Start-up

Stadien als Hörsäle: Schweizerin ermöglicht Studium am Puls des Spitzensports

Die Campus-Geschäftsführerin Kathrin Lehmann und der Fürther Projektmanager Tobias Auer sind überzeugt, dass Lernen im Stadion mit Rasenblick die Studenten beflügelt.markus brütsch

Die Campus-Geschäftsführerin Kathrin Lehmann und der Fürther Projektmanager Tobias Auer sind überzeugt, dass Lernen im Stadion mit Rasenblick die Studenten beflügelt.markus brütsch

Die Schweizerin Kathrin Lehmann startet mit ihrem Sportbusiness Campus in Deutschland durch. Warum das Projekt auch von der Deutschen Fussball-Liga Support erhält.

Kathrin Lehmann sitzt ganz hinten in einem Seminarraum des Fürther Fussballstadions. Sie beobachtet mit Befriedigung, wie die Studenten an den Lippen der beiden Referenten hängen. Es sind Manager des Profivereins Greuther Fürth, die von ihrer Arbeit berichten und Fragen beantworten. «Hier herrscht eine einzigartige Studienatmosphäre. Es wird exakt da unterrichtet, wo das Sportbusiness auch stattfindet», sagt Lehmann.

Die 35-jährige Schweizerin ist die Gründerin und Geschäftsführerin der Sportbusiness Campus GmbH mit Sitz in München. Sie war im Fussball wie im Eishockey vielfache Nationalspielerin, in beiden Sportarten Profi in Schweden und Deutschland, im Fussball als Torhüterin, im Eishockey als Topskorerin, und parallel dazu hat sie Betriebswirtschaftslehre und Literaturwissenschaft studiert. «Als ich vor drei Jahren für eine Universität ein Masterstudium Sportmanagement aufbaute, kam mir die Idee, einen privaten Hochschulcampus zu gründen, der seine ‹Hörsäle› in Fussballstadien hat», erzählt Lehmann.

Sie habe dann einen Geschäftspartner mit Erfahrung im Sportbusiness und der Fussball-Bundesliga gefunden und aus dem Freundes- und Bekanntenkreis Rechtsanwälte, Steuerberater, Buchhalter, Programmierer, Internet- und PR-Spezialisten mit Know-how und Manpower rekrutiert, die das Projekt mit Eigenleistungen unterstützen. Und, am wichtigsten, von diversen Universitäten Dozenten mit Leidenschaft für den Sport, die ihre Intention mittrugen. «Wir sind ein klassisches Start-up-Unternehmen», sagt Lehmann, die das Ganze ohne Investoren auf die Beine stellte. «Mit Greuther Fürth, einem Klub aus der 2. Bundesliga, fanden wir einen passenden Partner und starteten vor einem Jahr das Pilotprojekt.»

Das Interesse ist inzwischen so gross, dass auf einen Studienplatz zehn Bewerbungen eingehen und eine Persönlichkeitsprüfung über die Zulassung entscheidet. Im Angebot stehen derzeit zwei Möglichkeiten: Akademiker und Quereinsteiger absolvieren ein dreijähriges Studium für den Bachelor in Business Administration; Fussball- und Eishockeyprofis sowie andere Interessenten die einjährige Weiterbildung «Sportbusiness Management» und «Fussball Management». Dieser zweite Studiengang kostet bei 16 Präsenztagen 4900 Euro. In Fürth absolvieren derzeit neun Fussballprofis den Kurs, dazu zwei Eishockeyaner der Ice Tigers Nürnberg. In Wolfsburg sind es neben anderen Weltfussballerin Nadine Kessler und Marcel Schäfer aus der Bundesligamannschaft. «Wir wollen aber nicht nur Fussballer und Eishockeyspieler, sondern gezielt auch andere Sportarten und Frauen ansprechen», sagt Lehmann, die im vergangenen Sommer für das Schweizer Fernsehen als Co-Kommentatorin bei der Frauen-WM in Kanada im Einsatz gewesen ist und bei den Länderspielen der Männer jeweils für das Radio vor Ort weilt.

«Ich möchte später einmal im Sportmanagement arbeiten», sagt ein 19-jähriger Bachelor-Student. Er habe das Abitur gemacht und arbeite nun an zwei Tagen in der Woche, um sich das 27 900 Euro teure Studium mit 76 Präsenztagen leisten zu können. Es sei streng, man müsse auch zu Hause viel Zeit investieren. «Unser Leistungsgedanke ist eben sehr hoch», sagt Kathrin «Ka» Lehmann.

Unterstützung durch die DFL

Das kann Andreas Jenike, der in der Deutschen Eishockey-Liga für die Ice Tigers das Tor hütet, nur bestätigen. Er sagt mit einem Jahr Campus-Erfahrung: «Die Teilnahme hat sich ganz sicher gelohnt. Es ist für einen Profi eine super Weiterbildung. Der vermittelte Stoff bezieht sich oft auf den Berufssport und gründet auf der Wissenschaft. Ich werde nun auf jeden Fall den Bachelor machen.» Support erhält der Sportbusiness Campus von der Deutschen Fussball-Liga. Diese unterstützt das Projekt mit Gastvorträgen. Mit gutem Grund: Drei Viertel aller Profis stehen nach der Karriere ohne abrufbare berufliche Qualifikationen da. Das Projekt der energiegeladenen Zürcherin und früheren Spielerin des FC Bayern München kann mithelfen, die Situation zu entschärfen.

Dass ein Profi nach einem einjährigen Kurs noch kein fertiger Fussballmanager ist, versteht sich von selbst. Doch die zwei Semester sind ein wichtiger Auftakt einer Weiterbildung. Die Spieler schätzen es, im Stadion zu studieren und nirgendwo hinfahren zu müssen. Der Fürther Projektmanager Tobias Auer sagt: «Alle sind hoch motiviert, zu schwänzen käme keinem in den Sinn.» Einmal, während einer Vorlesung über Sportrecht, hätten ein paar Kicker um eine kurze Telefonpause gebeten – sie wollten sich dringend mit ihrem Berater besprechen…

Ab 2016 Master-Studiengang

Wie gut Lehmanns Idee angenommen wurde, zeigt sich in Wolfsburg. Dort wurde in diesem Herbst bereits der zweite Standort des Sportbusiness Campus eröffnet; selbstredend in der Volkswagen Arena. Die Begründung von VfL-Geschäftsführer Klaus Allofs: «Wir haben uns zur Aufgabe gemacht, nicht nur gute Fussballer auszubilden, sondern die jungen Menschen auch fit für das Leben zu machen.» In Wolfsburg wird im Februar 2016 sogar der erste Master-Studiengang General Management gestartet. «Unser Ziel ist es, im Norden, Süden, Westen und Osten Deutschlands einen Campus zu haben», sagt Lehmann. Gegenwärtig sind 150 Studenten und Studentinnen eingeschrieben. «Es ist ein Traum von mir, auch in der Schweiz einen Campus zu eröffnen», sagt Lehmann. Bis sich die ehrgeizige Powerfrau diesen erfüllt hat, ist wohl nur eine Frage der Zeit.

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