Lommiswil

Nathalie Schneitter nimmt an erster E-Mountainbike-WM teil – ihr Weg zum Wettkampf ist verrückt

Nathalie Schneitter am Mountainbike World Cup in Val di Sole.

Nathalie Schneitter am Mountainbike World Cup in Val di Sole.

2016 beendete Nathalie Schneitter ihre Karriere als Mountainbike-Fahrerin. Erst kürzlich begann sie, auf dem E-Mountainbike Rennen zu fahren – und fährt gleich an die Premieren-WM in Kanada. Dabei erhält die Solothurnerin keine Unterstützung.

Eigentlich ist Nathalie Schneitter vor drei Jahren vom Spitzensport zurückgetreten. Doch nun startet die Solothurner Mountainbikerin in Kanada doch noch einmal an einer WM. In Mont-Sainte-Anne werden am Mittwoch nämlich die ersten offiziellen E-Mountainbike-Weltmeister erkoren. «Es gibt nur einmal ein erstes Mal, bei diesem historischen Moment will ich dabei sein», sagt sie sich.

Ohne professionellen Support, nur mit Vater und Mutter als Unterstützung, gewann Nathalie Schneitter zwei Rennen der neuen «E-MTB-WorldSeries» und zwei Rennen im Rahmen des UCI-Weltcups. So qualifizierte sie sich für die WM, ohne es geplant zu haben.

«Vor drei Jahren hätte ich mich nicht einmal getraut, mich bei Tageslicht auf einem E-Bike sehen zu lassen. Heute finde ich es cool», beschreibt Nathalie Schneitter, wie sie irgendwie in die neue Disziplin hineingerutscht ist. «Mich interessierte die Entwicklung der E-Mountainbikes und deshalb wollte ich diesen Frühling ein paar Rennen bestreiten.»

Keine Unterstützung vom Verband, Rabatt fürs Dress

Nach der WM-Qualifikation meldete sich die 33-Jährige aus dem solothurnischen Lommiswil, die unter anderem für die Solothurner Bike Days und das Urban Bike Festival in Zürich arbeitet, bei Swiss Cycling mit der Bitte, dass man sie als Starterin für die Schweiz an der WM anmelden werde.

Die Bitte wurde erfüllt, aber Unterstützung gibt es keine. Der Verband organisiert keine Delegation. Und die im Zusammenhang mit einer WM-Teilnahme entstehenden Kosten müssten selbst getragen werden. Dank ihrer guten Vernetzung im Radsport sei es ihr trotzdem gelungen, Sponsoren zu finden. Aber das offizielle Schweizer Dress, das Nathalie Schneitter beim Rennen tragen wird, musste sie aus dem eigenen Sack bezahlen.

Immerhin gab es einen Rabatt von 20 Prozent, das Dress kostete also «nur» 200 statt wie sonst im Laden 250 Franken. Beim Schweizer Radsportverband macht man kein Geheimnis daraus, dass man durch die Entwicklung überrumpelt wurde. «Eine Sparte E-Bike existiert bei uns noch nicht», erklärt Micha Jegge, Leiter Kommunikation bei Swiss Cycling. «Deshalb stehen auch noch keine Fördergelder bereit.»

Die UCI, der Internationale Radsportverband, habe sehr kurzfristig entschieden, ein EBike-Rennen im Rahmen der Mountainbike-WM durchzuführen. «Vermutlich geht es der UCI darum, das Terrain zu besetzen, damit nicht plötzlich ein anderer Verband, zum Beispiel Motocross, die Sparte E-Bike für sich beanspruchen kann», meint Jegge.

Swiss Cycling nimmt ganz offiziell eine abwartende Haltung ein. «Wir haben grosse Zweifel an der Chancengleichheit für die Athleten», erklärt Micha Jegge die Position des Verbandes. «Die Motoren sind noch sehr unterschiedlich. Im Breitensport und im Freizeitbereich ist das E-Mountainbike eine tolle Sache, aber im Spitzensport noch nicht.»

Bei Swiss Cycling befürchtet man, dass nicht der beste Athlet oder die beste Athletin gewinnt, sondern dass die beste Ausrüstung über den WM-Titel entscheidet. «Nur wenn für die Rennen mit den E-Mountainbikes ein Modus definiert werden kann, der die Chancengleichheit garantiert, wird sich diese Disziplin durchsetzen.»

Nathalie Schneitter kann das Zögern des Verbandes nicht verstehen. «Das E-Bike ist ein grosses Thema mit einem riesigen Markt, aber E-Racing noch nicht. Ich finde es schade, dass sich der Verband in diesem Bereich nicht engagiert, denn das E-Bike ist eine grosse Chance, neue Leute für den Radsport zu begeistern.»

Die Software hat einen grossen Einfluss

Wie wichtig ist das Material beim E-Mountainbike aus Sicht einer Athletin? «Ich muss gleich viel Power haben wie beim Mountainbike und mein Puls geht beim E-Bike-Rennen genauso in die Höhe. Aber die Fahrtechnik ist noch wichtiger, denn das E-Mountainbike ist mehr als doppelt so schwer. Es ist eine andere Art, zu fahren. Das Vorderrad über eine Schwelle zu heben, braucht viel mehr Kraft. Erst danach hilft der Motor, über das Hindernis zu kommen. Man hat dann wie einen Teampartner.»

Nathalie Schneitter findet, dass die Software zur Steuerung des Motors viel wichtiger sei als die maximale Leistung. «Zu viel Schub lässt das Hinterrad durchdrehen. Das ist kontraproduktiv. Die Dosierung der Leistung ist entscheidend. Deshalb sind auch verschiedene Hersteller absolut konkurrenzfähig. Das Können und die Taktik der Rennfahrer werden diese Rennen entscheiden, nicht die Leistung der Motoren oder Batterien.»

An der WM sind E-Bikes zugelassen, die bis maximal 25 Stundenkilometern Unterstützung leisten. Gefahren wird im Cross-Country-Format, die Streckenlänge beläuft sich auf 5,6 Kilometer. «Schnelle Flachstellen machen ganz einfach keinen Sinn», sagt Schneitter. «Was man mit einem E-Bike befahren kann, sind steilere, längere und technisch schwierige Aufstiege. Deshalb muss die Charakteristik der Strecke deutlich anders sein.» Und damit die Ausdauer der Batterie nicht entscheidend wird, werden die E-Bike-Rennen mit maximal 75 Minuten eher kurz ausgelegt.

Wer am 28. August am Start stehen wird und wer eine Chance auf den ersten WMTitel in der Sparte E-Mountainbike gewinnen wird, das könne sie nicht einschätzen. «Es gibt irgendwie noch keinen Massstab, ich lasse mich überraschen», sagt Nathalie Schneitter. «Ich möchte erleben, was da passiert, und Teil dieser spannenden Entwicklung sein.»

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