Handball-WM
So wie die Handballer wollen wir alle unsere Nationalteams sehen - gilt übrigens auch für die Fussballer

Die Schweizer Handball-Nati hat nicht nur sportlich überzeugt. Auch mit ihrem Verhalten und dem beeindruckenden Teamgeist hat sie die Menschen in der Schweiz berührt. Die Analyse.

François Schmid-Bechtel
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Unser Handball-Nationalmannschaft als verschworene Einheit.

Unser Handball-Nationalmannschaft als verschworene Einheit.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Die Schweizer haben an der WM mehr erreicht, als man erwarten konnte. Zwei Erfolge gegen Teams (Österreich und Island), die höher eingestuft werden. Dazu die äussert knappe Niederlage gegen Frankreich, den Weltmeister von 2015 und 2017. Zwei ambitionierte Vorstellungen gegen die Handball-Beletage aus Norwegen und Portugal. Und zum Schluss ein souveränes 27:24 gegen Algerien.

Es war ein Tag für die Ewigkeit, der nach dem Österreich-Sieg zu Ende ging. Erstmals seit 26 Jahren überhaupt an einer WM dabei, blieb den Schweizern kaum Zeit, sich für das Startspiel einzustimmen. Vom Zeitpunkt, als die Spieler in ihrem Zuhause erfuhren, dass sie für die USA nachrücken, blieben ihnen nur 44 Stunden bis zum ersten Auftritt gegen Österreich in Gizeh, Ägypten. Die Anreise am Spieltag wurde zu einem nervenaufreibenden Wettlauf gegen die Zeit. Das Gepäck traf erst eine Stunde vor Spielbeginn in der Halle ein. Eine seriöse Vorbereitung sieht anders aus.

Den Schweizer Handballern bieten sich nicht viele Möglichkeit, aus dem Schatten der grossen Publikumssportarten zu treten. Diese Chance haben sie an der WM genutzt. Mit grossem Sports- und Teamgeist. Die Schweizer offenbarten sich punkto Mentalität als regelrechte Titanen. Man hörte kein Lamento über die strapaziöse Reise am ersten Spieltag. Man vernahm keine gegenseitigen Vorwürfe nach Niederlagen. Keiner jammerte über die täglichen Coronatests. Und keiner sah sich bemüssigt, die Schutzkonzepte der Organisatoren zu kritisieren, wie es Norweger und Deutsche getan haben.

Unser Handball-Nationalmannschaft als verschworene Einheit.

Unser Handball-Nationalmannschaft als verschworene Einheit.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Neben den sportlichen Resultaten sind solche Softfaktoren entscheidend, ob man beim Publikum Goodwill schafft, ob man es mitreissen kann oder nicht. Wir erinnern uns nur ungern an die Doppeladler-Szene bei der Fussball-WM 2018, als die Nationalmannschaft wegen einer Geste von drei Spielern sehr viel Kredit verspielt hat. Es brauchte mehrere Wechsel in der Verbandsführung und viel Zeit, ehe sich die Beziehung zwischen Mannschaft und Bevölkerung normalisiert hat.

Die Schweizer Handballer sind clever genug zu wissen, dass sie nur als Einheit eine Chance haben, um auf der Weltbühne mitzuhalten. Das haben sie vorbildlich umgesetzt. Mit Solidarität, gegenseitigem Respekt und einem fabelhaften Teamspirit haben sie es geschafft, die Kräfteverhältnisse teilweise ausser Kraft zu setzen. Wir konstatieren weder ein flegel- noch ein divenhaftes Verhalten. Sondern sehen Athleten, die in jedem Moment zum Ausdruck bringen, wie dankbar, demütig und stolz sie sind, die Schweiz auf der internationalen Bühne repräsentieren zu dürfen. Genau so will man in der Schweiz seine Nationalmannschaft sehen, egal in welcher Sportart.

Kein Neid, keine Missgunst. Selbt die Ersatzspieler bringen in jedem Moment ihre Freude, ihre Verbundenheit und ihren Stolz zum Ausdruck.

Kein Neid, keine Missgunst. Selbt die Ersatzspieler bringen in jedem Moment ihre Freude, ihre Verbundenheit und ihren Stolz zum Ausdruck.

Petr David Josek / AP

Trainer Michael Suter sprach nach dem Triumph gegen Österreich vom «wichtigsten Sieg seit sehr vielen Jahren». Nun, das mit dem wichtigsten Sieg im Sport ist eine knifflige Sache. Der Schweizer Handball kann es sich nicht leisten, wieder Jahre auf den nächsten wichtigsten Sieg zu warten. Denn schon im Frühling ist der nächste wichtigste Sieg gefragt. Eigentlich noch wichtiger als jener gegen Österreich.

Die Handballer müssen sich regelmässig für Endrunden qualifizieren, damit das Feuer weiter brennt und der Aufschwung nicht abebbt. Nur ist der Start in die EM-Qualifikation alles andere als optimal verlaufen: 2 Spiele, 2 Niederlagen. Das bedeutet: Die Schweiz muss die beiden Partien gegen Finnland und auswärts in Nordmazedonien gewinnen, um das EM-Ticket auf sicher zu haben. Denn nur mit einer Teilnahme an der EM 2022 besteht die Möglichkeit sich für die WM im Jahr darauf zu qualifizieren. Und das würde wiederum die Chance erhöhen, dass der 37-jährige Ausnahmekönner Andy Schmid frühestens 2023 seine Karriere beendet. Ihn braucht es ebenso wie etliche Nachahmer, die den Wechsel ins Ausland wagen. Denn davon haben wir definitiv noch zu wenige: Spieler, die sich in einer Top-Liga regelmässig mit den Besten messen können.