Kunstturnen
Steingruber-Trainer Zoltan Jordanov: «Die Chemie hat gestimmt»

Nationaltrainer Zoltan Jordanov äussert sich im Interview über die Zusammenarbeit mit Giulia Steingruber, lässt die Olympischen Spiele von Rio Revue passieren und schätzt die Leistungen seines Schützlings ein.

Marcel Kuchta, Rio de Janeiro
Merken
Drucken
Teilen

KEYSTONE

Zoltan Jordanov, wie stufen Sie die Leistungen von Giulia Steingruber hier in Rio gesamthaft ein?

Zoltan Jordanov: Nun, es gab Hochs und Tiefs. Die Qualifikation war gut. Der Mehrkampf weniger. Der Sprungfinal war wieder top. Dafür der Bodenfinal nicht mehr.

Können Sie sich den «Abschiffer» im Bodenfinal erklären?

Niemand konnte ahnen, dass es so kommen würde. Sie war bereit. Sie war motiviert. Aber schon beim ersten Schritt verdrehte es ihr das Fussgelenk. Und das brachte sie aus dem Konzept. So verpasste sie ihren ersten Sprung, der sehr wichtig ist. Danach verfiel sie in Panik. Klar bin ich enttäuscht . . .

. . . aber . . .

. . . wenn mir jemand vor sechs Monaten einen achten Platz im olympischen Bodenturnen angeboten hätte, hätte ich den Deal akzeptiert.

Wie haben Sie Giulia zwischen ihrem Gewinn der Bronzemedaille und dem Bodenfinal erlebt?

Sie war emotional erschöpft. Wir trainierten zwar, aber wir konnten nicht Vollgas geben. Es war zu viel Stress für sie. Aber das hat mich nicht überrascht.

Giulia Steingruber an der Olympischen Spielen in Rio. Die Doppel-Europameisterin vor der Eröffnung an einem Strand in Rio, gehüllt in eine Schweizer Fahne.
13 Bilder
Selbige darf die Turnerin an der Eröffnungszeremonie für die Schweiz tragen.
Seit Vreni Schneider an den Winterspielen 1992 ist Steingruber die erste Frau, der diese Ehre zukam.
Auch im Sport überzeugt Giulia Steingruber: Sie qualifiziert sich gleich für drei Finals im Kunstturnen.
Im Mehrkampf-Final erreichte sie einen soliden 10. Platz.
In ihrer Paradedisziplin, dem Sprung, gelingt ihr endlich der Medalliengewinn.
Der Moment, als sie ihr grosses Ziel erreichten: Giulia Steingruber und ihr Trainer Zoltan Jordanov während des Sprung-Finals
Mit einer Bronzemedallie ist sie die erste Kunstturnerin der Schweiz, die an den Olympischen Spielen Edelmetall mit nach Hause nimmt.
Die Sprünge auf das Podest tragen die Namen «Tschussowitina» und «Jurtschenko».
Zudem gewinnt Steingruber die erste Olympia-Medaille für den Schweizerischen Turnverband seit dem Olympiasieg von Donghua Li 1996.
Anschliessend wird sie gebührend im House of Switzerland empfangen.
Zwei Tage später: Am Boden stürzt Giulia Steingruber jedoch gleich zwei Mal – und landet damit abgeschlagen auf dem letzten Final-Platz.
Trotz allem kann Steingruber auf sehr erfolgreiche Olympische Spiele zurückblicken.

Giulia Steingruber an der Olympischen Spielen in Rio. Die Doppel-Europameisterin vor der Eröffnung an einem Strand in Rio, gehüllt in eine Schweizer Fahne.

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Wie haben Sie versucht, ihr in dieser Situation zu helfen?

Ich versuchte, sie ein wenig zu beruhigen. Ich versuchte, immer positiv zu bleiben, sie an ihre besten Leistungen zu erinnern.

Konnten Sie nach dem Gewinn der Bronzemedaille schlafen?

