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Das Stadion in Pruntrut ist stimmungsvoller als die Valascia von Ambri

Ajoie verliert zum Auftakt der Saison ein dramatisches Spiel gegen Biel 1:3 – aber wie wird es hier Langnau, Ambri oder den Lakers ergehen?

Klaus Zaugg, Pruntrut
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Der Aufsteiger präsentiert sich vor dem Spiel gegen Biel seiner Anhängerschaft.

Der Aufsteiger präsentiert sich vor dem Spiel gegen Biel seiner Anhängerschaft.

Kraftvoll, beinahe rau erklingt «La Rauracienne». Die Hymne des Kantons Jura. Die «Marseillaise» der Jurassier. Uralt und schon vor 190 Jahren als Kampflied gegen die bernische Obrigkeit gesungen. Kämpferisch. Nicht melancholisch wie Ambris «La Montanara». Ajoie ist nicht Ambri, das in einer langen Geschichte eine Kultur des Leidens, der unerfüllten Sehnsucht entwickelt hat. Der HC Ajoie ist neben der Katholischen Kirche die wichtigste Institution eines Kantons, der seine Freiheit erst vor knapp 50 Jahren erkämpft hat.

Nun intonieren etwas mehr als 3000 Besucherinnen und Besucher die «Raurakische Hymne» vor dem Spiel. Zu Ehren einer Gruppe Männer in ritterähnlichen Ausrüstungen, eisernen Schuhen, behelmt und mit Stöcken in den Fäusten. Sie sind zurück auf der grossen Bühne. Um die Mächtigen herauszufordern. Der HC Ajoie spielt nach 28 Jahren wieder in der höchsten Liga.

Intensiver, aber nicht ausverkauft

Nein, die neue Arena ist an diesem historischen Abend nicht ausverkauft. Gut 1500 Plätze bleiben leer. Es ist die Unsicherheit der Viruskrise, die auch hier, hinter den sieben Jurabergen, noch nicht überwunden ist. Ein volles, ausverkauftes Stadion? Nein. Noch nicht. Es wird wohl ein sorgsames, langsames, ein wenig ängstliches Herantasten an eine Normalität, an die wir uns erst wieder gewöhnen müssen. Die auf eine schon fast irritierende Weise noch verwirrend, fast verstörend wirkt.

Der von weit her angereiste Besucher merkt nicht, dass bei weitem nicht alle da sind, die da sein könnten. Die Akustik in diesem Hockey-Tempel aus Holz ist überwältigend. Intensiver, stimmungsvoller als Ambris Kultarena Valascia. Ein gewöhnliches Spiel, eine normale Niederlage oder ein logischer Sieg – das ist in diesem Treibhaus der Emotionen nicht möglich.

Video: TV 24 / Mysports

Es muss ein Drama werden. Und es wird ein Drama. Weil die Bieler nicht gekommen sind, um zu spielen. Um freundliche Gäste einer rauschenden Party zu sein. Ganz im Gegenteil. Sie sind unerbittlich, entschlossen und voller Leidenschaft. Und so kann der Aussenseiter nicht fliegen. Nur selten findet er die Lücken in den Reihen eines schier übermächtigen Gegners. Es nützt nichts, dass sich das Publikum bei jedem Powerplay von den Sitzen erhebt. Die Emotionen treiben den Aussenseiter voran. Aber das Tempo reicht nicht um abzuheben. Um Lücken aufzureissen.

Wenn die Kanadier nicht skoren, ist Ajoie verloren

Die drei kanadischen Stürmer Jonathan Hazen, Philip-Michaël Devos und Guillaume Asselin bleiben ohne Skorerpunkt. Wenn die drei Besten nicht treffen, dann ist Ajoie verloren. Biel dominiert den Aufsteiger von allem Anfang an (41:31 Torschüsse) mit vier Linien. Der Stich ins Herz kommt ausgerechnet im Powerplay. Und, wie es sich für so ein Drama gehört, auch nicht von einem gewöhnlichen Spieler. Es ist Gaëtan Haas, der Rückkehrer, der Captain, der Leitwolf, der teuerste Spieler der Bieler Hockeygeschichte. In Unterzahl zieht er davon und erzielt das 0:1. Er entscheidet gleich das erste Spiel nach seiner Rückkehr. So muss es sein.

Es ist der Stich ins Herz des tapferen Aufsteigers, von dem er sich nicht mehr erholen wird. Ajoie verliert sein erstes Spiel in der neuen Arena. Obwohl Trainer Gary Sheehan alles richtig gemacht hat. Obwohl Torhüter Tim Wolf hexte. Obwohl jeder sein bestes Hockey spielte. Gegen ein gewöhnliches Biel hätte es gereicht. Aber nicht gegen dieses erstaunliche, grosse Biel. Ajoie hat verloren und die Herzen seiner Fans gewonnen. Durch Leidenschaft, Mut und Kampf bis zur letzten Sekunde. Die tapferen Verlierer werden mit Applaus und Sprechhören verabschiedet.

Die neue Zeitrechnung des jurassischen Hockeys hat mit einem grossen Hockeyabend begonnen. Der Aufsteiger wird ein Farbtupfer in der höchsten Liga sein. Und diese erste Partie ist eine Warnung: Wenn ein Biel, an Talent himmelhoch überlegen, all seine Kräfte mobilisieren muss, um am Ende knapp zu gewinnen (3:1) – wie wird es hier jenen ergehen, die weit weniger Talent haben? Den Langnauern? Ambri? Den Lakers?

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