EM 2016
Starke EM-Schiedsrichter: Die allermeisten Pfiffe sitzen

Der Ex-Unparteiische Urs Meier analysiert die starken Leistungen an der Europameisterschaft und zeigt sich hoch erfreut über die bisherigen Schiedsrichterleistungen: «Die EM bringt die Bestätigung, dass die europäischen Schiedsrichter weltweit die besten sind.»

Yann Schlegel
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Die Schiedsrichter – hier der Holländer Björn Kuipers – haben an der EM bisher alles im Griff, ohne sich selber in den Vordergrund zu stellen.Keystone

Die Schiedsrichter – hier der Holländer Björn Kuipers – haben an der EM bisher alles im Griff, ohne sich selber in den Vordergrund zu stellen.Keystone

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Schiedsrichter-Skandale – das gab es an der Europameisterschaft in Frankreich bisher nicht. Die Fernsehmoderatoren sahen sich fortan gezwungen, Schiedsrichterexperten wie Carlo Bertolini beim SRF oder Urs Meier beim ZDF Sonderaufgaben zu stellen, um sie nicht in Unscheinbarkeit versauern zu lassen.

Da war zwar die eine oder andere Fehlentscheidung, aber spielentscheidenden Charakter hatten die kritischen Fälle kaum. Und sonst war den Unparteiischen das Glück hold: Ein falsch gepfiffener Penalty wurde von Sergio Ramos verschossen – die nicht geahndete rote Karte gegen Thiago Motta blieb angesichts der Unterlegenheit Spaniens eine Randnotiz.

Der ehemalige Schweizer Spitzenschiedsrichter Urs Meier ist noch immer hautnah am Schiedsrichterwesen dran und voll des Lobes für seine Kollegen: «Die Europameisterschaft bringt die Bestätigung, dass die europäischen Schiedsrichter weltweit die besten sind.»
Erstmals wurden am zweitwichtigsten Fussballturnier der Welt 18 Unparteiische eingesetzt, wo es früher noch 12 waren.

Der in Spanien wohnhafte Meier befürchtete, die eine Hälfte der Schiedsrichter würde gegenüber den grossen Namen abfallen. «Doch wir sahen ein durchgehend hohes Niveau», zeigt sich der Aargauer über den bisherigen Verlauf hoch erfreut und ein wenig positiv überrascht.

Als Grundbedingung einer für alle Parteien befriedigenden Arbitrierung sieht der 57-jährige Ex-Unparteiische den respektvollen Umgang zwischen Schiedsrichter und Spieler respektive Trainer. «Nur wenn Spieler und Trainer die Entscheidungen akzeptieren, gerät der Schiedsrichter nicht in den Fokus», so Meier. «Es hilft letztlich allen: dem Fussball und den Schiedsrichtern.»

Auch der Uefa windet Experte Meier ein Kränzchen. Die Ansetzungen der Unparteiischen seien ausgezeichnet vorgenommen worden. Dazu werde die Brisanz einer Partie eingeschätzt; berücksichtigt, welche Charaktere involviert seien und wer den Voraussetzungen entsprechend über das nötige Fingerspitzengefühl verfügen könnte.

Seit Jahren propagiert Urs Meier für die Professionalisierung des Schiedsrichterwesens, und bereits 2004 sprach er sich gegen den Torrichter, aber für den mittlerweile realisierten Torlinien-Videobeweis aus. Und noch heute redet Meier Klartext: «Den Torrichter braucht es meiner Meinung nach nicht.»

Im EM-Viertelfinal 2004 gegen Portugal der Buhmann der Engländer: Schiedsrichter Urs Meier (im Hintergrund Phil Neville).

Im EM-Viertelfinal 2004 gegen Portugal der Buhmann der Engländer: Schiedsrichter Urs Meier (im Hintergrund Phil Neville).

KEYSTONE/EPA/ANTONIO SIMOES

Ginge es nach dem Aargauer, sollten die Ressourcen vielmehr zur Förderung des Unparteiischen und seiner Assistenten eingesetzt werden. «Wegen des Torrichters weicht der Schiedsrichter auf der rechten Angriffsseite von der optimalen Zone ab – dort entstehen meist die grossen Probleme», begründet Meier und schlägt als Lösung eine verstärkte Einbindung des Schiedsrichters «dorthin, wo das Spiel geschieht», vor.

Die EM als Beispiel-Modell

Der Grad an Professionalität im Schiedsrichterwesen ist in Frankreich avantgardistisch: Videoanalysen sind zur Spielvorbereitung alltägliches Brot. In Zusammenarbeit mit technischen Analysten der Uefa werden die Spielkonzepte der einzelnen Mannschaften analysiert. Die Unparteiischen können die Unterstützung von Psychologen beanspruchen.

Die eingehende Auseinandersetzung mit dem Fussball, körperliche Fitness, aber auch psychische Präsenz und die nötige Lockerheit sind Attribute, welche zur Qualität der Schiedsrichterleistung grundlegend, und in Frankreich offensichtlich gegeben sind. «Mir ist aufgefallen, wie die Schiedsrichter mit einem Lächeln in die Partien gehen», spürt Meier das vorhandene Selbstvertrauen. «Das ist genau jene Richtung», schwärmt Meier, «die ich mir für die Entwicklung des Schiedsrichterwesens wünsche. Wir müssen viel mehr Teil des Fussballs sein.»

Urs Meier ist über die tolerante Regelauslegung und den respektvollen Umgang zwischen Schiedsrichtern und Spielern/Trainern an der EM 2016 erfreut.

Urs Meier ist über die tolerante Regelauslegung und den respektvollen Umgang zwischen Schiedsrichtern und Spielern/Trainern an der EM 2016 erfreut.

Keystone

Offensichtlichste Neuerung an der gegenwärtigen EM ist der höhere Grad an Kulanz im Bereich Körperspiel. Nicht jede Körperberührung muss ein Foulspiel sein – es wird grosszügig laufen gelassen. «Dazu muss eine positive, eine faire Grundstimmung in den Mannschaften gewährleistet sein», erläutert Meier, um sich auch einen Wink in Richtung des Schweizer Fussballs zur erlauben: «Ich hoffe, dass das an der Europameisterschaft Gezeigte Auswirkungen auf die nationalen Ligen hat.»