Frauenfussball

Der Fussballgott stehe ihnen bei

Mit Servette treffen die Frauen des FC Erlinsbach im Schweizer Cup auf das momentan erfolgreichste Team der Schweiz.

Mit einem 6:1-Heimsieg gegen GC untermauerte der Servette FC Chênois am Samstag seine Favoritenrolle in der Women’s Super League. Die Genferinnen haben sechs von sieben Spielen gewonnen, dabei 28 Tore erzielt und nur deren vier Gegentreffer kassiert. Am nächsten Samstag trifft das aktuell beste Team der Schweiz im Sechzehntelfinal des Schweizer Cups auf den FC Erlinsbach aus der 1. Liga.

«Die Vorfreude ist da, aber bis jetzt nehmen es die Spielerinnen noch ziemlich gelassen», sagt Trainer Thomas Müller in der Woche vor dem Cup-Knüller. «Bei uns beiden ist die Freude wohl fast schon grösser», ergänzt Assistenztrainer Philippe Loretan. Für ihn ist der Leader der Women’s Super League ein Traumlos. Für Müller weniger: «Ich hätte mir eher einen Gegner gewünscht, gegen den wir eine grössere Chance hätten, an der Sensation zu schnuppern.»

Gegen GC und YB lag lange eine Sensation in der Luft

Darin hat der FC Erlinsbach Erfahrung. 2015 verlangte man im Cup den Grasshoppers aus der höchsten Spielklasse alles ab, kam nach einem 0:2-Rückstand wieder heran und musste erst fünf Minuten vor Spielende das entscheidende Gegentor einstecken. «Alain Sutter, der damals Trainer bei GC war, wurde langsam nervös auf der anderen Seite», erinnert sich Loretan und muss lachen. In der vergangenen Saison wäre der FC Erlinsbach beinahe zum Stolperstein für die Young Boys geworden. Diese führten auf der Breite lange Zeit nur mit 2:1 und hatten Glück, nicht noch in die Verlängerung zu müssen. Stattdessen glückte den Bernerinnen in der 88. Minute das 3:1.

«Wir haben uns im Vorjahr gegen YB sehr gut gewehrt. Das war auch für die Zuschauer lässig, weil die Sensation immer in der Luft lag», sagt Müller. Gegen Servette seien die Voraussetzungen allerdings ganz anders, die Chancen verschwindend gering. Deshalb hätte der 43-Jährige lieber einen anderen Gegner bekommen. «Ich würde gerne mal ein NLB-Team schlagen. Unsere Chancen wären wohl etwa bei 20 bis 30 Prozent. Gegen NLA-Klubs wie St. Gallen, Luzern oder YB liegen diese vielleicht noch bei fünf Prozent. Ich weiss nicht, wie gross der Fussballgott sein muss, damit gegen Servette etwas möglich ist für uns.»

Für diese Aussage kassiert Müller einen erstaunten Blick von seinem Assistenten. «Das sind ja ganz neue Töne», sagt Loretan grinsend. «Sonst bist du doch immer der Meisterstratege, der für jeden Gegner den passenden Plan ausheckt.» Das komme schon noch, beschwichtigt Müller: «Bis jetzt konnten wir noch bei jedem Team eine kleine Schwäche ausmachen.» Wieder etwas ernster fügt er hinzu, dass es vermessen wäre, sich gegen Servette etwas zu erhoffen. «Aufgrund ihrer Klasse, den vielen Nationalspielerinnen und wenn man sieht, was sie in den letzten anderthalb Jahren geleistet haben, besteht die Gefahr, dass es eine sehr deutliche Angelegenheit wird.»

In der Meisterschaft läuft es aktuell gut für die Frauen des FC Erlinsbach, die mit drei Siegen aus vier Spielen den dritten Platz belegen in der 1. Liga – nach Verlustpunkten ist Erlinsbach gar Leader. Die bislang einzige Niederlage resultierte gegen die zweite Equipe des Cupgegners vom Samstag. «Servette war besser, vor allem sehr ballsicher, und hatte aufgrund der Natipause vier, fünf Spielerinnen aus dem Kader der ersten Mannschaft dabei», sagt Müller. «Wir sind zwanzig Minuten lang geschwommen.»

«Wenn wir gut spielen, gewinnen wir viele Spiele»

Ein offizielles Saisonziel hat sich das FCE-Trainerduo nicht gesetzt. Die beiden lassen allerdings durchblicken, dass sie mit einem Spitzenplatz liebäugeln – im Vorjahr war Erlinsbach zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs auf dem zweiten Platz klassiert. «Wenn wir gut spielen, unsere Leistung abrufen, dann werden wir auch dieses Jahr sehr viele Spiele gewinnen», sagt Müller. Die grösste Stärke des Teams sei die Ausgeglichenheit. «Wir können sehr viel rotieren und spielen eigentlich nie zweimal hintereinander mit der gleichen Aufstellung», führt Loretan aus.

Das aktuelle Kader bestehe zum grössten Teil aus Spielerinnen im Alter von 20 bis 28 Jahren. «Plus vier, fünf Junge, die wir heranführen ans Team», ergänzt Müller. «Die jüngste Spielerin ist 13. Ich würde sagen, wir haben einen sehr guten Mix im Team.» Der Umgang untereinander sei herzlich, fügt Loretan an. «Es ist wie in einer Familie.»

Am Samstag werde die gesamte FC-Erlinsbach-Familie die Frauen gegen den Spitzenreiter der Super League antreiben. «Die Solidarität unter den verschiedenen Teams im Klub ist gross», sagt Loretan. Müller hofft, dass zwischen 300 und 500 Zuschauer zugegen sein werden. Und wie lautet der Plan des Meisterstrategen? «Wir werden versuchen, ab der Mittellinie hinten zuzumachen. Und wir wollen mutig nach vorne spielen, vor allem, wenn wir mal eine Chance für einen Konter erhalten sollten.» Details zur Taktik wollte er nicht preisgeben.

Autor

Raphael Wermelinger

Raphael Wermelinger

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