Gschobe #31
Soll Roger Federer nur noch mit links spielen?

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 45 und 48, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell; David, Lehrer, Speicher AR; Tobias, Consultant, Zürich; Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG; François, Journalist, Windisch

François Schmid-Bechtel
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François: Im Moment scheint es ziemlich in Mode zu sein, für mehr Gerechtigkeit im Sport zu sorgen.
Pius: Ist doch richtig so. Schliesslich ist Bayern München im Champions-League-Halbfinal nicht an Real Madrid, sondern am Schiedsrichter gescheitert. Den Bayern wurden im Rückspiel zwei Penaltys verwehrt. Mit Videobeweis stünde nicht Real, sondern Bayern im Final. Dabei wurde Real schon im Viertelfinal gegen Juventus vom Schiedsrichter bevorzugt, der kurz vor Schluss einen Penalty für Real erfand.
François: Es geht mir jetzt weniger um Reals Schiedsrichter-Bonus als um die Frage: Wann ist Frau eine Frau und darf als Frau gegen andere Frauen laufen?
Flavio: Du sprichst in Rätseln.
François: Ja, weil das Thema irgendwie rätselhaft ist. Caster Semenya, Südafrikanerin, zweifache Olympiasiegerin über 800 Meter, ist intersexuell. Weil ihr natürlicher Testosteron-Wert sehr hoch ist, hat sie einen Vorteil. Das gefällt nicht allen. Deshalb verlangt nun der internationale Leichtathletikverband eine – überspitzt formuliert – chemische Kastration. Semenya darf nur weiter bei den Frauen starten, wenn sie Medikamente zur Reduktion ihres Testosteron-Werts nimmt. Dabei gibt es kaum Studien über die Folgen dieses Medikamentenkonsums.
David: Ich finde das absurd. Denn es ist nachgewiesen, dass Intersexualität in Afrika viel verbreiteter ist als beispielsweise in Europa.
Pius: Warum?
David: Weil bei uns Intersexuelle medizinisch schon früh erkannt werden und man sie im Kindesalter in die eine oder andere Bahn lenkt.
François: Genau. Deshalb ist der eigentlich hehre Ansatz von mehr Chancengleichheit im Sport absurd. Denn eine Nivellierung der körperlichen und genetischen Voraussetzungen, des Talents oder der Trainingsmöglichkeiten ist unmöglich.
Tobias: Allein der Versuch ist absolut hirnverbrannt. Nehmen wir als Beispiel die äthiopischen Langstreckenläufer. Der Legende nach sind sie auch so gut, weil sie im Kindesalter täglich 20 Kilometer in die Schule laufen. Soll man zwecks Chancengleichheit gegenüber den wohlstandsverwahrlosten Athleten aus Westeuropa künftig nur Äthiopier starten lassen, die nachweislich mit dem Bus zur Schule gefahren sind?
David: Oder sollen Skifahrer aus dem Flachland 200 Meter weiter unten starten als jene aus den Bergen?
Flavio: Oder soll Roger Federer, der zweimal an die Reihe gekommen ist, als Gott das Ballgefühl verteilt hat, gegen Spieler ausserhalb der Top 20 nur noch mit links spielen?
David: Oder soll einer wie Usain Bolt nicht mehr sprinten dürfen, weil seine Beine zu lang sind?
Tobias: Oder sollen die Zürcher Klubs mit 5 Pluspunkten in die Saison starten, weil sie im Gegensatz zur Konkurrenz kein richtiges Fussballstadion haben?
David: Gerechtigkeit und Chancengleichheit im Sport ist eine Utopie. Gut gemeint. Aber ein Hirngespinst der Funktionäre.
François: Wobei ... Für den Champions-League-Final zwischen Real Madrid und Liverpool hätte ich schon eine Idee zu mehr Chancengleichheit.
Pius: Da bin ich jetzt mal gespannt.
François: Ganz einfach: Das Spiel findet ohne Schiedsrichter statt.

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