Neue Strategie
Swiss Olympic will stärker führen und nicht mehr um jeden Preis Olympische Spiele

Der Schweizer Sport bekennt sich mit der neuen Strategie stärker zu ethischen Werten und Nachhaltigkeit. Trainer sollen sich besser ausbilden und die Frauenquote relevant erhöht werden.

Rainer Sommerhalder
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Der Blick auf Olympische Spiele in der Schweiz soll nun geschärft werden. Pirmin Zurbriggens spektakuläre Fackelaktion auf dem Matterhorn als Unterstützung für die gescheiterte Kandidatur «Sion 2026» ist Schnee von gestern.

Der Blick auf Olympische Spiele in der Schweiz soll nun geschärft werden. Pirmin Zurbriggens spektakuläre Fackelaktion auf dem Matterhorn als Unterstützung für die gescheiterte Kandidatur «Sion 2026» ist Schnee von gestern.

Valentin Flauraud / Keystone

Strategien sind oft abstrakte Werke, die der Chefetage als Vorgabe dienen, die Angestellten aber selten erreichen oder interessieren. Swiss Olympic geht einen anderen Weg und ist in seinen Aussagen erstaunlich konkret. Die Dachorganisation von 81 Schweizer Sportverbänden hat seine neue Strategie mit einem zweitägigen Forum, 45 Workshops und einer dreimonatigen Vernehmlassung bis Ende Juli auf breiter Basis lanciert. Präsident Jürg Stahl sagt:

«Wir wollen, dass diese Strategie im Schweizer Sport gelebt wird und unsere Mitglieder sich mit ihr identifizieren können.»

Die Strategie offenbart spannende Fakten. Swiss Olympic will bei übergeordneten Bedürfnissen des Schweizer Sports den Lead deutlicher übernehmen. In der Vergangenheit wurde der Verband von vielen Kreisen primär als Dienstleister wahrgenommen. Man hat die Rolle mit Verweis auf die Autonomie der Verbände eher passiv interpretiert. Die Covid-Pandemie habe aufgezeigt, dass eine Führungsrolle notwendig sei, sagt Stahl. In diesem Zusammenhang will Swiss Olympic auch der Interessenvertretung etwa in der Politik mehr Gewicht geben.

Covid soll in Zukunft nicht den Ton angeben

Jürg Stahl, Präsident von Swiss Olympic

Jürg Stahl, Präsident von Swiss Olympic

Keystone

Ansonsten sei die Strategie bewusst nicht auf die derzeit stark spürbaren Folgen des Coronaviruses ausgerichtet. «Es darf in den nächsten fünf Jahren nicht bei jeder Herausforderung immer das Virus als Begründung herhalten», sagt Stahl. Als Grundlage für das neue Leitbild und die daraus abgeleitete Strategie hat man die Frage gestellt, was den Schweizer Sport in zehn Jahren beschäftigen wird.

Die erwarteten Veränderungen sind stark, die Anforderungen hoch. Man geht davon aus, dass der Leistungssport durch technologische Entwicklungen und dem Trend zu Professionalisierung überproportional teurer wird. Zudem rechnet man mit mehr Heterogenität, weil sich die Anzahl Sportarten oder daraus abgeleitete Sportvarianten um 25 Prozent erhöht und dies vor allem ausserhalb des traditionell organisierten Vereinssport geschieht. Bereits bis 2025 will man die CO2-Emmisionen um 25 Prozent senken.

Neue Bedeutung für Ethik und Nachhaltigkeit

Und man nimmt Rücksicht darauf, dass die Gesellschaft die Entwicklungen des Leistungssports in Bezug auf die ethischen Wertvorstellungen zunehmend kritisch verfolgt. Auch das Thema Nachhaltigkeit taucht mit dem Ziel einer neutralen Klimabilanz der Organisation bis ins Jahr 2050 erstmals in der Strategie auf.

Ein zentrales Thema sind Werte und Prävention. Das Bekenntnis zu ethischen Grundsätzen wird bei allen Mitgliedern mittels übergeordnetem Ethikreglement eingefordert, in alle Leistungsvereinbarungen integriert und auch in die Ausbildung von Trainern, Funktionären und Athleten implementiert. Eine unabhängige Meldestelle wird Missstände ab Januar 2022 untersuchen und nötigenfalls sanktionieren. Sportministerin Viola Amherd liess in ihrer Videobotschaft an die 350 zugeschalteten Funktionäre am Forum keine Zweifel an der Bedeutung dieses Punktes. Die Bundesrätin sagte, dass sie die künftige Finanzierung des Schweizer Sports stärker an die Einhaltung ethischer Grundsätze knüpfen will.

Nicht nur deshalb will Swiss Olympic die Anforderungen an Trainer im Leistungssport erhöhen und die Diplomausbildung grundsätzlich zur Voraussetzung für ein Engagement für in- und ausländische Fachleute machen. «So wie dies in anderen Branchen ebenfalls eine Selbstverständlichkeit ist», sagt Stahl. Bis ins Jahr 2027 will man diese Quote auf 75 Prozent steigern.

Vor allem Erfahrung, wie man eine Olympia-Abstimmung verliert

Einen neuen Ansatz wählt Swiss Olympic bei der Frage nach Olympischen Winterspielen in der Schweiz. War die Ausrichtung des Grossanlasses in der Vergangenheit stets ein strategisches Ziel, so will man nun zuerst bis Ende 2022 eine klare Haltung zu dieser Frage erarbeiten.

Jürg Stahl sagt etwas provokativ:

«Aus der Vergangenheit wissen wir vor allem, wie man es macht, dass man die politischen Abstimmungen nicht gewinnt».

Deshalb wolle man sich heute bewusst noch nicht festlegen. «Wir wissen, dass wir es können. Aber wir müssen es miteinander machen, den Weg dazu anders planieren und die Antwort finden, was es uns letztlich bringt». Den Prozess dazu will Stahl so breit wie möglich fahren.

Unabhängig vom Austragungsort: Um im zunehmend professionalisierten Elitesport weiterhin regelmässige Olympiamedaillen einfahren zu können, will Swiss Olympic die Stärken des Schweizer Sports akzentuieren. Das ist einerseits die Effizienz des Systems. Mit einem sogenannten «Athlete Hub» soll ein Eingangstor entstehen, wo der Leistungssportler alle für ihn wichtigen Themen findet.

Eine Entwicklungsabteilung für den Schweizer Sport

Andererseits geht es um den weiteren Ausbau der Innovationskraft. «Wer entwickelt den Schweizer Sport?», stellt Präsident Stahl als Frage in den Raum. Bereits heute gibt es Zusammenarbeiten mit der Wissenschaft zur Weiterentwicklung des Schweizer Sports. Neu sollen diese mit einem «Sports Innovation Hub» koordiniert und verstärkt erfolgen. «Dazu gehört auch die Selbstverständlichkeit, einmal scheitern zu dürfen», betont Jürg Stahl den Ansatz eines Zukunftslabors.

Weitere Punkte, die mit der neuen Strategie angeschnitten werden, sind der Aufbau eines Schweizer Olympiazentrums, ein grösserer Fokus auf den Breitensport mit der gleichzeitigen Wertschätzung der Vereine und Förderung des Ehrenamts sowie den stärkeren Einbezug von Athletinnen und Athleten. Aktive Sportler sollen in den Führungsgremien aller Verbände Einsitz nehmen. Und der Schweizer Sport soll klar weiblicher werden. Swiss Olympic setzt sich das Ziel, den Frauenanteil im Ehrenamt bei den insgesamt 18 300 Sportvereinen auf 40 Prozent zu steigern.