WM-Qualifikation
So stellt San Marino stellvertretend für alle Fussballzwerge klar, warum sie auch dazugehören

Deutschland gab sich beim Gastspiel in San Marino keine Blösse und holte locker die drei erwarteten Punkte ein. Das Spiel gab im Nachhinein jedoch gleichwohl zu reden: Thomas Müller regte sich über die Platzverhältnisse auf, worauf sich der Verband verpflichtet fühlte, einen Brief an den deutschen Stürmer zu verfassen.

Sebastian Wendel und Marcel Kuchta
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Thomas Müller wurde im Anschluss an das WM-Qualispiel in San Marino hart kritisiert.

Thomas Müller wurde im Anschluss an das WM-Qualispiel in San Marino hart kritisiert.

Keystone

Hingefahren, 8:0 gewonnen, zum Glück unverletzt geblieben, zurückgefahren. Das Auswärtsspiel der Deutschen Nationalmannschaft in San Marino im Rahmen der WM-Qualifikation verlief wie erwartet: mit einem Sieg des David gegen den Goliath. Anlass zur Aufregung? Fehlanzeige.

Wenn da nicht die lose Zunge von Thomas Müller wäre. Der Stürmerstar der Deutschen motzte nach dem Spiel: «Mit professionellem Fussball hatte das nichts zu tun. Bei solchen Spielen und Verhältnissen auf solch schmierigem Platz ist man einer Gefahr ausgesetzt, die vielleicht nicht nötig ist.»

Die vielleicht nicht nötig ist? Mit diesen Worten stach Müller in San Marino in ein Wespennest. Alan Gasperoni, der Sprecher des Nationalen Olympischen Komitees, veröffentlichte auf Facebook einen Brief, in dem er Müller in zehn Punkten aufzählt, warum Spiele wie jenes zwischen San Marino und Deutschen eben doch nötig sind.

Hier der Brief von Seiten San Marinos:

Liebster Thomas Müller

du hast recht. Spiele, wie das vom Freitagabend bringen wirklich nichts. Dir. Dir, lieber Thomas, bringt es ausserdem nichts, quasi ohne Bezahlung nach San Marino zu kommen an einem Wochenende, an dem du, ohne Bundesliga, mit deiner Frau auf dem Sofa in deiner Luxusvilla hättest bleiben können.

Oder vielleicht hättest du an einer Veranstaltung deiner Sponsoren teilnehmen und mehrere Tausend Euro einwerben können. Ich versteh dich, aber ich verspreche dir, zehn gute Gründe zu liefern, warum ich denke, dass das Spiel San Marino - Deutschland sehr nützlich war und vielleicht denkst du noch mal drüber nach und sagst mir, wie du das siehst...

- Das Spiel war nützlich, weil es gezeigt hat, dass du nicht mal gegen so dürftige Teams wie das unsere ein Tor schiessen kannst. Und jetzt sag nicht, dass du nicht total angepisst warst, als Simoncini verhindert hat, dass du zum Torschützen wurdest.

- Das Spiel war nützlich, weil es deinen Managern (lass es auch Beckenbauer und Rummenigge wissen) gezeigt hat, dass der Fussball nicht ihnen gehört, sondern all denen, die ihn lieben, ob ihr wollt oder nicht - darunter sind auch wir.

- Es war nützlich, weil es Hunderten Journalisten aus ganz Europa gezeigt hat, dass es noch Jungs gibt, die ihren Träumen folgen und nicht euren Anweisungen.

- Es war nützlich, weil es gezeigt hat, dass ihr Deutschen euch nie ändern werdet und dass die Geschichte euch nicht gelehrt hat, dass Überheblichkeit nicht immer die Garantie für den Erfolg ist.

- Es war nützlich, weil es 200 Jungs aus San Marino, die das Spiel verfolgt haben, geholfen hat, zu verstehen, warum ihre Trainer sie immer auffordern, ihr Bestes zu geben. Möglicherweise werden eines Tages all die Opfer, die sie gebracht haben, nicht entlohnt, indem sie gegen den Weltmeister spielen.

