Fussball
Über Umwege nach oben: Der Gunzger Joel Keller spielt bei einem neuen Verein – und trifft im DFB-Pokal bald auf Werder Bremen

Joel Keller aus Gunzgen suchte sein Glück schon früh in Deutschland. Seit über vier Jahren spielt der 23-Jährige Fussball in unserem Nachbarland. Nun hat er einen neuen Verein; der SC Weiche Flensburg, letztjähriger Meister der Regionalliga Nord und baldiger Pokalgegner von Bundesligist Werder Bremen.

Yannick Fischer
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Joel Keller will mit Flensburg das grosse Werder Bremen bezwingen. Mario Koberg/Imago

Joel Keller will mit Flensburg das grosse Werder Bremen bezwingen. Mario Koberg/Imago

imago/Beautiful Sports

Der Weg, den Keller bis heute bestritt, war nicht gerade das, was man für gewöhnlich hält. Die Geschichte Kellers ist die Geschichte eines jungen Fussballers, der nach ganz oben will – und dafür keinesfalls den «normalen» Weg wählte.

Wir beginnen von vorn: In der Schweiz spielte der Gunzger in der Jugendabteilung des FC Basel. Doch da die Verantwortlichen ihm klarmachten, dass es mit dem Sprung in die erste Mannschaft wohl nichts wird, wechselte er im Alter von 19 Jahren nach Deutschland in die zweite Mannschaft des FC Nürnberg. In Deutschland wurde Keller mit 21 Vater einer Tochter. Im Ausland Fussball spielen und gleichzeitig ein Kind grossziehen, und das mit 21? Klingt schwierig. Ist es aber nicht, sagt Keller: «Wenn man die richtige Frau hat, dann klappt das. Auch unsere Eltern haben uns unterstützt, wo es ging.»

Verurteilt, dann Profidebüt

2015 erhielt Keller ein Angebot von St. Pauli, mit Aussicht auf Einsätze in der ersten Mannschaft aus der 2. Bundesliga. Er akzeptierte. Es war der 28. Februar 2016, als Keller sein Startelfdebüt als Profi in der 2. Bundesliga gab. «Ein unglaubliches Gefühl», sagt er heute: «Darauf hat man all die Jahre zuvor hingearbeitet. Um endlich als Profi auf dem Platz zu stehen.»

Das Aussergewöhnliche daran ist, dass Keller nur Tage zuvor noch im Gerichtssaal sass und zu zwei Wochen Jugendarrest verurteilt wurde. Grund dafür: eine Schlägerei im McDonald’s am Nürnberger Hauptbahnhof. Bei diesem Thema winkt er nicht etwa ab, er redet offen darüber: «Das war ein Fehler und die muss man einsehen. Ich habe daraus gelernt – aber ich denke nicht, dass mich das in meiner Karriere zurückgeworfen hat. Schliesslich spielte ich kurz darauf zum ersten Mal als Profi.»

Ein «einzigartiges» Debüt

Die Freude über Profieinsätze war aber von kurzer Dauer. Zehn Mal durfte er in der 2. Bundesliga ran. Dann kam bei St. Pauli mit Markus Kauczinski ein neuer Trainer ins Amt. Er machte Keller deutlich, dass er nicht auf ihn setzen wird. «Also habe ich mich umgeschaut. Ich hatte Angebote von verschiedenen Vereinen, aus Polen, oder auch von St. Gallen oder Lausanne. Doch bei Flensburg hat es mir am besten gepasst.»

Diesen Sommer war der Wechsel perfekt. Keller bestritt seine ersten Spiele für Flensburg und legte ein – nun ja – «einzigartiges» Debüt hin. Denn in den ersten beiden Pflichtspielen für seinen neuen Verein flog er zwei Mal vom Platz. Darauf angesprochen, muss er erst mal schmunzeln. «Ich wollte in die Geschichtsbücher eingehen», scherzt er, wird dann aber ernst: «Nein ehrlich, das ist zwei Mal einfach dumm gelaufen. Es waren zwei Fouls, die beide vom Schiedsrichter als Notbremse gewertet wurden. Rot müsste man aber nicht zwingend geben.»

Sein Trainer nahm es ihm jedenfalls nicht übel und schickte ihn auch in den kommenden Partien wieder von Beginn weg auf den Platz. So wird er sehr wahrscheinlich auch nächsten Mittwoch auf dem Rasen stehen, wenn Flensburg eines der grössten Spiele seiner jüngeren Vereinsgeschichte bestreitet. In der zweiten Runde des DFB-Pokals trifft der Regionalligameister auf den SV Werder Bremen aus der Bundesliga.

Werder Bremen in Form

Eine Herkulesaufgabe für Kellers Klub, schliesslich sind es drei Klassen Unterschied zwischen den Teams. Ausserdem ist Werder momentan gut in Form, liegt in der Bundesliga auf dem dritten Tabellenrang. Doch Flensburg hat bereits in der vorherigen Runde für eine Überraschung gesorgt und den VfL Bochum aus der 2. Bundesliga eliminiert. «Es ist nicht der beste Zeitpunkt, um gegen Werder zu spielen. Aber letztendlich sind es 90 Minuten Fussball. Wir müssen an unsere Grenzen gehen. Ich glaube daran, ich glaube in jedem Spiel an den Sieg, sonst kommst du nicht weiter», sagt Keller.

Weiterkommen. Das ist es, was Keller will, nicht nur im Pokal, sondern auch grundsätzlich in seiner Karriere. Das Spiel gegen Werder Bremen bietet ihm die Bühne, die er dafür braucht: «Da kann ich zeigen, was ich kann. Und wer weiss, wer dann alles zuschaut», sagt er. Kellers Ziel ist es, sich wieder in die 2. Bundesliga zurückzukämpfen und sich dort als Stammspieler zu etablieren. «Ich denke, das ist realistisch. Ich habe bei St. Pauli schon bewiesen, dass ich konstant auf diesem Niveau spielen kann.»

Und die 1. Bundesliga? Die bleibt sicherlich im Hinterkopf. Keller sagt nur so viel: «Jeder Fussballer, der in Deutschland an einen Ball haut, will irgendwann in der 1. Bundesliga spielen.» Vorerst soll nun aber gegen Werder Bremen ein gutes Resultat her – dieses Mal hoffentlich ohne Platzverweis.