Einwurf Friedli
Stammtischgespräche über «Richtige und Andere Schweizer»

Bänz Friedli hat in Olten interessante Gespräche unter Fussball-Fans belauscht. Die Hobby-Experten äussern sich zur Captain-Frage. zu den Shaqiri-Querulenzien oder über Hooligan-Problematik.

Bänz Friedli
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Lichtsteiner und Shaqiri: der wahre und der andere Eidgenosse?

Lichtsteiner und Shaqiri: der wahre und der andere Eidgenosse?

Keystone

Ein Stammtisch, so ein richtig runder Stammtisch in einer Ecke der Gaststube. Die kennen sich, merkt man, die sitzen immer hier. Männer jeden Alters, auch eine jüngere Frau ist dabei. Ein Restaurant in Oltner Bahnhofsnähe, ich bin nur rasch reingekommen, um nach dem Spielstand zu schauen, habe mich an einen Tisch gesetzt, der Form halber einen doppelten Espresso bestellt.

Auf einem immensen Bildschirm überm Stammtisch wird in High Definition und Super Slow Motion gegrätscht, geflankt, gedribbelt. Darunter palavern sie. Ob der Lichtsteiner der richtige Captain fürs Nationalteam sei. «Auf jeden Fall! Der ist wenigstens Schweizer», wirft einer mit Halbglatze ein. Er trägt die Trainingsjacke des Basketballteams einer amerikanischen Highschool, Richmond County, 1989, und man weiss nicht, ob er dort im Austauschjahr war oder ob das Jäckchen nur von Weltläufigkeit zeugen soll.

Shaqiri auch ein Schweizer

Der andere sei denk auch Schweizer, entgegnet ein Schnauzbärtiger mit Schirmmütze. Mit «dem anderen» muss Xherdan Shaqiri gemeint sein, der seinem Unmut darüber, dass er in der Captainfrage übergangen wurde, immer neu Luft macht. «Der ist auch Schweizer», bekräftigt der mit der Mütze. «Aber nicht Eidgenoss!», kommts prompt vom Halbglatzigen, und ich muss an den Unternehmer aus der Ostschweiz denken, von dem ich die Unterscheidung zum ersten Mal gehört habe: «I bin Aidgenoss – ka Schwiizer.» (Von seinen Angestellten hingegen, Ausländern allesamt, die eine schlecht bezahlte Drecksarbeit verrichten, sprach er abschätzig als «daa huere Pack».)

Wer singt ist Eidgenosse

Der Halbglatzige in der Basketballjacke redet sich in Rage. «Das sind keine Eidgenossen. Hast ja gesehen, wer die Hymne gesungen hat? ‹Unsere› drei, fertig. Die anderen acht schwiegen. Der Unterschied ist deren scheiss Religion.» – «Es isch nid d Religion säuber, sondern das, was me drus macht», entgegnet derjenige, der die Mütze auch in der Beiz nicht ablegt. Er kenne diese Muslime von der Büez her, er habe «mit settigne» gearbeitet. «Das sind im Fall auch Menschen. Flotti Cheibe.» Und dass sie im Ramadan auf der faulen Haut lägen, stimme nicht. «Wenn einer hart arbeitet, darf er auch tagsüber essen.» Oben wird weiter gegrätscht, unten dreht sich das Palaver weiter, bald landen sie bei Angela Merkel, dann in Damaskus, schliesslich bei «diesem Trump». Da wird die Welt verhandelt.

Als ich das Lokal verlasse, zeigt das Fernsehen prügelnde Hooligans im Nahkampf mit der Polizei. Vielleicht ist der Ausdruck «Schlachtenbummler» für Fussballfans gar nicht so unpassend, geht mir durch den Kopf. Und dass ich das gar nicht gewusst habe: dass es noch Stammtische gibt, wo sie sich so richtig die Meinung sagen. Besser, als sich die Köpfe einzuschlagen.