Hornussen
«Ich will wieder so gut werden wie vor meinem Unfall»

Ein Glas greifen und ohne nachzudenken daraus trinken, kann Christof Aebi seit seinem Unfall auf dem Hornusser-Bitz nicht mehr. Aber, schier unglaublich, Hornussen und sogar gewinnen, das kann er wieder.

Michael Schenk
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Ein Moment, den Christof Aebi nie mehr vergessen wird.

Ein Moment, den Christof Aebi nie mehr vergessen wird.

ZVG

Es entbehrt nicht eines «Touchs» britisch-dunklen Humors, wenn er sagt: «Ich schaue die Welt jetzt mit anderen Augen an.» In der Tat: Am 4. Mai war es, als Spitzenhornusser Christof Aebi beim NLA-Meisterschaftsspiel in Epsach von einem heranschiessenden Nouss voll im rechten Auge getroffen wurde. Die Schmerzen waren «unvorstellbar.» Allein dank der Geistesgegenwart seiner Kameraden ist das Auge überhaupt noch da. Sehen freilich kann der 46-Jährige damit nie mehr.

Seit jenem Streich, wie die Hornusser einen Schlag nennen, herrscht auf dem rechtem Auge Nacht. Inzwischen ist das Auge mit Silikon-Öl gefüllt, damit es «nicht aussieht wie eine «verdörrte Zwetschge», meint Aebi. Das Öl ersetzt das sonst produzierte Wasser und gibt dem Auge das nötige Volumen. Wie lange diese kosmetisch elegante Lösung jedoch hält, ist offen: «Ich kann das Auge jeden Tag verlieren, es aber auch noch ewig so behalten», sagt der Unteremmentaler. Die Entscheidung liegt allein bei seinen Zellen, die über Verträglichkeit oder Abstossen der Silikon-Lösung entscheiden.

Aebi, der «Büezer»

Der Werkhofangestellte, der sich vor dem Unfall gewohnt war, um 5.30 Uhr aufzustehen und «ufem Bügu» mit Fahr- und Werkzeugen aller Art zu schneiden, putzen oder räumen, und nach der «Büez» noch weiter zu «chrampfen» ist jetzt gezwungen, zu entschleunigen. «Ich muss fast alles wieder neu lernen und bin bei sehr viel, was vorher normal war, auf Hilfe angewiesen», hält der Turm von Mann fest. Seine Frau habe ihr Leben völlig umgestellt und es ihm angepasst. «Einfach ein Glas nehmen und daraus trinken geht nicht», erzählt Aebi. Autofahren eh nicht und genauso wenig «hurti, hurti aufstehen und die vor dir liegenden 50 m gehen». Tue er dies, laufe er garantiert irgendwo dagegen oder falle gar, wie kürzlich, die Treppe hinunter.

«Ich muss beim Gehen ständig nach unten schauen, um irgendwelche Unebenheiten zu erkennen und gleichzeitig den Kopf stark nach rechts drehen, weil ich von dieser Seite ja nichts mehr sehe.» Eine schwierige Übung, da man die Welt links von sich auch nicht gänzlich ignorieren darf. Wenn er dann da unten an der Treppe liege, hadere er nicht mit seinem Schicksal, und verfluche nicht den Tag, als er keinen Helm trug, und dafür arg bestraft wurde, sagt Aebi. «Ich hadere mit mir, weil ich dies und das nicht so kann, wie ich das will.» Die Rückkehr zur Normalität ist nur langsam möglich. «Ich weiss, dass ich Geduld brauche.» Für einen Schaffer wie ihn indes, ist dies «sehr, sehr» schwer. Besonders jetzt, sechs Monate nach dem Unfall, da der Alltag wieder alltäglicher und das Unwirkliche wirklicher geworden ist; respektive sich auch der Schockpegel im Umfeld normalisiert.

«Wollte nie aufhören»

Wie jedes Gute sein Schlechtes hat auch alles Schlechte sein Gutes. Auch das hat Aebi schon erfahren. «Ich bin ein willensstarker Mensch», sagt er. Folglich war für ihn sofort klar: «Ich will auf den Hornusser-Bitz zurück.» So schnell wie möglich. «Ich will wieder so gut werden wie früher», sagt er. Und es ist schier unglaublich: Aebi ist schon wieder zurück. Und wie: Vier Monate nach seinem Unfall hat er in Hettiswil das interkantonale Fest gewonnen. Ein unbezahlbarer Moment für seine Moral und sein Selbstvertrauen; aber auch surreal. Selbst mit Adleraugen ists für Laie extrem schwer, den kleinen Nouss auf dem Bock mit dem langen Stecken zu treffen. Die Krux liegt just im Abschätzen der Distanzen.

Aebi, der exakt in dieser Beziehung vom Leben hart herausgefordert wird, steht hin und haut die Kunststoffscheibe, fast blind, mehrfach 280 m ins Feld hinein. Ein Topresultat. «Alles Gefühl», meint er fast entschuldigend. Die Freude auf jeden Fall, die er in dem Moment des Triumphs in sich, bei seiner Familie, seinen Klubkollegen und seinen Hornusserfreunden gespürt habe, sei unbeschreiblich. «Alle diese Menschen haben mich während der schweren Zeit enorm unterstützt, wofür ich sehr dankbar bin. Umso ergreifender war dieser Moment für mich», so Aebi. Und: «Ich habe ja an diesem Fest nicht mitgemacht, um zu gewinnen – ich wollte einfach wieder dazugehören.» Teil der Hornusserfamilie sein, die ihm so sehr am Herz liegt.

Gewonnen hat er die Konkurrenz in der 4. Stärkeklasse, nicht mehr in der 1., wie vor dem Unfall. Mit dem Geld für den Sieg hat sich Aebi eine Treichel fertigen lassen. «Immer wenn ich diese Treichel künftig anschaue, wird sie mich an diesen speziellen Moment erinnern.» Er möge eben unvergängliche Dinge. Tatsächlich gab es in Hettiswil aber auch solche, die den vormaligen NLA-Spieler – trotz Unfall – als unpassend für die 4. Klasse hielten und ihn als Preisabsahner kritisierten. «Das tut dann schon weh», mein Christof Aebi. «Jä nu», sagt er.

Nur eine Woche nach seinem Sieg widerfuhr dem Utzenstorfer auf dem Festplatz erneut tiefes Glück. «Mein Sohn hat sich seinen ersten Kopfkranz erkämpft und ich durfte mit ihm im gleichen Team spielen», so der stolze Vater. «Ich habe mich so dermassen gefreut – mehr als über alles, was ich selber gewonnen habe. Es war wunderbar.» Ein Moment für Christof Aebi, den er ohne Unfall, so zweifellos nicht erlebt hätte . . .

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