Korruptionsjäger. Und so tritt er nach nur zwei Jahren aus der Fifa-Ethikkommission aus.

Eine Prise Nonkonformist ist offenbar übrig geblieben. Denn ein solcher war er in seiner Jugend. Sulser sagt gar rebellisch. In Mendrisio wächst er als Kind Deutschschweizer Eltern auf. Unmittelbar neben dem Fussballplatz. Mit 11 tritt er in den Fussballklub ein. Später, als B-Junior, wieder aus, weil er zwei Spiele lang nur auf der Bank sass. Sulser verlässt das Tessin, tritt ins Kollegium in Schwyz ein.

Noch immer mangelte es ihm an Disziplin an Anpassungsfähigkeit, weshalb er mittwochs jeweils zwei Stunden einen Berg hochwandern musste, statt den freien Nachmittag zu geniessen. Nur: Im Kollegium findet er nicht nur zum Fussball zurück. Er lernt auch, Regeln zu akzeptieren.

Gleichwohl bleibt er eine «mosca bianca», eine weisse Fliege, die überall auffällt. Erst recht nach dem Wechsel von Vevey zu GC 1977. Sulser begnügt sich nicht mit Fussball, studiert nebenbei Rechtswissenschaften. Er gilt als Intellektueller. Allein schon, weil er statt tagsüber mit den Profis auch mal abends mit dem Nachwuchs trainierte.

Aber auch, weil es schon mal vorkam, dass er ein Sinfoniekonzert besuchte, während seine Teamkollegen um die Häuser zogen. «Ja, ich war für viele ein Sonderling», sagt Sulser. Nur: In der Mannschaft war das kein Thema. Thomas Niggl, ehemaliger Mitspieler, sagt: «Sulser war im Team voll akzeptiert. Denn er hat uns nie das Gefühl vermittelt, etwas Besseres zu sein als der Rest.»

Nun also Nati-Delgierter. Er spricht von einer grossen Aufgabe für die Schweiz, mit Portugal und Ungarn als härteste Konkurrenten um Platz 1 in der WM-Qualifikation. Trotzdem sagt er: «Unser Ziel muss die direkte Qualifikation sein.» Gleichwohl stört ihn, dass Endrunden-Teilnahmen in der Schweiz als selbstverständlich hingenommen werden.

Dagegen will er etwas tun. Und sonst? Kann er nicht viel sagen, weil er sich erst im neuen Umfeld zurechtfinden will. Noch eine Frage: Aus der Politik ist er einst ausgetreten, weil sie zu viele Kompromisse verlangt. Doch ist nicht das Amt des Nati-Delegierten, dem Bindeglied zwischen Liga, Nationalmannschaft und Verband ein politisches Amt? Sulser lacht und sagt: «Fragen Sie mich das in 100 Tagen nochmals.»