Im Normalfall ist es kein Problem, eine Szene im grossen olympischen Sporttheater zu schildern. Aber die Bronze-Heldinnen von Sotschi stellen die Chronistinnen und Chronisten vor eine grosse Herausforderung.

Es ist kein Normalfall. Es handelt sich um einen der emotionalsten Momente unserer Sportgeschichte.

Es ist kaum möglich, alles, was an diesem Donnerstag rund um dieses Bronze-Schauspiel abgelaufen ist, zu schildern und einzuordnen.

Welche Geschichte erzählen? Die der 15-jährigen Alina Müller, die das letztlich alles entscheidende vierte Tor ins leere Netz erzielt?

Die von Florence Schelling, der wohl besten Torhüterin der Welt, die sich noch drei Wochen vor dem Turnier verletzt hat (Schlüsselbeinprellung)?

Die der Zwillinge Julia und Stefanie Marty, Sara und Laura Benz?

Oder die der US-Schweizerin Jessica Lutz, die zwei Jahre in die Schweiz kam, um für Sotschi 2014 qualifiziert zu sein, in dieser Zeit im Berner Nobelrestaurant Lorenzini an der Kaffeebar arbeitete und nun nach Washington zurückgekehrt ist, um ihre Ausbildung zur Krankenschwester abzuschliessen?

Oder wollen wir noch einmal betonen, dass das jüngste (Durchschnittsalter 22,5 Jahre!), kleinste und leichteste Team des Turniers eine der grössten Sensationen im internationalen Hockey geschafft hat?

So schön war Bronze noch nie

Was für immer im Gedächtnis hängen bleibt, ist die grosse Freude. Im Sport wird oft und viel gejubelt. Aber so viel echte Freude wie bei unseren Hockeyfrauen ist ganz, ganz selten.

Die Schweizerinnen lagen nach 40 Minuten 0:2 zurück und schafften im letzten Drittel die Wende, siegten 4:3 und holten unsere erste olympische Hockey-Medaille seit 1948 (Bronze in St. Moritz).

Wir haben schon ein paar märchenhafte Bronze-Medaillen gewonnen. Zum Beispiel 1968 in Grenoble im Langlauf über 50 Kilometer durch den Marbacher Sepp Haas.

Doch die Heldinnen von Sotschi übertreffen alles, was es bisher in olympischer Bronze gegeben hat. Es ist die schönste Bronze-Medaille unserer olympischen Geschichte.

Es ist das Happy End eines Hockeymärchens, das 2004 in Peking mit dem Olympia-Qualifikationsturnier für Turin 2006 begonnen hat.

Die Art und Weise, wie die Schweizerinnen gestern im letzten Drittel das Bronze-Spiel drehten, gehört in die Sport-Psychologie-Lehrbücher.

Alles, was über «Nicht aufgeben!» oder «Wir glauben daran!» oder «Teamwork» gelehrt wird, ist in die Tat umgesetzt worden.

In einem Schlussdrittel erzielten die Frauen ein Tor mehr als die Männer in vier Partien.

ulia Marty sagt, in der zweiten Pause sei die Entschlossenheit zurückgekehrt. «Wir hatten noch 20 Minuten Zeit, um unseren Traum zu verwirklichen. Diese 20 Minuten wollten wir einfach nützen und jede von uns glaubte daran, dass es möglich ist.»

Es habe nicht einmal eine dramatische Ansprache in der Kabine gegeben. «Das war nicht nötig.»

Coach René Kammerer sagt, er trete nun unwiderruflich zurück. «Ich habe 2004 mit der Qualifikation für Turin 2006 einem ‹Big Bang› begonnen und nun höre ich mit einem ‹Big Bang› auf.» Er erhoffe sich, dass nach diesem Erfolg dem Frauenhockey endlich mehr Respekt entgegengebracht werde. Sein Wunsch in Gottes Ohr.