Feldschiessen
Kranz hat nichts mit Blumen auf dem Haar zu tun

Das Eidgenössische Feldschiessen, das grösste Schützenfest der Welt, vereint Spitzen- und «Ab-und-zu»-Schützinnen. André Marchon holt sich seinen dritten Königstitel im Wasseramt – für Milena Schläfli steht die Freude im Vordergrund.

Michael Schenk
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Feldschiessen als romantische Tête-à-tête: Von ihrem Freund unterstützt nimmt Milena Schläfli das Zentrum der 300 m entfernten Scheibe ins Visier. Bilder msk

Feldschiessen als romantische Tête-à-tête: Von ihrem Freund unterstützt nimmt Milena Schläfli das Zentrum der 300 m entfernten Scheibe ins Visier. Bilder msk

Den allerletzten seiner 18 Schuss hat er etwas hoch im Korn. Prompt schlägt die Patrone links oben, knapp neben dem Zentrum ein. Darum «nur» eine 3 und «nur» 71 von 72 möglichen Punkten. «Nur» wohlverstanden in dicksten Anführungszeichen: Für viele bleiben solche Resultate am Feldschiessen pure Utopie. Nicht so für den 54-jährigen Andrè Marchon aus Langendorf. Zweimal schon, 2009 und 2011 war den Bodenleger Feldschützenkönig im Wasseramt. Vor vier Jahren mit dem Maximum. «Um 72 Punkte zu erzielen, braucht es immer auch das nötige Quäntchen Glück», sagt er. Insofern ärgere ihn der eine, verlorene Punkt nicht. Umso mehr, als dass Marchon auch heuer, zum dritten Mal also, den Thron des besten Feldschützen in seinem Bezirk besteigen konnte.

Nachdem der Schützenmeister von der SG Biberist sein Spitzenresultat erzielt hat widmet er sich den Vereinskollegen respektive deren Bekannten, die sich ebenfalls in die Feuerlinie legen. «Ich berate und unterstütze sie während ihrem Wettkampf, räumt der Meister ein. Der nervenstarke Solothurner, der 2011, als er mit zwei Konkurrenten um die Krone stechen musste, in dieser Barrage ebenfalls maximale 72 Ringe erzielte. Wer wäre da also nicht froh um Marchons Tipps.

Das Feldschiessen sei für ihn jedes Jahr ein Highlight, räumt Letzterer ein. Ein Fest unter Kameraden und Bekannten. Auf der Schiessanlage in Gerlafingen steht ein Festzelt und die Standarten der Vereine aus der Vereinigung Bannholz thronen an den jeweiligen Tischenden. Draussen tut das Pflotsch-Wetter der guten Laune keinen Abbruch. Wenn die trübselige, meteorologische Gegenwart irgendwem nebst Schnecken und Regenwürmern Freude bereitet, dann mitunter etlichen Top-Schützen. «Die Bedingungen sind ideal», hält Marchon fest. Kein Wind und nichts am Himmel, das einen blenden oder das Scheibenbild verzerren könnte.

Mit 33 von den 72 möglichen Punkten muss sich heuer Milena Schläfli begnügen. «Neben mir hat einer mit einem alten Sturmgewehr geschossen. Jedes Mal wenn der abgedrückt hat es mich durchgeschüttelt und so laut geknallt», erzählt die 21-jährige Solothurnerin. Eine mögliche Erklärung für den einen oder anderen verfehlten Punkt. Die Bekleidungsgestalterin, die im Alltag primär mit Nadel und Schere «bewaffnet» operiert, gehört indes nicht zu den Verbissenen der Gilde. Sie ist wegen ihrem Freund, Marco Hirter, dabei. Letzterer ist der Sohn des Präsidenten von der SG Gerlafingen. «So bin ich in die Schützenfamilie reingerutscht», erzählt Milena Schläfli. Und: Es bereite ihr Freude, ans Feldschiessen zu kommen, und sich unter die generationen durchmixte Schützenschar zu gesellen. «Ich finde es schön, hier mit älteren und gleichaltirgen zusammenkommen und sich über was auch immer zu unterhalten», erzählt sie. Man geht nach dem Feldschiessen eben nicht sofort heim.

Milenas Freund liegt im Schiessstand direkt, fast schon idyllisch, an ihrer Seite. Er kümmert sich um alles, was nicht mit Zielen und Abdrücken zu tun hat. Zum Beispiel Visier einstellen also, laden, sichern, entsichern und so weiter – Feldschiessen-Romantik. Milena ist seit acht Jahren Schlagzeugerin.Insofern ist sie sich lautes «Bumm-Bumm-Tätsch-Bumm» durchaus gewohnt. Trotzdem: Am Anfang habe ihr die Waffe Angst gemacht. «Ich habe einen Moment gebraucht, um zu begreifen, dass die Waffe für Schützen ein Sportgerät ist.» Wie der Ball für Handballer wie ihren Freund Marco etwa, der die U13 des TV Gerlafingen coacht. Mit der Bereitschaft, sich auf ein Feldschiessen einzulassen, kann der oder die Laie durchaus die Erfahrung spüren, dass es immer in erster Linie der- oder diejenige hinter der Waffe ist, die diese gefährlich oder ungefährlich macht. Zum lebensbedrohlichen Kriegsinstrument oder zum friedlichen Sportgerät. Letzteres in einer Sportart notabene, bei der das Geschlecht hinsichtlich Chancen keine Rolle spielt.

Milena Schläfli hat gleich bei ihrer ersten Teilnahme vor zwei Jahren den Kranz herausgeschossen, «Alle kamen, um mir zu gratulieren», erinnert sie sich. Dabei «wusste ich gar nicht, was das ist. Zuerst dachte ich, es sein ein Blumenkranz für auf den Kopf.» Inzwischen weiss sie, dass dem nicht so ist; auch wenn es heuer nicht für die Medaille zum anhängen gereicht hat.

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