Es beginnt mit einem Geschenk. An Heiligabend steht es plötzlich unter dem Weihnachtsbaum: ein kleines Motorrad, nicht grösser als ein Lauf-Velo für Kinder. Fünf Jahre alt ist Justin Murisier. Und der Onkel hat mit seinem Geschenk einen Volltreffer gelandet.
Murisiers Leidenschaft für Motocross ist geweckt.

Und vielleicht könnte er heute auch Motorsport-Profi sein, wenn ihm das Skifahren nicht mindestens ebenso gut gefallen würde.
20 Jahre nach jenem Weihnachtsabend bei der Familie Murisier: Wir treffen Justin im Wallis. Der 26-Jährige empfängt uns auf einer Motocross-Strecke unweit von Martigny.

«Die Olympischen Spiele sind ein Kindheitstraum»

«Die Olympischen Spiele sind ein Kindheitstraum»

Skirennfahrer Justin Murisier über die vergangenen und bevorstehenden Olympischen Spiele.

«Mal richtig Gas geben»

Es ist Juli und heiss. Richtig heiss. Justin Murisier schwitzt unter seinem Overall. Immerhin der Fahrtwind kühlt ein wenig. Besonders, wenn Murisier mit dem Motorrad durch die Luft fliegt. «Es macht schon wahnsinnig Spass, hier mal richtig Gas zu geben», sagt er.

Murisier hat seine Maschine im Griff. Staub wirbelt auf, wenn er um die Kurven donnert. Ein Spektakel! Eine Frage stellt sich der Beobachter: Ist das nicht gefährlich? Warum nimmt Justin Murisier dieses Risiko in der Vorbereitung auf den Olympia-Winter auf sich?

Der Walliser lacht und sagt: «Beim Skifahren habe ich mich schon oft schwer verletzt. Mit dem Motorrad habe ich mir bisher nur leichte Prellungen zugezogen. Was also ist gefährlicher?»
Eins zu null für den Mann, der 2011 an der Junioren-WM drei Medaillen gewann und auf dem besten Weg war, der neue Schweizer Skistar zu werden.

Aber eben: Es folgten Verletzungen. Zwei Kreuzbandrisse unter anderem. Zwei Verletzungen, die die Skikarriere des Riesentalents früh bremsten. Erst jetzt ist er wieder dort, wo er vor Jahren war. Auf dem Weg an die Spitze.

«Genau wie auf der Skipiste»

Zurück nach Martigny. Zirka einmal pro Woche steigt Murisier im Sommer auf das Motorrad. «Es ist ein kleiner Teil meines Lebens», sagt er. Neben dem Konditionstraining bleibt wenig Zeit.

Doch das Motocrossfahren hilft ihm als Skifahrer. «Man muss beim Motocross schnell reagieren und manchmal im letzten Moment eine neue Linie wählen. Genau wie auf der Skipiste. Es trainiert zudem meine Augen, hilft mir, sehr schnell zu fokussieren. Das sind alles Dinge, die mir auf der Skipiste helfen.»

Während er so erzählt, leuchten seine Augen und der Zuhörer spürt die Leidenschaft, die das Motorrad weckt. Murisier, der Motocross-Profi? «Nein», sagt er. «Es ist mein Hobby. Dafür bin ich zu wenig gut.»

Murisier untertreibt. Er startet auch Mal an Rennen, unter anderem qualifizierte er sich am wohl schwierigsten Motocross-Rennen der Welt, dem Erzbergrodeo, für das Hauptfeld. Zu wenig gut? Vielmehr Bescheidenheit. «Ich investiere so viel in den Skisport, da ist der Vergleich nicht fair.»

Kein Führerschein

Später, also nach der Skikarriere, will Murisier vielleicht einmal an der Rally Dakar teilnehmen. Dabei hat er nicht einmal den Führerschein für seine Maschine. «Das ist besser so. So darf ich nicht auf die Strasse», sagt er. Im Wissen, dass ihn die Geschwindigkeit reizt. Ausleben tut er das lieber auf der abgesperrten Strecke auf Privatgrund.

Auch auf der Skipiste reizt Murisier das Tempo. Zuletzt in Wengen ist er in der Kombination Siebter geworden. Doch vor allem ist er der talentierteste Schweizer Riesenslalomfahrer seit Jahren. Zweimal verpasste der Walliser das Podest in dieser Saison knapp. Im Winter bleibt sein Motorrad in der Garage. «Schliesslich bin ich Skifahrer geworden.» Trotz des Geschenks zu Weihnachten.