Tennis

Stan Wawrinka ging für einmal die Puste aus

«Ich will mehr, ich will weiterkommen»: Stan Wawrinka gibt sich mit Viertelfinal-Teilnahmen nicht mehr zufrieden.

«Ich will mehr, ich will weiterkommen»: Stan Wawrinka gibt sich mit Viertelfinal-Teilnahmen nicht mehr zufrieden.

Der Schweizer kassiert im Viertelfinal des US Open gegen Kei Nishikori eine vermeidbare Niederlage. Am Schluss war es Wawrinka und nicht der Japaner, der nach viereinviertel Stunden zerbrach.

Draussen auf dem grossen Platz vor dem Arthur-Ashe-Stadium, wo im stimmungsvollen Licht die beiden Springbrunnen die Dunkelheit erleuchteten, drängten sich längst einige tausend Fans, die Tickets für die eigentlich ab 19 Uhr beginnende Nightsession des US Open gekauft hatten. Doch drinnen, in der grössten Tennisarena der Welt, waren Stan Wawrinka und Kei Nishikori mit ihrem Viertelfinal-Match noch immer nicht fertig, der bereits um 15 Uhr begonnen hatte.

Und eigentlich hatte man auch nicht damit gerechnet, dass diese Partie in einen New Yorker Marathon ausarten würde. Schliesslich war Wawrinkas Gegner, der Weltranglistenelfte aus Japan, schon im Achtelfinal 4:19 Stunden lang gegen Milos Raonic auf dem Platz gestanden und durfte erst um 2.26 Uhr morgens seinen Sieg bejubeln. Nishikori würde völlig ausgelaugt sein, davon konnte man ausgehen.

Doch am Ende dieses weiteren Marathons, der 4:15 Stunden andauerte, war Nishikori nicht eingebrochen. Zurück blieb nur ein niedergeschlagener Stan Wawrinka. Mit 6:3, 5:7, 6:7, 7:6 und 4:6 war der 29-jährige Westschweizer ausgeschieden und schien sich zu fühlen, als sei ihm gerade der Bus vor der Nase weggefahren. Er hatte alle Möglichkeiten gehabt, wie im vergangenen Jahr in den Halbfinal einzuziehen, doch er spielte in dieser umkämpften Partie eben zu oft unter seinen Möglichkeiten.

Knackpunkt im zweiten Satz

«Diese Niederlage muss ich klar auf mich nehmen», meinte Wawrinka selbstkritisch, «ich hätte in den entscheidenden Punkten aggressiver spielen müssen. Aber ich war zu zögerlich, habe zu viele Chancen verpasst.» Besonders jene beiden beim Stand von 3:3 im zweiten Satz, die waren der Knackpunkt. Denn Wawrinka war zuvor sehr souverän in die Partie gestartet, hatte schnell mit 4:1 im ersten Durchgang geführt, bis der 24-jährige Japaner irgendwann anfing, besser zu spielen. «Er setzte mich unter Druck, diesen Satz gewinnen zu müssen», erklärte Wawrinka, «das hat mich gestresst und deshalb war ich zu negativ.»

Der zweite Satz ging an Nishikori und auf einmal entwickelte sich eine intensive Partie, in denen beide ihre Höhen und Tiefen hatten, der Japaner jedoch cleverer agierte. «Wenn es bei meinem Aufschlag 30:0 stand, liess er das Game fahren und lief gar nicht mehr», betonte Wawrinka. So sparte sein Gegner Kräfte, dosierte sie für die wichtigen Momente. «Er macht immer den Eindruck, als sei er halb tot», fügte er an. «das ist einfach sein Stil. Im Ballwechsel ist er dann wieder da.»

Trotzdem hatte der Schweizer irgendwie wohl doch gehofft, dass Nishikori wenigstens im fünften Satz nachlassen würde. Doch das Gegenteil passierte, der Japaner wirkte zum Schluss frischer als Wawrinka, der mit seinem achten Doppelfehler sein Service zum 4:5 abgab. Damit war alles gelaufen. 55 leichte Fehler schon nach drei Sätzen und 78 dann insgesamt waren einfach zu viel für den Schweizer, auch wenn er 68 Winner schlug. «Es war zu viel Auf und Ab heute. Ich bin mehr enttäuscht über mich als über mein Resultat», sagte die Nummer vier der Welt.

Und der Missmut war berechtigt. Denn Wawrinka hatte zwar gegen den japanischen Shootingstar verloren, der nun als erster Vertreter seiner Nation in der Open Era in den Halbfinal eines Grand-Slam-Turniers einzieht, doch Nishikori ist kein Federer und auch kein Djokovic. Zumindest noch nicht. Wawrinkas Leistung reichte nicht für die Ansprüche, die er seit seinem Major-Sieg in Australien hat und auch haben muss. Doch zu wissen, wie gut er inzwischen spielen kann gegen die besten Gegner, lässt ihn auch schnell zweifeln, wenn es im Match mal nicht so läuft. «Deshalb bin ich so kritisch mit mir», meinte Wawrinka, «und heute hätte ich in vielen Momenten positiver sein müssen.»

Die Ansprüche sind gestiegen

Vor einem Jahr wäre das Erreichen des Viertelfinals noch ein gutes Resultat für ihn gewesen. Doch Stan Wawrinka ist nicht mehr der Spieler von damals. Jetzt ist das Aus gegen einen Aufsteiger eine bittere Enttäuschung, vor allem mit dieser durchwachsenen Leistung. «Ich war bereit für den Kampf, bereit, zu spielen», sagte Wawrinka, und das sollte nicht nur für diese Partie gelten, sondern für das weitere Turnier: «Ich will mehr, ich will weiterkommen. Das ist jetzt hart für mich.»

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