- Es war nützlich, weil es deinem Verband genutzt hat (und auch unserem), um mit den Bildrechten Geld zu verdienen, das, davon abgesehen, dass es dir die Unannehmlichkeit entlohnt, dazu genutzt werden kann, Anlagen zu bauen für die Jugend aus deinem Land, für Fussballschulen und sicherere Stadien. Unser Verband, da verrate ich dir ein Geheimnis, wird einen neuen Fussballplatz in einem kleinen verlassenen Dorf bauen, das Acquaviva heisst. Du hättest den Platz mit sechs Monatsgehältern bauen können, wir machen das mit den Rechten an 90 Minuten Spiel. Nicht schlecht, oder?

- Es war nützlich, weil es einem Land, so gross wie ein Bereich deines Stadions in München, geholfen hat, aus gutem Grund in den Nachrichten zu sein, denn ein Fussballspiel ist immer ein guter Grund.

- Es hat deinem Freund Gnabry genutzt, um für die Nationalelf aufzulaufen und drei Tore zu schiessen. Jetzt kann er Werder nach einer Vertragserneuerung fragen und das Doppelte von dem verlangen, was er bis jetzt verdient hat.

- Es war nützlich, weil es einigen ein wenig Traurigen aus San Marino geholfen hat, sich daran zu erinnern, dass sie eine echte Nationalmannschaft haben. Passiert sicherlich auch euch, die ihr fast perfekt seid, dass sich einer meldet, wenn ihr verliert, und anfängt zu nerven, oder?

- Es hat mir gezeigt, dass ihr, auch wenn ihr die schönsten Adidas-Trikots tragt, trotzdem noch die seid, die drunter weisse Socken in Sandalen tragen.

In Liebe, dein Alan (Sprecher des Nationalen Olympischen Komitees von San Marino)

Und hier gehts zu einem Pro und Kontra aus aktuellem Anlass, mit dem Thema, ob es solche Spiele überhaupt noch braucht?

Löw für Vorqualifikation

Fakt ist: Gasperoni lässt eine Diskussion wieder aufleben, die in jüngerer Vergangenheit zwar in den Hintergrund rückte, aber dennoch die Gemüter bewegt. Eine Diskussion, in der es um die Spaltung zwischen Klein und Gross geht. Sollen die Grossen nur noch unter sich sein? Oder gehören in einer WM- und EM-Qualifikation Länder mit Amateurspielern wie San Marino, Malta, Gibraltar, Luxemburg, Liechtenstein oder die Färöer-Inseln einfach dazu?

Der Vorstandsvorsitzende von Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge, äussert sich seit Jahren dezidiert zum Thema: Für ihn sind Nationalmannschafts-Reisen in Länder wie San Marino reine Zeitverschwendung und nur ein Verletzungsrisiko für die teuren Bayern-Stars.

Auch der Deutsche Cheftrainer Jogi Löw sprach dereinst Klartext: «Der Terminkalender ist übervoll. Ich bin für die Einführung einer Vor-Qualifikation.» Heisst: Die Fussballzwerge spielen – analog der Qualifikation für die Champions League oder für die Europa League – unter sich aus, wer von ihnen sich anschliessend mit den Grossen messen darf.

Jogi Löw spricht sich für eine Vor-Qualifikation aus.

Jogi Löw spricht sich für eine Vor-Qualifikation aus.

Keystone

Das Unmögliche wird möglich

Die Vergangenheit gezeigt: Auch wenn es sehr selten vorkommt, so schaffen es die Kleinen doch immer wieder, die Grossen zu ärgern. Die Erinnerung an das Spiel der Schweizer in Andorra, das das PetkovicTeam mit Ach und Krach 2:1 gewinnen konnte, sind noch frisch. Die Heimpleite vor sechs Jahren gegen Luxemburg (1:2) sei an dieser Stelle auch noch erwähnt. Solche Beispiele legitimieren den Vergleich David gegen Goliath – oder?