Militär-Weltspiele

Sportbetrug: Chinas Gier nach Gold schreckt vor nichts zurück

Matthias Kyburz ist mehrfacher Welt- und Europameister.

Matthias Kyburz ist mehrfacher Welt- und Europameister.

Der mehrfache Welt- und Europameister Matthias Kyburz erlebte an den Militär-Weltspielen in Wuhan, wie seine Sportart Orientierungslauf die Unschuld verlor. Das wirft unweigerlich Grundsatzfragen im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2022 in Peking auf.

Die Strecke in- und auswendig gekannt

Die chinesische Mission für die Militär-Weltspiele in Wuhan war offensichtlich. Der Welt die Überlegenheit der eigenen Armee beweisen. Das funktioniert bei sportlichen Grossanlässen über den Medaillenspiegel. Eine bombastische Eröffnungsfeier mit Staatspräsident Xi Jinping betonte die Wichtigkeit dieses Vorhabens. Am Ende erfüllten die chinesischen Militärsportler den Auftrag perfekt. 239 Medaillen feierten sie in den 27 ausgetragenen Sportarten. Dahinter folgten Russland (161) und Brasilien (88) mit riesigem Abstand.

Matthias Kyburz ist wieselflink unterwegs - an den Militärspielen in China waren dies aber urplötzlich auch unbekannte Chinesen.

Matthias Kyburz ist wieselflink unterwegs - an den Militärspielen in China waren dies aber urplötzlich auch unbekannte Chinesen.

Staunen auch bei Schwimm-Vize-Weltmeister Jérémy Desplanches

Doch zu welchem Preis? Kyburz erlebte es im OL, den er gewann, hautnah mit. Bei den Frauen lagen zwei in der Szene komplett unbekannte Athletinnen mit mehreren Minuten Abstand vorne. Auch bei den Männern lief ein Chinese aufs Podest. Weil Konkurrenten im Wald beobachteten, wie die einheimischen Athleten nach dem Start die OL-Karte in den Sack steckten, um schneller rennen zu können, und weil ein Test des finnischen Disziplinen-Verantwortlichen nach dem Ziel ergab, dass die Chinesen null Ahnung vom Kartenlesen hatten, konnte der Betrug einwandfrei ermittelt werden. Offensichtlich hatten sie die gemäss Reglement bis zum Start geheim gehaltene Strecke unzählige Male abgelaufen. Unterwegs folgten sie unauffälligen Markierungen.

Auch in anderen Sportarten wunderten sich westliche Athleten über die plötzliche chinesische Dominanz. Der Schweizer Jérémy Desplanches staunte nicht schlecht, dass er in der gleichen Schwimmdisziplin, in welcher er Europameister und WM-Zweiter ist, bei den Militär-Weltspielen hinter zwei klar schwächer eingeschätzten chinesischen Athleten «nur» Bronze gewann. Unzählige Ungereimtheiten, auch bei den Dopingproben, machten unter den Athleten die Runde.

«Wunderläufer» ziehen sich urplötzlich aus dem Wettkampf zurück

Das Fazit ist für Matthias Kyburz klar: «Der Anlass war ein riesiges Propaganda-Instrument der chinesischen Armee. Um den Medaillenspiegel zu dominieren, hat man wirklich alles unternommen. Die Chinesen verstehen unter Fairness offensichtlich etwas anderes als wir.» Welche politische Macht China auch im Sport hat, wurde durch die Reaktion des CISM-Militärsportverbandes deutlich. Nachdem die chinesischen Pseudo-Orientierungsläufer von der Jury disqualifiziert wurden, kam von oben die Weisung, dass dies nicht gehe. Der Verband distanzierte sich von internationalen Medienberichten, die über den Betrug schrieben. Und die Wunderläufer zogen sich offiziell vom Wettkampf zurück. In den Statistiken tauchen sie nirgendwo auf, als hätte es sie nie gegeben.

Matthias Kyburz kann nicht glauben, was er in China an den Militärspielen miterlebt hat.

Matthias Kyburz kann nicht glauben, was er in China an den Militärspielen miterlebt hat.

Auch im anschliessenden Weltcupfinal der Spezialisten erlebte Matthias Kyburz unerklärbare Leistungssprünge chinesischer Sportler. Plötzlich standen einheimische Läufer, die zuvor international in den hinteren Rängen klassiert waren, beim Sprint auf dem Podest. Dort konnte man ihnen einen Betrug zwar nicht nachweisen, dennoch untersucht der internationale Verband nun die vielen Indizien. Die OL-Regeln, wonach Sperrgebiete vor den Rennen nicht betreten werden dürfen, sind fast nicht zu kontrollieren. Deshalb gilt unter den Athleten ein besonderer Ehrenkodex. Zumindest bis zu den Wettkämpfen in China.

Wenn man betrachtet, wie China an Ereignissen, die aus weltsportlicher Sicht keine grosse Bedeutung haben, die Fairness missachtet, stellen sich auch für die Athleten grundsätzliche Fragen. Was bedeutet dies im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele 2022? Wieso gelang es China bei den Olympischen Sommerspielen 2008, die Medaillengewinne im Vergleich zur Austragung 2004, derart eklatant zu steigern? Und schauen jene, die Fairness im Sport garantieren und schützen sollten, wirklich genau hin? Es seien Fragen, die man untereinander intensiv diskutiert habe, sagt Matthias Kyburz. Und die Antworten? «Jetzt, wo ich das selber miterlebt habe, stehen mir die Haare zu Berge.»

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