Fussball
Stav Jacobi über seine neue Rolle als Verwaltungsrat von GC

Der Präsident vom Volleyballklub Voléro Zürich, Stav Jacobi, sitzt seit kurzem im GC-Verwaltungsrat. Im Interview erzählt der Russe, dass er die Marke GC als verrostet empfindet. Jetzt will er wie einst Napoleon Bonaparte ins Gefecht ziehen.

Etienne Wuillemin
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Bühne frei für Stav Jacobi! Der russische Millionär soll dazu beitragen, GC zurück an die Spitze zu führen.

Bühne frei für Stav Jacobi! Der russische Millionär soll dazu beitragen, GC zurück an die Spitze zu führen.

Tanja Demarmels

Was hat Sie dazu bewogen, bei GC als Verwaltungsrat einzusteigen?

Stav Jacobi: Wenn ich die Wahrheit sage, dann würden Sie mich in die Psychiatrie einliefern.

Sagen Sie die Wahrheit!

Ich kenne sie nicht. Ausgangspunkt ist immer ein Hilferuf. Ich wurde so erzogen, dass ich nicht wegschaue, wenn jemand in Nöten ist. Ich bin überzeugt, wenn jemand im Zürichsee im Wasser in Not ist, dann schauen neun von zehn Leute, die spazieren, weg und sagen später: Ich habe nichts gehört!

Also war es ein Hilferuf von GC?

Ja. Ich habe mich nicht beworben. Ich bewerbe mich nie. Wobei, diese Botschaft, die ich jetzt aussende, ist gefährlich: Plötzlich kommen morgen alle und wollen Hilfe (lacht).

Streben Sie auf die grosse Bühne?

Es sind die Spieler, die auf der Bühne stehen müssen! O.k., Sepp Blatter steht auch auf der Bühne und geniesst es. Aber das vergeht. Für wen interessieren sich die Kinder? Sicher nicht für die Funktionäre. Ich habe kein inneres Bedürfnis nach Profilierung. Überhaupt: Jeder, der glänzt und immer weiter glänzen will, bekommt am Schluss Tomaten ins Gesicht geworfen.

Wie nehmen Sie das derzeitige Image von GC wahr?

Ich kann nicht sagen, dass ich mein Leben lang GC-Fan war, das wäre gelogen. Aber ich kenne GC, seit ich Kind war. Die Schweiz ist GC! Nicht Young Boys, St. Gallen oder Thun. Und auch nicht Basel. Als ich Kind war, da gab es nur zwei Klubs in der Schweiz, GC und Servette. Die waren immer irgendwo im Europacup präsent.

Diese Zeiten sind längst vergangen.

Ja. Aber die Marke GC strahlt im Ausland noch heute! Klar, in der Schweiz ist sie verrostet. Aber im Ausland ist GC weiterhin ein Begriff.

Wie können Sie GC helfen?

Ich bin gerade daran, GC zu lernen. Wenn die Klubführung glaubt, dass ich ein Mehrwert sein kann, dann versuche ich es. Sie sagen, es brauche einen Turnaround. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die Leute, die jahrelang grosszügig waren, sind nicht ewig. Die sind in einem Alter, wo sie vielleicht häufiger an Gott denken als an GC. Der Generationenwechsel muss irgendwann kommen. Aber ich weiss noch nicht, was ich GC bringen kann. Ich bin nicht in einer führenden Position.

Noch nicht?

Nicht. Punkt. Ich bin Volleyballer, Präsident von Volero Zürich. Ich bin darum vor allem ein Sparringpartner, der nicht behaftet ist mit der Geschichte. Meine Geschichte mit Fussball beschränkt sich auf einen Besuch der EM 2008 in Bern. Aber wie sagte ein bekannter General einst: Zuerst muss man ins Gefecht ziehen – und dann schaut man, was rauskommt.

Stav Jacobi wie Napoleon Bonaparte – welch grosses Kino!

Absolut. Sport ist emotional. Und ich sage jetzt auch nicht, dass ich erst zwei bis drei Jahre brauche, um mich in sämtliche Bilanzen einzulesen. Wenn ich sehe, dass ich keinen Mehrwert darstelle, dann kann ich immer noch zurücktreten.

Das GC, in das Sie sich reinstürzen wollen, gemahnt derzeit an einen Zirkus. Waren Sie immer schon so waghalsig?

Sagen wir es so: Früher bin ich selbst dann vom Sprungturm ins Becken gesprungen, wenn kein Wasser drin war. Heute frage ich sogar zuerst nach der Wassertemperatur. Jedenfalls nimmt GC massiv mehr Zeit in Anspruch, als ich eingeplant habe (lacht). Und ich weiss nicht, woher ich diese Zeit nehmen soll. Vier bis fünf Stunden Schlaf pro Nacht brauche ich jedenfalls.

Was, wenn die Verantwortlichen bei GC denken, Sie haben Voléro aus dem Nichts zum Schweizer TopVolleyball-Klub gemacht – warum nicht dasselbe beim Fussball?

Ich habe Voléro nicht erfunden, und klein war Volero auch nie. Und schon gar nicht habe ich eine Wunderpille. Aber ich habe alles, was ich tun konnte, in den Dienst von Volero gestellt. Trotzdem bin ich finanziell nicht derart potent, dass ich Mutter Teresa spielen könnte. Ich glaube nicht, dass GC nur Geld will. Das kann gar nicht das Ziel sein. Gestern Fromm. Morgen Jacobi. Übermorgen Meier. Das ist kein nachhaltiges Modell!

Aber Fussball ohne Mäzen, das funktioniert nur an ganz wenigen Orten. Zürich gehört nicht dazu.