Nein! (lacht). Aber ich habe hier in Rio prinzipiell nie so gut geschlafen. Ich war immer unter Anspannung und zufrieden, wenn ich mal zwei bis drei Stunden am Stück schlafen konnte.

Was haben Sie zu Giulia nach ihrer missglückten Bodenübung gesagt?

Ich habe ihr gesagt, dass unzählige Kunstturnerin davon träumen, nur schon überhaupt an Olympischen Spielen teilzunehmen. Geschweige denn, an einem Gerätefinal. Ich sagte ihr, dass sie keinen Grund hat, enttäuscht zu sein. Obwohl sie es natürlich war.

Worauf sind Sie am meisten stolz?

Ich bin stolz auf unsere sehr gute Zusammenarbeit. Die Chemie hat einfach gestimmt. Und das nicht nur während eines Jahrs, sondern eigentlich während der ganzen acht Jahre, in welchen wir zusammengearbeitet haben. Sie kennt mich. Ich kenne sie. Wir gleichen uns gegenseitig sehr gut aus.

Gab es nie Krisen?

Nein, sie hat meine Anweisungen befolgt. Ich konnte sie gleichzeitig aber so gut einschätzen, dass ich wusste, was ich, wann von ihr fordern darf. Ich schaute ihr in die Augen, wenn sie in die Turnhalle kam, und wusste sofort, wie die Trainingseinheit verlaufen würde (lacht).

Wurden Sie eine Art Vaterfigur für Giulia?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Unsere Beziehung war immer sehr professionell. Wir haben natürlich sehr viel Zeit miteinander verbracht in der Turnhalle, auf Reisen, an den Wettkämpfen. Wir haben viel diskutiert, aber es ging immer um die Sache.

Trotz den Emotionen, die automatisch ins Spiel kommen?

Klar. Wenn es nicht so gelaufen ist, wie wir uns das erhofft haben, waren wir beide enttäuscht. Zum Beispiel nach dem Mehrkampf hier in Rio: Über den zehnten Platz waren wir beide nicht glücklich. Sie hätte das Potenzial für einen Top-6-Platz. Ich habe sie also in diesem Moment kritisiert, worauf sie sich umdrehte und zu weinen begann. Ich dachte sofort: «Oh mein Gott, jetzt habe ich einen Fehler gemacht.» Ich ging darauf zu Giulia und sagte ihr: «Komm, umarme mich, und alles ist wieder gut.» Später habe ich mich noch per SMS bei ihr entschuldigt. So funktioniert das zwischen uns (lacht).

Der Moment, als sie ihr grosses Ziel erreichten: Giulia Steingruber und ihr Trainer Zoltan Jordanov während des Sprung-Finals

Der Moment, als sie ihr grosses Ziel erreichten: Giulia Steingruber und ihr Trainer Zoltan Jordanov während des Sprung-Finals

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Der Weg zu dieser Medaille war sehr lang. Welches war für Sie der schwierigste Moment?

Das Schwierigste war wohl, die Geduld zu bewahren. Wir haben auf diese Medaille lange gewartet. Wir haben immer darauf hingearbeitet. Während langer Zeit war Giulia immer nah dran an der Spitze. 4., 5., 4. – aber es hat nie ganz gereicht. Sie hat diese Medaille verdient, ohne Zweifel. Das hatte auch nichts mit Glück zu tun.

Welche Möglichkeiten sehen Sie bei Giulia in Zukunft?

Sie hat sicher die Möglichkeit, vier Jahre weiter zu turnen. Gerade am Boden hat sie grosses Potenzial, zumal es in Europa mittelfristig keine Konkurrentinnen gibt, vor denen sie Angst haben müsste. Sie wäre in Tokio 2020 definitiv eine Medaillenanwärterin. Entscheidend wird sein, wie es mit dem neuen Coaching-Team weitergehen wird.

Sie werden Ihr Amt Ende Jahr abgeben müssen. Wie geht es jetzt mit Ihnen weiter?

Ich werde bis Ende Jahr mit dem Nationalteam weiterarbeiten. Danach bin ich – wie sagt man? – «arbeitslos». Lassen wir das so stehen . . .