Sportschiessen
«Es ist eine komplette Leere da»: Jan Lochbihler verpasst definitiv die Olympischen Spiele

Der Holderbanker Profischütze Jan Lochbihler verpasst definitiv die Olympischen Spiele von Tokio. Die Weltnummer sechs hadert mit seiner Leistung und noch viel mehr mit dem System der Quotenplätze.

Silvan Hartmann
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Jan Lochbihler ist in Tokio nicht am Start.

Jan Lochbihler ist in Tokio nicht am Start.

Fotozug.ch

Es passierte ihm nicht zum ersten Mal in diesem Olympiazyklus: Jan Lochbihler scheitert, verpasst an der EM im kroatischen Osijek Ende Mai als 19. nicht nur den Finaldurchgang, sondern auch das Olympiaticket. Besonders bitter: Der Event ist die allerletzte Möglichkeit, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Doch nach dem ersten grossen Schock darf sich Lochbihler plötzlich leise Hoffnungen machen, via Hintertür doch noch nach Tokio reisen zu dürfen.

Vergangene Woche erhielt er schliesslich vom Leiter Spitzensport den entscheidenden Telefonanruf, in dem er bloss die eine grosse Frage beantwortet haben wollte: Ja oder Nein? Mehr wollte der über Wochen angespannte Lochbihler irgendwie gar nicht hören.

Es folgte ein Nein. Auch die Hintertür ist geschlossen – und damit ist klar: Jan Lochbihler wird nicht an den Olympische Spielen von Tokio teilnehmen dürfen. Er habe es sofort akzeptiert, auch wenn das Messer «tief drinsteckte», wie der 29-Jährige sagt. «Die Enttäuschung ist gross. Man arbeitet ja nicht nur eine Woche für dieses Ziel – es sind mehrere Jahre harte Arbeit. Es ist definitiv ein harter Hammerschlag auf den Kopf.»

44 Quotenplätze weniger als vor fünf Jahren in Rio

Einerseits durfte Jan Lochbihler auf eine von nur 12 Wildcards hoffen, doch als Schweizer, als Teil einer der grösseren Sportnationen, hat er per se schlechte Karten, da diese Einladungen oft an Länder vergeben werden, die nicht mehr als fünf Quotenplätze über alle Sportarten verfügen – Kleinstaaten also mit einer Handvoll Athleten.

Andererseits ruhten die viel grösseren Hoffnungen auf einem der Quotenplätze, die von Ländern mangels Athleten zurückgegeben werden. Tatsächlich kommt auch das vor, wie Beispiele aus Russland oder Australien zeigen.

Lochbihler setzte mit grosser Unterstützung von Verbandsverantwortlichen alle möglichen Zügel in Bewegung und warf dabei drei wesentliche Argumente in die Waagschale, doch noch einen solchen Quotenplatz zu ergattern. Erstens: Lochbihler schoss im laufenden Olympiazyklus den Weltrekord in der Disziplin 50-Meter-Dreistellung – beim Weltcup in Rio 2019 gelangen ihm sagenhafte 1188 von möglichen 1200 Punkten.

Zweitens: Lochbihler ist in der entscheidenden Phase in der Weltrangliste auf Position 9 klassiert – mittlerweile sogar auf Rang 6. Drittens: Lochbihler hätte auch eine Teilnahme im Mixed mit Topschützin Nina Christen akzeptiert. Eigentlich doch alles Argumente, die für eine Olympia-Teilnahme sprechen würden. Doch es wurde zu einer «politischen Sache», wie Lochbihler es nennt. Denn mit keinem dieser Argumente fand er beim ISSF, dem internationalen Verband der Sportschützen, Anklang. Mehr noch: Der internationale Verband hielt sich strikte an das Vergabe-Prozedere, wich keinen Millimeter davon ab.

Lochbihler hadert, hinterfragt das System. Warum bloss braucht es dieses System der Quotenplätze? Warum reicht es für Olympia nicht aus, der weltweit neuntbeste Schütze zu sein?

