San Marino-Polemik

«Stallgeruch tut Fussball-Millionären gut!» – «Nein, Schluss mit Zirkusbesuchen bei den Zwergen!»

Soll es solche Spiele wie San Marino gegen Deutschland in Zukunft noch geben?

Soll es solche Spiele wie San Marino gegen Deutschland in Zukunft noch geben?

Für die einen ist es das Spiel des Lebens, für die anderen lästige Pflichterfüllung. Sind Spiele wie jenes zwischen Deutschland und San Marino nötig? Nach der Polemik von Thomas Müller und der geharnischten Reaktion von San Marino ein Pro-Kontra.

Braucht es im Fussball den Vergleich David gegen Goliath?

Pro von Sebastian Wendel: Ein bisschen Stallgeruch tut den Fussball-Millionären gut

Sebastian Wendel, Sportredaktor

Sebastian Wendel, Sportredaktor

Nur damit dies klar ist: Ich habe mich vor kurzem in einem Kommentar beklagt über die Fussball-Flut, die mir die Freude nimmt an der eigentlich schönsten Nebensache der Welt. Aber eben – es ging mir um die Menge, nicht um den Inhalt.

Wer behauptet, es brauche Spiele wie jenes zwischen San Marino und Deutschland nicht, der liebt den Fussball nicht. Der mag den Amateuren nicht gönnen, dass sie für ihren riesigen Aufwand und ihre Leidenschaft für den Fussball mit Duellen gegen die Superstars der Branche belohnt werden.

Der raubt dem kleinen, fussballbegeisterten Jungen in San Marino den Traum, einmal ins Wembley-Stadion oder ins Camp Nou einzulaufen. Der vergisst, dass die Einnahmen aus den Heimspielen gegen die Grossen das Überleben der kleinen Fussballverbände sichern. Der schwimmt mit im Mainstream und bestätigt den Trend der letzten Jahre: Der Fussball entfernt sich immer mehr von seiner Basis.

Im Klubfussball ist die Revolution beschlossene Sache. Künftig ist die Champions League praktisch nur noch den absoluten Topklubs vorenthalten. Auf der Nationalmannschafts-Ebene darf das nicht passieren. Wie gross wäre der Aufschrei, wenn an den Olympischen Spielen der Schwimmer aus Äthiopien, der sogar für die TV-Kameras zu langsam ist, ausgeschlossen würde? Eben.

Die Duelle David gegen Goliath erzählen immer noch die schönsten Geschichten: Vom Pizzakurier, der einmal im Leben die Chance hat, ein Tor gegen Manuel Neuer zu erzielen? Vom Primarlehrer, der Schuss um Schuss von Cristiano Ronaldo pariert? Gleichzeitig tut hin und wieder ein bisschen Stallgeruch auch den hoch bezahlten Superstars gut: So werden sie daran erinnert, dass auch sie einmal ganz unten, auf einem holprigen und matschigen Platz, angefangen haben. Und dass sie, die Superstars, nur einen Bruchteil aller weltweiten Fussballspieler ausmachen.

Kontra von Marcel Kuchta: Schluss mit den Zirkusbesuchen bei den Zwergen

Marcel Kuchta, Sportredaktor

Marcel Kuchta, Sportredaktor

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich mein Gegenpart in dieser Debatte kürzlich in einem anderen Kommentar über den Überfluss an Fussballspielen, die am TV zu sehen sind, beklagt hat. Ich habe mir das Spiel zwischen San Marino und Deutschland auch angeschaut.

Aber schon nach 5 Minuten begann ich mich fürchterlich zu langweilen und stellte mir die Frage, was ich hier eigentlich tue. Deutschland mit gefühlten 90 Prozent Ballbesitz, ein hoffnungslos überforderter Gegner. Ein völlig überflüssiger Vergleich zweier Teams, die klassemässig nicht Welten, sondern Universen trennte.

Ich frage mich deshalb, wem solche Vergleiche etwas bringen? Natürlich ist es schön für alle San-Marinesen, dass der Weltmeister-Zirkus Deutschland in ihrem Land Halt gemacht hat. Auch in der Schweiz hätte jeder Dritt- oder Viertligist wahnsinnig Freude daran, wenn er im Cup auf den FC Basel treffen würde. In Deutschland mit den Bayern dasselbe.

Aber im Gegensatz zu den europäischen «Zwergen», die Kraft ihrer Existenz als Staat oder Halbstaat an den Qualifikationen für die grossen Turniere teilnehmen dürfen, muss sich im Cup der Unterklassige die Möglichkeit, überhaupt auf einen der «Grossen» zu treffen, erst verdienen.

Derselbe Modus würde auch bezüglich EM- oder WM-Quali Sinn machen. Ein Beispiel: Die zehn in der Fifa-Weltrangliste am schlechtesten klassierten der total 54 Teams aus dem Uefa-Verband machen die vier Teilnehmer (neben den 44 Gesetzten) für die nächste EM- oder WM-Qualifikation aus. Das ergäbe 48 Teams oder 8 Gruppen à 6 Mannschaften.

Nach momentanem Stand der Dinge müssten Gibraltar (205. der Weltrangliste), Andorra (203.), San Marino (201.), Liechtenstein (183.), Malta (178.), Moldawien (173.), Kosovo (164.), Mazedonien (155.), Zypern (139.) und Luxemburg (130.) durch diese Vorausscheidung. Wer hier auf der Strecke bleibt, hat auch keinen Zirkus-Besuch verdient, sorry.

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