Sotschi
Stell dir vor, es ist Olympia in deiner Stadt und keinen kümmert es

Die ganze Welt blickt nach Sotschi. Doch beim Spaziergang in der russischen Stadt weist wenig auf ein sportliches Grossereignis hin. Ein Augenschein im grössten Potemkin'schen Dorf, das je gebaut wurde.

Klaus Zaugg, Sotschi
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Am Hafen von Sotschi geniessen Touristen den Sonnenschein, Olympia ist weit weg, auch wenn der Biertrinker wohl einen Abstecher zu den Spielen macht. key

Am Hafen von Sotschi geniessen Touristen den Sonnenschein, Olympia ist weit weg, auch wenn der Biertrinker wohl einen Abstecher zu den Spielen macht. key

Nehmen wir an, der Schreibeigene eines Zeitungsverlegers bekommt den Auftrag, in diesen Tagen nach Sotschi zu reisen und herauszufinden, was dort eigentlich los ist. Wohlverstanden: in die Stadt Sotschi am Schwarzen Meer. Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014.

Der betreffende Reporter weiss nichts von den Winterspielen 2014. Ihm wird nur mitgeteilt, dort in der Stadt Sotschi müsse irgendetwas von grösster Wichtigkeit im Gange sein.

Die Sicherheitsvorkehrungen seien angeblich gross, und es sei nicht auszuschliessen, dass er in ein paar Gewehrläufe blicken werde.

Ich blende alles aus, was ich über Sotschi gehört und gelesen habe, und mache mich auf dem Weg. Mit der Eisenbahn.

So müsste es am einfachsten möglich sein, herauszufinden, was los ist.

Der Bahnhof liegt ja in der Regel in der Mitte einer Stadt und von dort aus werde ich an den Strand und zurück laufen. Sotschi ist ja ein beliebter Bade- und Urlaubsort. Die «Riviera Russlands».

Bei der Ankunft ist am Bahnhof nicht viel los. Der Zug nach Sotschi war praktisch leer. Nichts deutet auf ein Grossereignis hin. Beim Bahnhof sehe ich zwar die fünf olympischen Ringe. Aber die sieht man auf diesem Planeten an vielen Orten.

Das Leben nimmt hier seinen gewohnten Lauf. Was könnte denn los sein? Das herauszufinden, dürfte nicht so schwer sein. Schliesslich ist diese Stadt mit nicht einmal einer halben Million Einwohner überschaubar.

In den vielen kleinen Läden fällt kein Souvenir auf. Die Menschen tragen keine festlichen Gewänder. Erhöhte Sicherheit? Nein.

Zwar begegnen mir ab und zu die schwarzen Raben des Sicherheitsdienstes. Aber viele von ihnen tragen Einkaufstüten oder haben das Käppi auf Durst gestellt. Sie wirken eher wie Karikaturen, wie Statisten einer Diktatur.

Ach, Sotschi am Schwarzen Meer ist schön. Die Küstenlinie mahnt ein wenig an den Pazifik ob Los Angeles. Die Vegetation und der morbid-nostalgische Charme der alten Gebäude an Stresa, den Kurort am Langensee.

Nur fehlen die exzellenten piemontesischen Beizen und die Borromäischen Inseln vor der Küste.

Die Schäbigkeit in Gebäuden und in der Kleidung der Menschen – so etwas wie der Charme des untergegangenen Sozialismus – ist noch nicht ganz vertrieben und verlüftet. Aber im wunderbaren Klima – es ist fast 20 Grad – fällt es nicht so sehr auf.

Aber was könnte hier los sein? Fahnen oder Plakate, die auf eine besondere Veranstaltung hinweisen, sehe ich weit und breit keine.

Ich spaziere den Fluss entlang und dann durch einen Park ans Ufer des Schwarzen Meeres. Nicht viel ist los. Die meisten kleinen Beizen sind noch geschlossen. Ein schlafender Sommerkurort.