Gegenüber Rio 2016 gibt es in Tokio 44 Quotenplätze bei den Männern Gewehr weniger, mitunter, weil es eine Disziplin weniger gibt und der internationale Verband bestimmt hat, dass es für jede Disziplin, und sowohl bei den Männern wie auch bei den Frauen, gendergerecht 28 Quotenplätze gibt. Das führt dazu, dass es etwa im Schrotflinten-Wettkampf der Frauen zu wenig Athletinnen gibt, auch beim 25m Pistolenschiessen muss der internationale Verband fast auf Athletinnensuche.

Jan Lochbihler verpasst die Olympischen Spiele von Tokio.

Jan Lochbihler verpasst die Olympischen Spiele von Tokio.

Lukas Lehmann / KEYSTONE

Lochbihler hat es zudem nicht als einzigen Topschützen erwischt. Auch der Franzose Alexis Raynaud, in Rio noch Gewinner der Bronzemedaille, konnte sich keinen Quotenplatz ergattern. Lochbihler fragt sich: Entspricht das alles tatsächlich noch dem olympischen Gedanken? «Es sind Gedanken, die dir das Messer noch tiefer reinstecken lassen», sagt er enttäuscht.

Lochbihler ist sich bewusst, dass es durchaus auch die andere Seite der Medaille gibt: «Natürlich muss ich mir vorwerfen: Ich hätte bloss besser schiessen müssen, dann hätte ich den Platz auf sicher gehabt», sagt er. Doch dann komme immer wieder das grosse Aber hervor mit der Quotenplatzvergabe. «Es macht es sicher nicht einfacher, das alles zu akzeptieren. Zweifellos: Ich war auf Kurs, in Form, das Material stimmte. Ein grosser Bremser, an dem ich noch lange zu kauen haben werde.»

«Ich will zuerst noch die Emotionen ausleben»

Die Olympischen Spiele wird er aus einem besonderen Blickwinkel verfolgen – und auch das Politische nicht ausser Acht lassen. Dass es ohnehin coronabedingt äusserst spezielle Spiele geben wird, bei denen die Athleten viele Stunden im Olympiadorf auf ihren Zimmern um die Ohren schlagen müssen, ist für Lochbihler ein schwacher Trost. «Ich mag es jedem einzelnen gönnen, der sich qualifiziert hat. Aber solche Spiele, bei denen das übliche Flair fehlen wird, wünsche ich niemandem.»

Den Blick nun nach vorne zu richten, fällt dem 29-jährigen Solothurner noch schwer.

«Ich bin emotional noch nicht bereit, in die Analyse und Aufarbeitung zu gehen. Ich will zuerst noch die Emotionen ausleben»,

sagt er, atmet tief durch und sagt: «Es schwirren noch so viele Puzzleteile im Kopf umher, es tut schon weh.» Es wird wohl Monate dauern, bis Lochbihler den Fokus wieder voll und ganz nach vorne richten kann. Ein Sportpsychologe, Familie, Freunde und Trainer werden ihm dabei helfen.

«Es ist eine komplette Leere da. Das Zündhölzchen brennt noch, ausgehen wird es nicht, aber das Feuer lässt sich in nächster Zeit auch nicht ganz so einfach entfachen»,

sagt er auf die Frage nach seinen Plänen. Demnächst nimmt er in Schwadernau bei Biel an einem internationalen Wettkampf teil. Im September folgen die Schweizermeisterschaften, ehe die Saison zu Ende geht. Und damit auch der um ein Jahr verschobene Olympiazyklus, den Jan Lochbihler so sehr gefordert hat. Es wäre ein guter Zeitpunkt, das Feuer neu zu entfachen und die nächsten grossen Ziele anzupacken.

Jan Lochbihler war 2016 in Rio am Start.

Jan Lochbihler war 2016 in Rio am Start.

Laurent Gillieron / KEYSTONE