Schwingerverband
Schwinger ringen um Werbemillionen

Der Oberaargauer Otto Seeholzer: erster Werbeverantwortlicher im Schwingerverband, und seine Kollegen haben vom Zentralvorstand als Rekursinstanz nie die nötige Rückendeckung erhalten. Jetzt wird das Werbereglement von einer Kommission erarbeitet.

Michael Schenk
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Verschiedene Kulturen: Der Werbemarkt drängt auf den Schwingplatz. keystone

Verschiedene Kulturen: Der Werbemarkt drängt auf den Schwingplatz. keystone

Nach dem Rücktritt der Werbekommission ist der Geschäftsführer des Eidgenössischen Schwingerverbandes (ESV), Rolf Gasser, inzwischen auch zum Werbeverantwortlichen bestimmt worden.

Die Werbekommission trat Anfang März im Zuge der Affäre Abderhalden/Schläpfer auf die Abgeordnetenversammlung in Aigle hin unisono zurück. Verantwortlich für die Umsetzung des Werbereglements war bis dahin der Oberaargauer Otto Seeholzer.

Das Fass zum Überlaufen gebracht habe für ihn und seine Kollegen wiederholt gutgeheissene Rekurse durch den Zentralvorstand (ZV), zuletzt der von Jörg Abderhalden. Dieser hatte sich nach seinem Rücktritt im August 2010 unter anderem geweigert, künftig 5 Prozent seiner Werbeeinnahmen an den Verband abzuliefern. Darum wurde er vom Verband ausgeschlossen.

Etwas blauäugig?

Besagter Rekurs wurde Ende November vom ZV gegen den Willen des damaligen Obmanns und Abderhaldens Götti, Ernst Schläpfer, gutgeheissen. «In dem Moment mussten wir uns sagen», so Seeholzer, «dass wir die falschen Leute an diesem Platz sind.» Er und seine Kommissionsmitglieder hätten ihre Aufgabe immer sehr ernst genommen. «Das hat ganz offenbar einige überrascht.»

Vermarktung in Eigenregie ist Thema

Mit dem Eintreten von inzwischen rund einem halben Dutzend Vermarktungsagenturen sieht sich der Schwingsport, respektive dessen Führung, seit kurzem neuen, professionellen Playern vis-à-vis. Diesen profitorientierten Unternehmen mit Ehrenamtlichkeit zu begegnen, stellt sich zusehends als gravierendes Problem heraus. Geschäften auf gleicher Augenhöhe ist praktisch unmöglich. Darum gibt es im Schwingverband ernsthafte Planspiele, Athleten und Veranstaltungen künftig selbst zu vermarkten. Ein Inhouse-Marketing quasi. «Wenn wir es schaffen, alle Fäden in den eigenen Händen zu halten, und auch wirklich fähig sind dazu», sagt ESV-Geschäftsführer Rolf Gasser, «dann schaffen wir eine «unité de doctrine». Einheitlichkeit und Übersicht also. Die zahlreichen Brandherde, die zuletzt durch den Einzug der Werbe-Millionen im Schwingsport entfacht wurden, könnten so besser kontrolliert werden oder würden erst gar nicht entstehen. «Natürlich», sagt Gasser, «müssten das Profis mit entsprechenden Salären sein.» Eine Quersubventionierung dieser Vermarktungs-Profis läge auf der Hand. Schliesslich nehmen die heute im Schwingsport engagierten Sportvermarkter je nach Volumen des Kontrakts stattliche Prozentsätze für sich raus. Dieses Modell würde «auch längerfristige Partnerschaften mit Sponsoren vereinfachen», so Gasser.(ms)

Er selbst, hält Seeholzer fest, sei vielleicht etwas zu blauäugig gewesen. «Wenn ein Metzger oder Schreiner plötzlich die Chance bekommt, sein Jahresgehalt mit Werbeeinnahmen als Schwinger zu vervielfachen, kann die Fairness schnell darunter leiden.» Seit der Schwingerverband 2010 eine Werbekommission eingesetzt hat, wurde praktisch jeder deren Rechtssprüche im Rekurs-Verfahren vom ZV gänzlich aufgehoben oder im Strafmass massiv reduziert.

Der Persilschein

Abderhaldens Rekurs wurde in besagtem Fall nicht nur gutgeheissen. Nein, ihm wurde vom Zentralvorstand zudem noch ein Persilschein ausgestellt. Demnach ist er ab 2012 von allen Verbandsabgaben befreit. Wohlverstanden, ganz egal, wie das künftige, überarbeitete Werbereglement aussehen wird. In diesen Tagen tritt eine 16-köpfige Arbeitsgruppe «Revision des Werbereglements» in Aktion. Zusammensetzt ist das Gremium aus dem Zentralvorstand, Vertretern des Büros der Abgeordneten-Versammlung und der fünf Teilverbände, Ehrenmitgliedern, einem Spitzenschwinger (nicht Abderhalden), einem Juristen und einem Vertreter der Vermarktungsagenturen.

Ziel ist, ein Reglement zu schaffen, das «Klarheit für alle Ansprechpartner schafft und möglichst keine Fragen mehr offen lässt», sagt Gasser. Lücken hat das bisherige Reglement vorab in vier Punkten: 1. In welcher Form haben zurückgetretene Schwinger weiterhin Abgaben aus ihren Werbeverträgen an den Verband zu entrichten? 2. Wie steht es diesbezüglich bei Funktionären? 3. Wie viel Werbung darf vom Schwingplatz aus sichtbar sein? Gemäss Statuen gar keine. 4. Wie sieht die zukünftige Rekurskammer in Streitfällen aus? Bislang war dies der Zentralvorstand, womit Judikative und Exekutive eine Union bildeten. Ende Oktober soll das überarbeitete Reglement in Klubs und Verbänden in die Vernehmlassung geschickt werden.

Alle Streitigkeiten, die sich in dieser Saison aus unterschiedlichen Positionen punkto Umsetzung der Werbevorschriften ergeben und von Rolf Gasser nicht geklärt werden können, werden parkiert. Aufgeschoben, bis 2013 wieder eine Werbekommission als erstinstanzliche, sprich eine Rekurskammer als abschliessende Schlichtungsstelle installiert ist.

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