«The games must go on!» Mit diesem Satz hat er sich endgültig ins Gedächtnis der Nachwelt gebrannt. Gesprochen hat er ihn 1972 in München. Palästinensische Terroristen hatten die israelische Olympia-Mannschaft angegriffen, mehrere ihrer Mitglieder kamen ums Leben. Die Welt war im Schockzustand. Aber IOC-General Avery Brundage befand: «Die Show muss weiter gehen!» Die 80 000 Zuschauer im Münchner Olympia-Stadion applaudierten ihm übrigens.

Dabei war er noch im Winter anderer Ansicht. Die Winterspiele schienen ihm ein Ärgernis für die olympische Bewegung zu werden. Zu kommerziell, zu viel Geld, zu wenig olympischer Geist. Abschaffen konnte er sie – auch als mächtiger Präsident des Internationalen Olympischen Komitees – nicht mehr. Aber ein Exempel statuieren, das konnte er schon.

Die Zeit der «Staatsamateure»

Einige hielten Brundage für engstirnig und fanatisch, andere für politisch naiv. Auf jeden Fall war er alt: 1972 war er 85. 20 Jahre lang war er schon IOC-Präsident. Seine Ära war geprägt von einem Kampf gegen Windmühlen. Die olympische Idee sei, so sah das Brundage, dass Sportler um des Sportes willen Wettkämpfe bestreiten. Natürlich, daneben auch ein bisschen Völker verbinden. Aber sicher kein Geld verdienen. Hier liege der Unterschied zwischen Sport und Showbusiness. Letzteres gefiel ihm gar nicht.

Was er auch immer sonst war: Sportpolitisch war er ein Idealist. Er arbeitete ehrenamtlich fürs IOC und schonte auch seinen eigenen Geldbeutel nicht, wenn es sein musste. Als Bauunternehmer hatte er sich erfolgreich durch die grosse Depression geschlagen.

Die Sportwelt war aber eine ganz andere, als Brundage es sich wünschte. Hinter dem Eisernen Vorhang trainierten die «Staatsamateure» – natürlich das ganze Jahr (offiziell erlaubt waren 60 Tage Vorbereitung), um für den Sozialismus Ehre einzuheimsen. Im Westen fühlte man sich benachteiligt. Aber mit «Sportsoldaten» und anderen Tricks (der dreifache Olympiasieger von 1968 in Grenoble, Jean-Claude Killy, war zum Beispiel offiziell Zöllner) suchte man den Anschluss zu halten.

Bevor er abtrat, wollte Brundage deshalb nochmals ein Zeichen setzen. Er wählte ein prominentes Opfer: den österreichischen Skistar Karl Schranz. Der wollte eigentlich mit 31 und dem Weltmeistertitel in der Tasche 1970 aufhören, aber weil es bei Olympia noch nicht recht geklappt hatte (nur eine Silbermedaille 1964 im Riesenslalom), plante er die Krönung der Karriere 1972 in Sapporo. Schranz war in Form, das Hahnenkammrennen von Kitzbühel hatte er souverän gewonnen.

Schranz, diese «Reklamesäule»

Aber der alte Olympier durchkreuzte diese Pläne. «Schranz war der Schlimmste, er hat sich keine Gelegenheit entgehen lassen, uns zu provozieren und der olympischen Idee grossen Schaden zugefügt.» Diesen Schranz, die «lebende Reklamesäule» mit einer Jahresgage von 60 000 Dollar, wollte Brundage die ganze Strenge der Regel 26 spüren lassen. Mit 28 zu 14 Stimmen schloss ihn das IOC auf Betreiben Brundages am 31. Januar 1972 von den Spielen aus. Mitgeteilt wurde es Schranz, der schon beim Trainieren war, durch einen Journalisten.

Jedem war klar, dass die offizielle Begründung, Schranz hätte bei einem Plauschfussballspiel ein T-Shirt mit Aufdruck «Aroma-Kaffee» getragen, Mumpitz war. Die Empörung war zwar gross, aber sie hielt sich in Grenzen. Zum Glück für die Funktionäre wollte Schranz selbst nicht, dass sich die Kollegen allzu sehr mit ihm solidarisierten. Er verliess das olympische Dorf, die österreichische Mannschaft blieb – die anderen Nationen natürlich auch. Schranz wurde in Wien wie ein Sieger empfangen. Hunderttausend sollen ihm zugejubelt haben. «Karli, Karli – der Karli soll leb’n, der Brunditsch steht daneb’n.» Ungute Erinnerungen wurden wach.

Aber das interessierte hierzulande bald niemanden mehr: Die Tage von Sapporo wurden für die Schweiz «golden» («Ogis Leute siegen heute!»), in der Medaillenstatistik wurde die Schweiz hinter der Sowjetunion und der DDR Dritte. Bernhard Russi und Roland Collombin siegten in der Abfahrt. Marie-Theres Nadig schlug die grosse Annemarie Moser-Pröll gleich zweimal (Abfahrt und Riesenslalom).

Erst Brundages Nachfolger öffneten die Spiele Profisportlern. Als erste offene Spiele gelten jene von 1984 in Los Angeles. Längst in der Vergangenheit schien das Amateurstatut, als die gut bezahlten Basketballprofis der amerikanischen NBA mit dem «Dream Team» 1992 in Barcelona Olympiasieger wurden.