Lausanner Sportgerichtshof

Spektakulärer Dopingfall vor Gericht: Im Zweifel hilft der Hammer

Sun Yang gestern bei der öffentlichen Anhörung in Montreux.

Sun Yang gestern bei der öffentlichen Anhörung in Montreux.

Der Fall des chinesischen Schwimmstars, der seine Dopingprobe zerstören liess, ist in vielerlei Hinsicht einzigartig und bizarr.

Auf den ersten Blick spricht wenig für den Athleten. Der chinesische Schwimmstar Sun Yang, der bereits 2014 wegen eines Dopingvergehens für drei Monate gesperrt war, lässt in der Nacht vom 4. September 2018 bei einer unangekündigten Kontrolle eine Blutprobe von seinen Begleitern mit dem Hammer zerstören. Der 27-Jährige assistiert beim Vorgang persönlich.

Zu dieser krassen Art von Verweigerung rät Sun Yangs dazu gerufener Vertrauensarzt Ba Zhen, auch er in der Vergangenheit wegen Verstössen gegen Antidopingregeln vorübergehend aus dem Verkehr gezogen. Nachts um 3.15 Uhr kehrt die Mutter des Schwimmers als Abschluss eines total aus dem Ruder gelaufenen Dopingtests, der um 23 Uhr begann, die Scherben am «Tatort» zusammen.

Nur eine Verwarnung vom Schwimmverband

Zumindest Sun Yangs Konkurrenten an der Weltmeisterschaft im Juli in Südkorea fällen ihr Urteil schnell. Beim zweifachen Titelgewinn des Freistil-Olympiasiegers weigern sich der Australier Mack Horton und der Brite Duncan Scott, zusammen mit Sun Yang aufs Podest zu steigen.

Etwas komplizierter verläuft die juristische Aufarbeitung des Falls. Das Doping-Panel des Internationalen Schwimmverbandes folgt im Frühjahr Sun Yangs Argumentation, dass berechtigte Zweifel an der Authentizität und der Qualifikation des Testpersonals diese Reaktion ausgelöst haben. Man belässt es bei einer Verwarnung für Sun Yang. Die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) legt Rekurs ein und bringt den Fall vor den internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne. Die Wada fordert für den Schwimmer eine Sperre von zwei bis acht Jahren.

Am Freitag nun darf der 1984 gegründete Gerichtshof Sportgeschichte schreiben. Erstmals seit 20 Jahren kommt es zu einer öffentlichen Anhörung – auf Wunsch des Athleten. Der ehemalige Weltklasse-Ruderer Stephan Netzle kennt das Tribunal wie seine Hosentasche. Bis 2009 amtet Netzle 19 Jahre lang als Richter am CAS. Zuletzt vertritt er den Internationalen Skiverband als Anwalt in den spektakulären juristischen Auseinandersetzungen mit den gefallenen russischen Langlaufstars.

Juristen fürchten sich vor Stammtischniveau im Sport

Netzle sagt, von Athletenseite eine öffentliche Verhandlung zu beantragen, sei eine rein taktische Entscheidung. «Es übt einen gewissen Druck auf die Richter aus, gegenüber dem Sportler wirklich bis ins kleinste Detail neutral zu sein.» Erst recht nützlich als Druckmittel, weil die erste Instanz Sun Yang freigesprochen hat. Netzle bezweifelt, dass eine öffentliche Verhandlung tatsächlich einen Mehrwert bietet. «Bei Diskussionen rund um den Sport begibt man sich schnell einmal auf ein Stammtischniveau. Aber simple Schlagzeilen im Stile von Boulevardmedien werden der juristischen Komplexität eines solchen Falles nur bedingt gerecht.»

Doch welche Erkenntnisse liefert dieses seltene sportgerichtliche Spektakels letztlich?

Die Chinesen ziehen alle taktischen Register. Zu Beginn der Verhandlung gibt es massive Probleme mit der Übersetzung der Aussagen von chinesischen Zeugen. Das wirft ein schiefes Licht auf die Fairness des Gerichts. Allerdings hat die Seite von Sun Yang die Dolmetscher ausgewählt. Ganz am Schluss überrumpelt der Schwimmer die Anwesenden sogar mit einem eigenen Übersetzer aus dem Publikum.

Chinesische Strategie und der Ruf nach dem Video

Die öffentliche Verhandlung bewirkt auch, dass die drei für die Dopingkontrolle verantwortlichen chinesischen Staatsangehörigen nicht vor Gericht aussagen. Wohl aus Furcht vor den Konsequenzen, den eigenen Volkshelden zu diskreditieren. Im abschliessenden Statement erwähnt Sun Yang auch noch ein «skandalöses» Video, das die Wahrheit zeige, aber der Öffentlichkeit vorenthalten werde.

Gut zehn Stunden dauert die juristische Exklusivität im Palace-Hotel in Montreux. Rund 60 Zuschauer verfolgen die öffentliche Verhandlung, zwei Drittel von ihnen stammen aus China. Darunter sind Pressevertreter, aber auch Personen mit der klaren Mission zur Unterstützung des Athleten. Sie unterlaufen etwa Interviews westlicher Medien mit Suggestivfragen.

Die juristische Auseinandersetzung bietet ein Abbild, wie komplex der Kampf gegen Doping ist. Die Verteidigung von Sun Yang argumentiert, dass die strengen Regeln für Athleten zwingend auch für das Testpersonal gelten müssen. Die Vertreter der Wada weisen darauf hin, dass der Schwimmer seit 2012 180 Dopingproben abgab, ohne je den Ablauf in Frage zu stellen. Bis zum 4. September 2018.

Das Urteil wird in rund sechs Wochen erwartet.

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