Kanu
Mike Kurt: Der Besessene entdeckt die Gelassenheit

Der Solothurner Mike Kurt startet am Mittwoch in Deep Creek (USA) zur Slalom-Kanu-WM – mit einer speziellen Vorbereitung. «Ich trainiere ich nur noch halb so oft wie früher», sagt der 34-Jährige.

Fabian Sanginés
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Mike Kurt entschied sich kurzfristig zur WM-Teilnahme.

Mike Kurt entschied sich kurzfristig zur WM-Teilnahme.

KEYSTONE

Kurz vor dem Abflug steht dem Kanu Welt- (2003) und Europameister (2004) die Marschroute für die anstehende WM ins Gesicht geschrieben. Mike Kurt strahlt über beide Ohren, wenn er sagt: «Ich freue mich unglaublich auf das Rennen.» Und das, obwohl der 34-Jährige seit über einem Jahrzehnt zu den besten Kanufahrer der Welt gehört und bereits an drei Olympischen Spielen teilgenommen hat.

Seit Kurt zusammen mit Fechter Fabian Kauter die Crowdfunding-Plattform «I believe in you» lanciert hat, fehlte dem zehnfachen Schweizer-Elite-Meister schlicht die Zeit, zwei- bis dreimal täglich zu trainieren. «Die Nachfrage rund um die Plattform ist geradezu explodiert. Mittlerweile ist es ein kleines Unternehmen geworden», sagt Kurt und ergänzt: «Deshalb trainiere ich nur noch halb so oft wie früher.»

Weiter an der Weltspitze

Dem erfahrenen Kanuten ist durchaus bewusst, dass es mit diesem Aufwand eigentlich nicht mehr zur Weltspitze reichen kann. Eigentlich: «Bei meinem Comeback an der EM in Prag bin ich zwar sang- und klanglos untergegangen. Aber bei den letzten beiden Weltcup-Rennen habe ich die Medaillenplätze mit den Rängen 4 und 6 nur knapp verpasst – das war ein Wahnsinns Gefühl.»

Aufgrund dieser beachtlichen Ergebnisse hat Kurt neuen Mut für das anstehende Kräftemessen mit den besten Kanuten der Welt geschöpft. «Erst kurzfristig habe ich mich für eine Teilnahme an der WM entschieden. Ich war selber überrascht, dass mir das Kanufahren derzeit so viel Spass macht», erklärt Kurt und legt noch einen obendrauf: «Wahrscheinlich hatte ich noch nie so viel Freude am Sport wie jetzt.»

Diese Freude ist wohl ein Produkt der neu gewonnenen Lockerheit des ehemals fast besessen arbeitenden Kanuten. Während Kurt vor den Olympischen Spielen sein Kanu mehrmals mit Verbesserungswünschen zurück an den Hersteller schickte, steigt der Solothurner heute mit einem Boot ins Rennen, für das er sich vor zwei Wochen spontan entschied. «Früher wäre das undenkbar gewesen», sagt Kurt.

In dieser Gelassenheit sieht Kurt seinen grössten Trumpf in Deep Creek, wo er als letzter aller Athleten eintreffen wird: «Natürlich habe ich aufgrund der geringeren Anzahl an Trainings weniger Kraft. Dafür bin ich agiler und kann instinktiver agieren.» Mit der Erfahrung von 20 Kanu-Jahren sicher kein schlechtes Argument.

Unberechenbare Strecke

Trotz dem ganzen Spass und der unbekümmerten Einstellung bleibt der Ehrgeiz des zweifachen zweiten des Gesamtweltcups (2007 und 2010) ungebrochen. «Mein Ziel ist natürlich der Einzug in den Final, also in die Top-Ten», sagt Kurt. Dies, obwohl die Strecke kein Zuckerschlecken werden soll: «Ich kenne den Kanal nicht, aber wie man sagt, soll er ziemlich unberechenbar sein.»

Wie lange die Kanu-Karriere des 34-Jährigen nach der WM noch andauern wird, lässt sich Kurt bewusst offen. «Vor ein paar Monaten schien eine Teilnahme in Rio 2016 utopisch zu sein. Mittlerweile schliesse ich aber nichts mehr aus», sagt Kurt.

Zuerst steht in Deep Creek aber der nächste Höhepunkt in der von Highlights gespickten Karriere an. Man würde es dem Solothurner Ausnahmekanuten gönnen, sollte er in Übersee dank seiner Lockerheit mal eben eine Medaille aus dem Ärmel schütteln.

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