Analyse

Spielabbruch und unsinniger Hass einiger Fussballfans: Hört auf mit leeren Worten!

Die GC-Kurve sorgt beim Spiel gegen Sion für einen Spielabbruch.

Das Super-League-Spiel zwischen dem FC Sion und dem Grasshoppers Club Zürich musste am Samstag wegen wiederholten Petardenwürfen auf das Spielfeld abgebrochen werden. Die Analyse.

Eigentlich war es ein Versehen, die Fahrt im Fan-Zug. Speziell markiert war er in der SBB-App nicht. Wieder aussteigen? Keine Option, die Zeit war eh schon knapp. Cupspiel in der Provinz. Also Kapuze hoch, neben der Toilette den Klappstuhl runter und den Kopf ganz tief ins Buch stecken.

Die Luft Marihuana-geschwängert, die Stimmung bierselig-gelöst. Nach den sexistischen Beleidigungen gegen die Kondukteurin erzählen sie sich ihre Koks-Geschichten. Ein rechtsfreier Raum auf Schienen. Später verschiebt er sich ins Stadion. In der Anonymität der Masse schwinden die Hemmungen. Ähnlich wie in den Kommentarspalten im Netz. Man überschreitet Grenzen – wie am Samstag einige GC-Fans in Sion.

GC-Präsident Stephan Anliker sprach im Nachzug der Ausschreitungen im Tourbillon davon, dass ihm vereinzelte Fans wie «wilde Tiere» vorgekommen seien. «Bekokst und betrunken» seien diese gewesen. Hat der Schweizer Fussball also ein Drogenproblem? Nein, das hat er nicht.

Rauschmittel werden konsumiert, seit es Menschen gibt. Wenn dies ein Problem ist, so nicht des Fussballs, sondern der Menschheit. All die Verbote, die es gibt, haben eines nicht geschafft: den Drogenkonsum zu eliminieren. Aber man kann auch im Rausch anständig bleiben.

Es gibt nur noch Verlierer: die Fans, die Spieler, der Klub

Die Aussage des GC-Präsidenten bleibt zentral. Sie mag der Wahrheit entsprechen oder nicht. Für viele Fans ist sie ein Affront. Denn natürlich wird in den Kurven konsumiert. Alkohol, Gras, Kokain. Vielleicht gar überdurchschnittlich viel. Jedoch nicht von allen. Der Verdacht aber trifft jeden. Längst gibt es nur noch Verlierer. Die Fans, die Spieler, die Klubführung – alle miteinander.

Es war eine Eskalation mit Ankündigung.
Immer wieder hat GC in den letzten Monaten für Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Zum einen die Klubführung. Da gab es Trainerentlassungen, Skandale im Nachwuchs und Unruhen im Hintergrund, die darin gipfelten, dass Grossaktionär Heinz Spross seinen 30-Prozent-Anteil abtrat.

Doch auch ein Teil der Fans drängte regelmässig mit unrühmlichen Taten ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Attacken auf Bahnpersonal vor knapp einem Jahr. Schlägereien in Thun letzten Herbst. Vor zwei Wochen stürmten sie die Haupttribüne im Letzigrund. Auf einem Plakat steht: «Wenn ihr nicht zu uns kommt, kommen wir zu euch.»

Die GC-Fans pochen seit langem auf ein Treffen mit der Vereinsführung, auf Mitsprache. Sie fürchten um die Zukunft des Vereins, deshalb möchten sie in einem neu zu gründenden Beirat Einsitz nehmen. Ein Treffen hätte am Mittwoch letzter Woche stattfinden sollen, wurde aber
offenbar von Anliker & Co. abgeblasen.

So wählten die radikalsten GC-Anhänger am Sonntag die Sprache der Machtlosen. Den Aufstand. Das ist unentschuldbar, denn selbst in scheinbar ausweglosen Situationen kann man Anstand wahren. Aber hätte man miteinander geredet, die Sorgen ernst genommen, wäre es wohl kaum zu diesem Tiefpunkt im Tourbillon gekommen.

Bleibt der Anstand, sind rechtsfreie Räume kein Problem

Es wird immer Räume geben, die vom Recht nicht vollständig durchdrungen sind. Diese sind kein Problem, solange man sich dort mit Respekt begegnet. Das wiederum ist eher der Fall, wenn man sich kennt und sich austauscht. Das gilt für alle – für Fans, Funktionäre und Journalisten. Aber ja, es gibt die Momente, in denen es mit reden allein nicht gemacht ist. Sicherheit kann zwar nie total sein.

Trotzdem muss man Grenzen setzen. Gerade wenn Grenzen überschritten werden. Wie am letzten Wochenende. Da steht die Justiz in der Verantwortung, die Liga und die Klubs. Und zwar alle Klubs. Denn der Fussball leidet als Ganzes, wenn solche Dinge geschehen.

Es genügt nicht, gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass dies keine Fussball-Fans seien. Das ist so sinnlos wie die Aufforderungen im Stadion, das Abbrennen von Pyros zu unterlassen. Wenn es nicht gelingt, zu verhindern, dass diese ins Stadion gelangen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man gibt dem Abbrennen der Fackeln Raum.

Zum Beispiel mit Pyro-Zonen in den Fan-Sektoren. Oder man installiert Kameras und verfolgt Zuwiderhandlungen konsequent. Sonst macht man sich lächerlich. Und damit schwindet der Respekt. Leere Worte bringen nichts. Im Gegenteil, sie machen alles noch schlimmer.

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