Fehlstart! Nach der Startpleite gegen Kasachstan (2:3 n. P.) folgte gestern eine Niederlage gegen Norwegen (3:4 n. V.). Die Schweiz verbringt den heutigen Ruhetag auf dem 8. und letzten Platz. Auf dem Abstiegsplatz!

Vieles ist schiefgelaufen. Eine Mannschaft, die fast so talentiert ist wie das WM-Silberteam von 2013, steht auf dünnem Eis. Weil sie so talentiert ist, kann sie in jedem der verbleibenden fünf WM-Spiele (gegen Dänemark, Lettland, Russland, Schweden und Tschechien) punkten. Weil sie so konzeptloses «Pausenplatz-Hockey» spielt, kann sie aber auch fünfmal verlieren und mit Karacho absteigen.

Trainer Patrick Fischer mag diese Diskussion um Konzept und Taktik nicht. Auch nicht die Frage, ob dieses WM-Team nicht ein wenig an das Lugano des letzten Herbstes (vor der Ankunft von Doug Shedden) erinnere.

Er sei mit der Kritik, es fehle ein Konzept, nicht einverstanden und zieht die Statistik zurate, die besagt, dass die Schweizer in zwei Partien bei fünf gegen fünf bloss zwei Tore zugelassen haben. «Wir müssen unsere Effizienz verbessern, das ist das Problem.» Aus 90 Schüssen haben die Schweizer bisher erst fünf Tore erzielt.

Die Zuversicht ist gespielt

Tatsächlich sind die Schweizer defensiv nicht so schlecht. Aber die Effizienz hat auch etwas mit dem Spielkonzept zu tun. Mit der schnellen Auslösung der Angriffe, mit der Struktur des Angriffsspiels.

Die Zuversicht, die vor der WM eine echte war, ist jetzt mehr und mehr eine gespielte. Es gibt erste Risse im Selbstvertrauen von Patrick Fischer. Woran zeigen sich Risse im Selbstvertrauen? Ganz einfach: wenn auf einmal der Schiedsrichter schuld ist.

Grafik zur Eishockey-WM

Fischer sagt in seiner Matchanalyse bei der offiziellen Medienkonferenz (also nicht im kleinen Kreis), der Schiedsrichterentscheid, der in der Verlängerung den Norwegern das Siegestor im Powerplay ermöglicht hat, sei «fragwürdig» gewesen. Das ist bei einer WM ungewöhnlich.

War der Schiedsrichterentscheid «fragwürdig»? Nein, korrekt. Später wird der Nationaltrainer im kleinen Kreis diese Kritik wiederholen. Zumindest in dieser Sache sieht er sich mit Doug Shedden, seinem Nachfolger in Lugano, auf einer Linie: Der Kanadier hat beim Untergang gegen den SCB auch nicht mit Schiedsrichterkritik gespart.

Auch im Selbstvertrauen der Spieler haben sich erste Risse gezeigt. Woran zeigen sich Risse im Selbstvertrauen der Spieler? Im Übereifer. Gregory Hofmann sagt es so: «Wir waren bereit. Aber wir wollten fast zu viel, und dann passieren Fehler, für die man auf diesem Niveau einen hohen Preis bezahlt.»

Die Schweizer stehen in Moskau nach zwei Niederlagen auf dünnem Eis. Aber sie stehen noch. Nicht nur die WM steht jetzt auf der Kippe. Sondern ein ganzes, auf Marketing ausgerichtetes Nationalmannschaftskonzept («Swissness»).

Nicht desolat, aber ungenügend

Was optimistisch stimmt: Zu keinem Zeitpunkt ist die Mannschaft auseinandergefallen. Patrick Fischer hat recht, wenn er sagt, er sei stolz auf seine Jungs. Auf die Art und Weise, wie sie gekämpft haben, wie sie aus einem 1:3 mit einem Treffer zehn Sekunden vor Schluss noch ein 3:3 gemacht haben. Zu keinem Zeitpunkt war die Leistung miserabel oder desolat.

Ungenügend schon. Aber nicht, weil Wille, Leidenschaft und Zusammenhalt fehlten. Sondern weil ein klares Konzept fehlte – auch wenn Patrick Fischer das nicht so sieht.

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Vielleicht ist das grösste Problem die Chance, dass noch immer alles möglich ist. Patrick Fischer hat sich geweigert, das Wort «Abstieg» in den Mund zu nehmen. «Wenn ich dieses Wort in den Mund nehme, dann wären wir tatsächlich in Abstiegsgefahr.»

Es gibt auch eine polemische, sogar ein boshafte Analyse der Schweizer: Sie haben den Viertelfinal im Kopf, aber den Abstieg in den Füssen und Händen. Sie spielen gut und verlieren trotzdem. Das ist gefährlich. So sind wir 1993 als WM-Halbfinalist des Vorjahres in München abgestiegen.

Nach den beiden Niederlagen gegen Kasachstan und Norwegen können wir noch einmal auf Patrick Fischers Flair für unsere Historie zurückgreifen. Als Karl der Kühne, ein militärischer Titan, gegen die Berner sensationell in den drei Partien zu Grandson, Murten und Nancy unterging, dichteten die Zeitgenossen, er habe «bei Grandson den Mut, bei Murten das Gut, bei Nancy das Blut» verloren.

So martialisch wollen wir nicht sein. Aber wenn es am Dienstag (15.15 Uhr) auch gegen Dänemark eine Niederlage absetzt, dann dürfen wir über Patrick Fischer in Erinnerung an Karl der Kühne sagen: «Gegen Kasachstan das Penaltyschiessen, gegen Norwegen die Verlängerung und gegen Dänemark den Job verloren.»