Vorbilder. Viele sollten es sein, wenigen gelingt es. Ein Vorbild zeigt uns, wie es ginge. Ein Vorbild lebt, wie wir leben sollten. Nur mangelt es in der Gesellschaft an Vorbildern. An einem Eidgenössischen Schwingfest trifft man viele Menschen. Nicht alle taugen zum Vorbild. Doch es gibt sie, die Menschen, die uns zeigen, worum es eigentlich geht. Doch davon später, zuerst schauen wir uns um.

Am Eidgenössischen Schwingfest, in diesem Jahr in der Romandie, trifft man Menschen, die sprechen eine fremde Sprache und empfinden es als Selbstverständlichkeit, dass man sie versteht. Die Fremden, das sind in diesem Jahr die Deutschschweizer, die ganz selbstverständlich «es Bier und en Wurst» bestellen, oder es «Kafi mit viel Schnaps».
Um dann fehlende Integration bei den Ausländern in unserem Land zu monieren.

Am Eidgenössischen Schwingfest, in diesem Jahr mit allem Drumherum grösser als jemals zuvor, trifft man Menschen, die wählen die Grünen und schmeissen ihre PET-Flasche in den normalen Abfall. Man trifft Menschen, die finden eine globalisierte Welt komisch und besuchen das Fest in Nike-Turnschuhen. Und man trifft Menschen, die privat nie eine Schweizer Flagge aufhängen würden, hier aber den Fahnenschwingern begeistert zujubeln.

Am Eidgenössischen Schwingfest trifft man Politiker, die nur hier sind, um gewählt zu werden. Man trift die Armee, die mit Waffen den Frieden sichern will. Und man trifft Pazifisten, die mit dem Panzer posieren, weil sie das Foto eben doch noch cool finden.

Kurz: Am «Eidgenössischen» trifft man Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft mit ganz unterschiedlichen Einstellungen und Ansichten, die trotzdem gemeinsam dieses grosse Fest feiern. Friedlich, versöhnlich, gemeinsam.

Vorgelebt wird dies alles von den Männern im Sägemehl. Die heroisch kämpfen und sich manchmal sogar wehtun. Doch kaum ist der eine besiegt, oder die Zeit abgelaufen, geben sich die Schwinger als Erstes die Hand. Sie sind damit Vorbilder, dass Rivalität, dass ein Schlagabtausch – so intensiv er geführt wird – immer mit dem nötigen Respekt und gelebter Fairness begangen werden kann.

Obwohl brachial, ist dieser Sport gerade darum so herzhaft, so faszinierend und fesselnd. Viele, vermutlich sogar die meisten, die je ein Schwingfest besucht haben – und es muss nicht gleich das «Eidgenössische» sein, auch die kleinen Feste in der Region vermitteln dieses Gefühl –, sind darum sofort infiziert. Diese respektvolle Stimmung, dieser faire Kampf – kaum einen oder eine lässt dies kalt, wenn man es einmal selbst erlebt hat.

Das Eidgenössische Schwingfest mag über die Jahre immer weiter gewachsen sein. Das Drumherum – also alles ausserhalb der Arena – nicht mehr viel zu tun haben mit dem Brauchtum und den Wurzeln. Die Sportler müssen immer professioneller werden, um überhaupt noch Chancen zu haben, König zu werden. Kurz: vieles verändert sich.

Aber in der Arena, wenn die starken Männer zusammengreifen, ist der ursprüngliche Charme dieses Sports ungebrochen zu spüren. Hier treffen Unterschiede aufeinander, um am Ende gemeinsam zu feiern.