Faustball
Trotz verlorenem EM-Gold findet Kevin Nützi zum Lachen zurück

Nach einem zweistündigen Abnützungskampf holte sich das deutsche Team in Olten mit einem 4:3-Erfolg gegen die Titelverteidiger aus der Schweiz verdientermassen EM-Gold. Der Neuendörfer Kevin Nützi war mittendrin.

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Kevin Nützi (vorn, mit weisser Kappe) in seinem Fanklub.

Kevin Nützi (vorn, mit weisser Kappe) in seinem Fanklub.

Bruno Kissling

Nach einem 1:3-Satzrückstand gegen die zu Beginn entfesselten Schweizer kam Deutschland nach einer zehnminütigen Pause wie verwandelt auf den Center-Court zurück. Die Schweizer wiederum, kämpferisch bis zum allerletzten Punkt stark, bauten sukzessive ab und konnten das enorm hohe spielerische Niveau der ersten vier Sätze nicht beibehalten.

Die beiden Teams lieferten sich bei schwierigsten äusseren Bedingungen – Regen und teils starker Wind – ein schlicht hervorragendes Spiel und machten vor 1950 begeisterten Zuschauern im Finale allerbeste Werbung für den Faustballsport. Zuvor hatte sich Österreich mit einem klaren 4:0-Sieg gegen Italien die Bronzemedaille gesichert.

3940 Personen haben die EM in Olten besucht. OK-Vizepräsident Franco Giori zog denn nach dem Finale auch ein äusserst positives Fazit der Titelkämpfe: «Es war eine wunderbare und gut funktionierende Euro mit Matches auf teils höchstem Niveau. Die Stimmung im Publikum war hervorragend.

Wer nicht im Kleinholz war, ist selber schuld und hat etwas verpasst.» Anlässlich der Siegerehrung lobte auch OK-Präsident Peter Gomm das Publikum, das sich seine «Bombenstimmung» auch durch das Wetter nicht habe vermiesen lassen. Er danke aber vor allem den sechs teilnehmenden Nationen für den tollen Sport, den sie geboten hätten. Karl Weiss, Präsident des internationalen Faustballverbandes, verlieh den Matches das Prädikat «auf höchstem technischen Level und voller Athletik».

Kevin Nützi wird angefeuert

«Ohne Neuendorf wäre hier nichts los», skandierten die Neuendörfer Fans in der Verpflegungszone des Faustball-EM-Stadions im Kleinholz. Sie machten sich im Rausch ihren Reim, obwohl er sich nicht reimt. Soeben hatte die Schweizer Nationalmannschaft gegen die Österreicher Auswahl problemlos den Finaleinzug bewerkstelligt.

Mittendrin: Der Neuendörfer Kevin Nützi, der mit seiner weissen Mütze aus dem Kollektiv auffällt. Zusammen mit den klein gewachsenen Lukas Lässer und Ueli Rebsam bildet Nützi ein starkes Dreieck. Für Nützi ist die EM in Olten gewissermassen ein Heimspiel. Aus dem seit Jahren faustballverrückten Neuendorf hat eine rund 30-köpfige Fangruppe den Weg nach Olten auf sich genommen.

Dies, obwohl der Defensivspieler auf die neue Saison hin seinen aus der NLA abgestiegenen Stammverein verlassen hat, um sich den ambitionierten Oberentfeldern anzuschliessen. Zu gross ist die Kantonsrivalität mit den Oltner Faustballern, welche in der obersten Spielklasse gegen den Abstieg kämpfen, als dass Nützi den Wechsel zum Derbygegner auf sich genommen hätte – statt im Aargau auf Titeljagd zu gehen.

Thomas versiebt Schweizer Party

Keine 24 Stunden nach der souveränen Finalqualifikation marschiert der 23-jährige Nützi in seinem 23. Länderspiel mit vollster Konzentration zum Endspiel gegen Deutschland auf. In seinem Rücken sind selbstverständlich auch diesmal seine treuen Begleiter aus Neuendorf, die im gut besetzten Faustball-Stadion zu den treusten Antreibern gehören.

Trotz garstiger Bedingungen finden sich gut 1900 Zuschauer zum Prestigeduell ein. Knapp zwei Stunden später findet der Finalkrimi gegen die Deutschen ein schlechtes Ende. Im siebten und somit dem Entscheidungssatz, stielt Deutschlands Nummer 1, Patrick Thomas, den Schweizern praktisch im Alleingang den grossen Auftritt vor frenetischem Publikum und entthront die Eidgenossen als Nummer eins Europas.

Gegen die Aufschläge des Deutschen «Riesen» finden Kevin Nützi und seine Hinterleute kein Rezept. Im leeren Blick des Neuendörfers ist die Enttäuschung abzulesen. «Er hatte eine super Länge in seinen Bällen, einen wahnsinnigen Service», muss die Schweizer Nummer 9 neidlos anerkennen.

Argentinien als grosses Ziel

Das über vier Gewinnsätze gehende Endspiel hätten die Schweizer durchaus für sich entscheiden können. Dank den an dieser EM stark agierenden Lukas Lässer und Ueli Rebsamen kamen die Schweizer im Final in den erhofften Spielrausch und zogen bis auf 3:1 Sätze davon, ehe die verheerende zehnminütige Pause folgte.

Nach dieser kam die zuverlässigste deutsche Tugend, niemals aufzustecken, zum Vorschein und prompt reihten sie drei Satzgewinne aneinander. Womit der Schweiz am Ende bloss der Konjunktiv, wäre und hätte, blieb. Trotz der vielen Emotionen vermochte Nützi bereits an die Zukunft zu denken.

Diese heisst Argentinien. Dort will Nützi im kommenden Jahr «angreifen, und versuchen Weltmeister zu werden». Trotz Silbermedaillengewinn stellt der Neuendörfer an sich hohe Ansprüche. «Zufrieden bin ich nicht», nimmt er zu seiner Leistung Stellung und verspricht: «Ich werde ein Jahr lang hart trainieren.»

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