Ja. Aber diese Mäzene sollen supplementär sein. Sie dürfen nicht die Basis sein, sondern sollen grössere Schritte ermöglichen. Ein bisschen Geld, um einen Sprung zu machen – da bin ich dabei. Aber es kann nicht sein, dass es heisst: Helfen Sie uns, sonst müssen wir den Laden zumachen! Das ist ein schlechtes Signal. Ein Fussballklub kann nicht funktionieren wie eine Feuerwehr. Die rasen zum Feuer, noch ohne zu wissen, wo es überhaupt brennt. Und sie wissen: Es wird wieder brennen. Diese Kette an negativen Nachrichten muss aufhören. Der verlässt den Verein. Dann ein nächster. Dann verschwindet Geldgeber Fromm. Dann der Krach mit Sportchef Thoma. Erst heisst es: Fristlos weg! Dann doch nicht. Das ist nicht so glücklich.

Mit dieser Wahrnehmung sind Sie nicht allein ...

Zum Glück ist das korrigierbar. Man muss das Haus nicht sprengen. Nur umbauen.

Wie beurteilen Sie den Stellenwert des Sports in der Schweiz allgemein?

Man geniesst den Erfolg. Es ist wie bei den Blumen. Schöne Blüten ziehen die Bienen an. Wüste Blüten nur die Fliegen. Der Mensch ist so gebaut, dass er am Erfolg teilhaben will. Es reicht schon, wenn er dabei im Stadion ist. Sport induziert Glücksgefühle. Auf der anderen Seite steht die Politik. Es heisst immer: «Breitensport kann nicht ohne Spitzensport.» Und: «Der Spitzensport ist ein Aushängeschild des Breitensports.» Schöne Worte. Aber der Spitzensport in der Schweiz ist eine private Angelegenheit. Er wird von den Städten nicht getragen. Er hat nichts mit Demokratie zu tun wie in unseren Nachbarländern.

Erklären Sie das!

Die Schweiz hat in ihrer Selbstdefinition: «Wir sind ein kleines Land, irgendwo in den Alpen zusammengepresst, ohne Ansprüche, eine Weltmacht zu sein.» Unsere Nachbarn sind komplett anders. Die wollen Weltmacht sein. Die müssen sich präsentieren im Sport. Dort wird in jede Medaille investiert! Frankreich, Deutschland, Italien, auch Russland, Amerika. Wenn die Olympischen Spiele näherkommen, überlegen auch die Australier: Wen können wir schicken? Ein Känguru? Nein! Aber da haben wir einen Chinesen, der schnell ist. Hallo, du bist jetzt Australier, nimm den Pass! Und die Schweiz? Da warten Sie ewig.

Sie reden sich in Fahrt...

Ja. Die Schweiz ist einzigartig: Man erwartet Ergebnisse, sagt aber: Es ist eure private Angelegenheit. Die Finanzierung liegt in den Händen von – soll ich sagen: Verrückten? – nein besser: in den Händen von faszinierten Mäzenen, die Risiken eingehen müssen. Walter Frey unterstützt die ZSC Lions. Aber wenn sie verlieren oder es Krawall gibt, dann ist alles auch mit seinem Namen verbunden. Sport ist viel Risiko, wenig Chancen. Wenn ich mich profilieren will, dann lasse ich das Kunsthaus ausbauen, hänge 20 Bilder auf von Künstlern, die nur ich kenne – und kann noch meinen Namen beim Eingang eingravieren. Nein, die Schweiz hat kein Verständnis für Spitzensport. Das sieht man beispielsweise daran, dass die Stadt Zürich kein Fussballstadion hat.

Würde ein neues Stadion alleine reichen, damit GC dauerhaft besser aufgestellt wäre?

Ich weiss nicht, ob ein Stadion reichen würde. Aber ich weiss: Ohne Stadion wird es ganz schwierig. Ohne eigene Spielstätte kann man nicht vernünftig wirtschaften. Und man kann keinen Spirit herstellen. In Zürich ist das Stadion ja wie ein Theater. Heute Hamlet, morgen Othello. Heute GC, morgen FCZ, übermorgen Leichtathletik – nein, da entsteht keine Identifikation.

Sie als gebürtiger Russe, ...

(unterbricht): Homo Sovjeticus bitte, das ist etwas anderes! (lacht)

Was können die Schweizer von Russland lernen?

Man kann immer gegenseitig lernen. Es geht nicht um Russen, Ukrainer oder Schweizer. Ich bin überzeugt, dass wir Europäer sehr viel von Afrikanern lernen können. Wir müssen sogar!

Woran denken Sie?

Dass wir glücklich sein sollten mit dem eigenen Leben, ohne es materialisieren zu müssen. In der Schweiz hängt die Zufriedenheit von einem Paket an Gütern ab. Ich arbeite bei der Bank, ich habe zwei Autos, ich habe eine hübsche Frau. Und wenn das Generalabonnement 20 Prozent teurer wird, haben die Menschen zwei Wochen lang Existenzängste. Es ist interessant zu sehen, dass arme Völker nicht weniger glücklich sind als wir.

Zum Schluss: Kürzlich haben Sie ein Zeitungsinserat geschaltet, weil Sie Ihren Hund vermissen. Haben Sie brauchbare Hinweise erhalten?

Es waren viele Hinweise. Leider ist Goscha noch nicht aufgetaucht. Auch die Suche mit Polizeispürhunden war nicht erfolgreich. Aber ich weiss, dass er lebt. Sonst wäre mein emotionales Empfinden anders. Und auch der Tiermediator bestätigt mir das.

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