Sportkleidung macht Sieger. Sie fördert «psychologisch das Selbstbewusstsein und die Leistungsbereitschaft der Sportler», war schon der deutsche Designer Otl Aicher in den 1970er-Jahren überzeugt. Angesichts dieser Ansprüche darf in Sotschi das Outfit nicht dem Zufall überlassen werden. Kein Wunder gab Swiss-Olympic-Chef Gian Gilli folgende Order an die Ausrüster heraus: «Die besten Sportler sollen für den grössten Sportanlass die besten Kleider erhalten, damit sie ihr Land stolz vertreten können.»

Kann man das mit einer unscheinbaren weissen Hose und einer roten Ski-Jacke, wie sie die Schweizer Sportler ab heute in Sotschi tragen? Erfüllen sie den unterschwelligen Wunsch, zu imponieren und einzuschüchtern, wie es Aicher als ideal für eine gelungene Sportkleidung erachtete?

Klar, unsere Sportler sollen vor allem auf der Rangliste eine gute Falle machen. Das scheint das helvetische Credo zu sein. Nur ja nicht auffallen oder aus der Reihe tanzen. Wie schon 1972 in Sapporo (in Weiss), 1980 in Lake Placid (in Dunkelblau) oder 2010 in Vancouver (in Rot-Weiss) macht man vor allem auf Understatement - und Biederkeit. So werden die Schweizer von Ochsner Sport mit teilweise bereits vorhandenen Teilen aus der Nike-, Salomon- oder Descente-Kollektion ausgerüstet. «Das Design ist einfach, sportlich, klassisch und repräsentiert die Schweiz, weil sie mit bodenständigen Werten assoziiert wird», erklärt Steve Schennach, Marketing-Chef der Dosenbach-Ochsner AG.

In der 30-teiligen Kollektion findet man trotzdem ein paar Perlen. Die schwarze Destroyer Jacke zum Beispiel, die unseren Stars einen rockigen, verwegenen Touch gibt. Aber auch die stylische Fellmütze als Hommage an das Veranstalterland - auch wenn sie damit keinen Modepreis gewinnen werden.

Legendär: Die Harry-Potter-Kluft

Andere Nationen setzen für den optischen Auftritt entschieden mehr Aufwand und Geld ein: Die Italiener lassen ihre Kollektionen seit Jahren von Maestro Giorgio Armani designen. Die Franzosen brillieren mit einer trendigen Kollektion von Lacoste, die Amerikaner in einer eleganten Retro-Kleidung von Stardesigner Ralph Lauren. Und die Schweden haben sich von Kopf bis Fuss von Moderiese H&M einkleiden lassen. Gute Sportmode muss also nicht einmal teuer sein.

Schliesslich war in der Vergangenheit die Nähe von Sport und Mode sehr wichtig, wie Gregor Dill, Direktor des Schweizer Sportmuseums in Basel, betont. «In den Anfängen waren die Olympischen Spiele Lifestyle-Veranstaltungen, die vor allem dem Jetset und den Reichen zugänglich waren.» Je etablierter der Sport wurde, desto weiter entfernte sich die Sportkleidung von der trendigen Mode. «Heute entscheiden Sportfunktionäre, welche Kleidung getragen wird», so Dill.

Dennoch fallen die Schweizer mit ihrem Outfit hin und wieder auf - wenn auch eher unfreiwillig. Der silberfarbene Harry-Potter-Mantel von Salt Lake City 2002 entpuppte sich als Renner. Dabei wollte man ihn ursprünglich aus der Kollektion werfen, weil er «eine modische Zumutung» war. Doch Simon Ammann sorgte damit auf dem Podest und in amerikanischen Late-Night-Shows für Furore. Vielleicht gelingt das ja auch mit dem silbernen Gilet aus der aktuellen Kollektion?