Doch, jetzt sehe ich ein Bürogebäude. Hier könnte ich offensichtlich Tickets für eine Wintersportveranstaltung kaufen.

Fotos von Wintersportlern und eine blaue Aufschrift «Sotschi 2014» lassen es vermuten. Wintersport? Hallo? Sicher nicht jetzt und hier.

Wahrscheinlich sind diese Tickets für eine Veranstaltung irgendwo in Russland.

Russland ist ja gross und an vielen Orten ist es bitterkalt. Da wird ja wohl nicht ausgerechnet in der Stadt Sotschi jemand auf den Gedanken gekommen sein, Wintersport zu veranstalten.

Olympische Spiele können es hier in Sotschi auf gar keinen Fall sein. Ich habe Vancouver 2010 noch in bester Erinnerung.

Da rockte und rollte, vibrierte, ja bebte eine ganze Stadt vor Wintersportbegeisterung. Die Begeisterung für den Sport, für die Olympischen Spiele war auf Schritt und Tritt und bei jeder Begegnung mit den Menschen der Stadt spürbar.

Und an den Gebäuden, in den Läden und Restaurants sichtbar: Fahnen, Transparente, Plakate.

Aber an diesem Tag in Sotschi habe ich am Strand mehr Menschen in Badehosen gesehen als in der Stadt solche, deren Kleider oder deren Wesen und Wirken einen Zusammenhang mit Wintersport vermuten liessen. Und ein Wintersportgeschäft habe ich auch nicht gefunden.

Ich habe in Sotschi am Schwarzen Meer einen wunderbaren Tag verlebt. In die Sonne geblinzelt und das Meer geschaut. Aber ich habe nicht herausgefunden, was hier los ist.

Also nehme ich wieder die Eisenbahn und fahre zurück in den olympischen Park.

Die Fahrt dauert nicht ganz eine Stunde. Ein bisschen bin ich irritiert, dass ich vor dem Eintritt in den Bahnhof durch die gleiche Sicherheitskontrolle gehen muss wie am Flughafen.

Beim Verlassen des Bahnhofes beim olympischen Park schweift der Blick über die Eissportanlagen. Ein fantastisches Bild. Es gibt weltweit keine eindrücklicheren Sportanlagen als der olympische Park hier unten am Meer bei Sotschi.

Dieses Eissport-Disneyland, ein Park mit allen Anlagen für den Eissport, hat es so noch nie gegeben und wird es vielleicht auch nie mehr an einem anderen Ort geben.

So etwas ist nur in einer «gelenkten Demokratie» ohne Oppositions- und Baueinsprachen-Kultur und ohne Budgetkontrolle im grossen, mächtigen Russland Wladimir Putins möglich. Und nun wird mir auch klar: Diese Spiele sind im Grunde ein Potemkin’sches wintersportliches Dorf und haben mit Sotschi überhaupt nichts zu tun.

Es ist das gewaltigste Potemkinsche Dorf, das je gebaut worden ist. Immerhin betragen die Kosten für die olympischen Bauten geschätzte 50 Milliarden Franken.

Mit dem tatsächlichen Sotschi, dem Land, der Kultur, haben diese Wintersportanlagen rein gar nichts zu tun. Die Menschen in Sotschi werden sich nie für Wintersport interessieren.

Ebenso könnten die Winterspiele in Katar oder Namibia veranstaltet werden. Ich kehre zurück in die Schreibstube. Als Arbeitstitel fällt mir, inspiriert von Erich Maria Remarque ein: «All quiet on the Sotschi-Front.» In Sotschi nichts Neues.

Oder in Anlehnung an einen Spruch, der fälschlicherweise Bertolt Brecht zugeschrieben wird – «Stell dir vor, es kommt Krieg und keiner geht hin»: Stell dir vor, es sind Olympische Spiele in deiner Stadt und keinen kümmert es.