Doping

Sperre gegen russische Olympia-Doper ist ein Politikum

Die Langläufer aus Russland jubeln an der Heim-Olympiade in Sotschi.

Die Langläufer aus Russland jubeln an der Heim-Olympiade in Sotschi.

Noch immer stehen viele ungeklärte Fragen zu den Doping-Skandalen von Sotschi im Raum. Glaubt man dem McLaren-Report, scheint klar zu sein, dass russische Wintersportler an der Heim-Olympiade systematisch gedopt haben. Mit welchen Sanktionen die Betroffenen zu rechnen haben, bleibt jedoch noch weitgehend ungeklärt.

Kein Geringerer als ein doppelter Olympiasieger stellt die Frage. «Was passiert eigentlich mit denen, die in Sotschi betrogen haben?», will der Schweizer Ausnahme-Langläufer Dario Cologna wissen, als das Gespräch beim Bericht des kanadischen Ermittlers Richard McLaren hängen bleibt. Der 103 Seiten starke McLaren-Report kam zum Schluss, dass russische Wintersportler vor und während der Heim-Olympiade von 2014 systematisch und mit tatkräftiger Unterstützung des Staates gedopt und ihre Taten wirksam verschleiert hatten. Glaubt man einem Hintergrundbericht der «New York Times», sollen unter den Betrügern neben vielen anderen stolze 14 russische Langläuferinnen und Langläufer sein.

In weniger als zwei Monaten beginnt in den meisten Wintersportarten die Wettkampfsaison. Mit oder ohne die Doper? Mit oder ohne die Russen? Dass die Zeit, um solche Entscheide zu treffen, kurz ist, haben die Wintersportverbände an einem gemeinsamen Meeting bereits während der Olympischen Spielen in Rio unterstrichen – mit der Aufforderung ans IOC, möglichst rasch die notwendigen Unterlagen zu liefern. Doch derzeit herrscht gespanntes Warten. Warten auf den zweiten Teil des McLaren-Reports.

Präsident Wladimir Putin (r.) und Sportminister Witaly Mutko begutachten in Sotschi die Leistungen der russischen Sportler. Wie weit weisen sie einmal mehr auch dem IOC den Weg?

Präsident Wladimir Putin (r.) und Sportminister Witaly Mutko begutachten in Sotschi die Leistungen der russischen Sportler. Wie weit weisen sie einmal mehr auch dem IOC den Weg?

Darin sollen konkrete Namen von Athleten genannt werden, die beschissen haben. Allerdings werden diese Namen nur an die beiden Auftraggeber Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und Internationales Olympisches Komitee (IOC) geliefert. Die Öffentlichkeit erfährt davon erst bei konkreten Sanktionen – die Aberkennung der olympischen Resultate durch das IOC und eine allfällige Sperre durch die Fachverbände.

Noch kennt niemand Antworten

Die Fragen, wie der Ablauf bis zu einer Entscheidung aussieht, wie schnell IOC und Verbände handeln können und werden und wie gross die Bandbreite von möglichen Sanktionen sein wird, will oder kann derzeit niemand beantworten. WADA-Kommunikationschef Ben Nichols sagt: «Da es sich um eine unabhängige Untersuchung unter Leitung von Professor McLaren handelt, wäre es für die WADA nicht angebracht, bereits jetzt mögliche Folgen zu kommentieren.» Sarah Fussek, die Anti-Doping-Koordinatorin des internationalen Skiverbandes (Fis) sagt, dass «Spekulationen keinen Sinn machen, da den Fachverbänden noch nicht kommuniziert wurde, bis wann Erkenntnisse aus dem McLaren-Bericht an die Fachverbände übermittelt werden.»

Und auch Denis Oswald, der Vorsitzende der Disziplinarkommission des IOC, kann nicht sagen, ob der bei Dopingfällen an Olympischen Spielen vorgesehene Weg beschritten wird, wonach zuerst sein Gremium über die mögliche Aberkennung der Resultate von Sotschi entscheiden wird und die Unterlagen erst danach an die Fachverbände weitergeleitet werden.
Dass sich die beteiligten Parteien derzeit ausserordentlich bedeckt geben, hat seine Gründe. Denn neben rechtlichen Unklarheiten (Denis Oswald: «Kann einem Athleten, dessen Urinprobe letztlich negativ ist, ein Dopingvergehen tatsächlich juristisch einwandfrei nachgewiesen werden?»), ist die Thematik der Sanktionen eben auch eine Frage des politischen Willens.

Russlands Präsident Wladimir Putin beklatscht die Wintersportler an der Olympiade in Sotschi.

Russlands Präsident Wladimir Putin beklatscht die Wintersportler an der Olympiade in Sotschi.

Zumindest scheinen die Wintersportverbände einen koordinierten Weg zu wählen. Das sportpolitische Fiasko vor Rio, als die Bandbreite der Verbandsentscheide zum Ausschluss von russischen Sportlern unerträglich gross war, soll sich nicht wiederholen. Hinter den Kulissen wird trotz aller öffentlicher Zurückhaltung eifrig an Lösungen gearbeitet. So hat das russische Sportministerium zugestimmt, dass ausländische Dopingfahnder in Russland Kontrollen vornehmen und die entsprechenden Proben auch im Ausland auswerten dürfen. Dies ist eine Voraussetzung, damit im kommenden Winter überhaupt internationale Sportveranstaltungen in Russland stattfinden können.

Das IOC seinerseits suggeriert mit der Einsetzung von zwei Kommissionen Entschlossenheit. Der französische Richter Guy Canivet soll die Rolle des russischen Staates durchleuchten, das Schweizer IOC-Mitglied Denis Oswald der Manipulation von Dopingproben in Sotschi auf den Grund gehen. Ergebnisse und damit auch Massnahmen und Sanktionen seien aber erst im neuen Jahr zu erwarten.

Zu guter Letzt hat das IOC diese Woche über ein olympisches Gipfeltreffen am 8. Oktober in Lausanne informiert, wo wenig überraschend der künftige Kampf gegen Doping im Fokus steht. Neben den grossen Sportverbänden sind auch die olympischen Komitees der USA, von China und Russland eingeladen. Die Zukunft dürfen die Russen also mitgestalten. Ob sie auch in aller Konsequenz für die Vergangenheit geradestehen müssen, steht indes noch nirgends geschrieben.

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