Studie belegt Wirkung
Rituale im Sport: Macht uns ein rotes Hemd oder rosa Unterwäsche zu besseren Sportlerinnen oder Sportlern?

Eine Studie hat die Wirksamkeit von Verhaltensroutinen auf die Leistung untersucht – und kommt zu eindeutigen Resultaten.

Rainer Sommerhalder
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Tiger Woods wählt vor seinen Schlägen stets den gleichen Ablauf – und er trägt am Finaltag immer ein rotes Oberteil.

Tiger Woods wählt vor seinen Schlägen stets den gleichen Ablauf – und er trägt am Finaltag immer ein rotes Oberteil.

Golfprofi Tiger Woods bereitet seinen nächsten Schlag vor. Er stellt sich mit dem Schläger hinter den Ball, visualisiert, wo sein Versuch landen soll. Dann geht er einige Schritte auf den Abschlag zu und schaut je nach Position stehend oder kniend noch einmal auf Ball und Ziel. Nun führt er den Schlag aus. Die Bilder gleichen sich aufs Haar. Immer und immer wieder die selben Abläufe.

Die wiederkehrenden Verhaltensweisen der Sportstars kongruieren: Novak Djokovic prellt den Ball vor jedem Aufschlag, als habe er alle Zeit der Welt. Cristiano Ronaldo setzt sich beim Freistoss den Ball und schreitet danach breitbeinig wie einst Westernheld John Wayne vier, fünf Schritte zurück.

Dies sind sogenannte Handlungsroutinen vor der eigentlichen Ausführung. Eine Abfolge von aufgabenrelevanten Gedanken und Handlungen, die eine Athletin oder ein Athlet systematisch durchführt. Sie dienen der Fokussierung und der Selbstkontrolle. Man verbessert damit die Aufmerksamkeit und geben dem Ausführenden ein Gefühl der Kontrolle. Auch helfen sie bei der Angstregulierung.

Wenn die Unterschiede von Ritual und Routine verschwimmen

Tiger Woods und Cristiano Ronaldo setzen auf weitere sich wiederholende Rituale mit grosser Symbolkraft. Der Amerikaner trägt am Finaltag jedes Turniers ein rotes Shirt oder einen roten Pullover, der Portugiese betritt den Rasen stets zuerst mit dem rechten Fuss. Es gibt Sportlerinnen oder Sportler, die Glückssocken tragen oder die gleiche Unterwäsche (siehe Beispiele). Solange diese Handlungen auf Aberglaube oder religiösen Überlegungen basieren, sind es Rituale.

Die Abgrenzung jedoch ist fliessend. Der Haka-Tanz des neuseeländischen Rugby-Teams hat viel mit Glauben zu tun, ursprünglich zelebriert als Vorbereitung auf eine kriegerische Auseinandersetzung. Sie sollte den Kämpfern Kraft verleihen. Doch seine Ausführung ist für die Rugby-Spieler längst auch zu einer Vor-Wettkampf-Routine geworden. Es ist der Bezug zur bevorstehenden Aufgabe, welcher eine Handlungsroutine vom Aberglauben unterscheidet. Und diese dient nicht nur als Wellness für die eigene Befindlichkeit Sie schüchtert bewusst auch das gegnerische Team ein.

Handlungsroutinen können durchaus Einfluss auf das Gegenüber haben. Wer hat sich nicht schon genervt, bis Djokovic endlich aufschlägt? Und Skispringer Simon Ammann habe zu seinen besten Zeiten «mindestens fünf Gegner bereits im Warteraum oben auf der Schanze geschlagen», wie sein langjähriger Trainer Berni Schödler ausführt. Einfach, indem er seine Überzeugung extensiv zur Schau gestellt hat.

Je kürzer die Tat, desto wichtiger die Vorbereitung

Bei den Skispringer haben Vorstart-Rituale eine grosse Bedeutung. Dabei gehe es weniger um die Verdrängung von Angst. Berni Schödler erklärt den Zweck: «Man hat nur eine Chance und diese dauert nicht einmal zehn Sekunden. Wenn man da nicht genau das macht, was es für den Erfolg braucht, ist der Zug abgefahren. Man kann nirgends mehr Zeit aufholen oder das Blatt sonst irgendwie wenden» Mit einer eigentlichen Checkliste vor dem Sprung bereite sich der Springer auf das nicht wiederholbare Ereignis vor. Häufig wenden auch Sportpsychologen in ihrer Arbeit mit Athletinnen und Athleten solche Handlungsroutinen an.

Die Universität Wien hat nun im Rahmen einer Metastudie untersucht, wie wirksam solche automatisierten Abläufe sind, wer vor allem davon profitiert und wie simpel oder komplex sie für den bestmöglichen Effekt sein müssen. Die Wissenschaftler griffen dabei auf die Daten aus 61 Studien in 15 verschiedenen Sportarten zurück. Mehrmals wurde dabei mit einer Kontrollgruppe verglichen, welche gänzlich auf solche Rituale verzichtete.

Die Studie kommt zum eindeutigen Fazit, dass die Handlungsroutinen bei der Optimierung der sportlichen Leistung wirksam sind. Folglich sei es im Sport von Vorteil, eine vorbereitende Strategie zu haben. Aber es scheint keine Rolle zu spielen, wie einfach oder komplex diese Methode ist, auf welchem Niveau die Sportlerinnen und Sportler sind und ob es sich um Mann oder Frau handelt. Was sich hingegen durchaus lohnt: Eine Individualisierung des entsprechenden Plans.

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